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Erdrutsch in Sachsen-Anhalt „Wir dachten, wir sind sicher“

19.07.2009 ·  Das Unglück überraschte die Bewohner von Nachterstedt im Schlaf: Mit dumpfem Grollen und in Sekunden verschwanden ein Doppelhaus und die Hälfte eines zweiten Gebäudes in der Tiefe. Einsturzgefahr erschwert die Bergungsarbeiten, von den drei Vermissten gibt es noch immer kein Lebenszeichen.

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Das ehemalige Braunkohleabbaugebiet rund um den Concordiasee in Sachsen-Anhalt ist eine beliebte Urlaubsregion mit vielen Ferienhäusern. Der See ist ein sogenannter Tagebausee, der seit der Schließung des Bergbauwerkes 1990 geflutet wird. Aber niemand ahnte, was in der Nacht zum Samstag geschehen sollte: Eine Fläche von 350 auf 150 Meter verschwand in den Tiefen des Sees. Dabei wurden ein Doppel- und die Hälfte eines Mehrfamilienhauses mitgerissen. Teile einer Straße sackten ab, ein Aussichtspunkt ward nicht mehr gesehen. Es hatte dort stark geregnet in der Nacht zum Samstag. Ein Zusammenhang mit dem Unglück sei aber unwahrscheinlich, sagte Ursula Rothe, Sprecherin des Salzlandkreises.

Das zweistöckige Doppelhaus, in dem zwei Ehepaare lebten, ist komplett im See versunken. Von den Bewohnern werden drei vermisst: ein Ehepaar und ein Mann. Eine vierte Frau arbeitete, hatte Nachtschicht - und damit Glück. Ob sich auch noch ein 20 Jahre alter taubstummer Sohn, der nicht mehr fest bei seinen Eltern lebt, in dem Haus befand, ist noch nicht geklärt.

„Ich habe die Dachziegel rutschen hören“

Gegen 4.40 Uhr am Samstag morgen ging bei der örtlichen Polizei der Anruf einer Nachbarin ein, ein Haus sei abgerutscht. „Ich habe die Dachziegel rutschen hören“, erzählt ein Anwohner. Neben Polizei, Feuerwehr, Notdienst und Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks war auch ein Polizeihubschrauber aus Thüringen im Einsatz. Doch auch mit Wärmebildkameras blieb die Suche nach den Vermissten zunächst erfolglos. Bei Anbruch der Dunkelheit musste die Suche zudem unterbrochen werden.

Weil noch immer weitere Erdrutsche befürchtet wurden, konnten die Rettungskräfte nicht zu den komplett vom Wasser bedeckten Haustrümmern vordringen, in denen die Vermissten vermutet werden. „Nach den Personen kann nicht gesucht werden, es ist zu gefährlich“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. „Der Hang bewegt sich noch.“ Auch der Einsatz von Suchhunden erwies sich zunächst als „nicht erfolgreich, da es an der Abrisskante mehr als 100 Meter steil in die Tiefe geht“, sagte eine Polizeisprecherin. Die Unglücksstelle mit einem Durchmesser von etwa 500 Metern wurde wegen der unsicheren Lage weiträumig abgesperrt. Wer sich darüber hinwegsetzt, begebe sich in Lebensgefahr, hieß es.

Etwa vierzig Anwohner wurden in Notunterkünften oder bei Verwandten untergebracht. Ihre Verzweiflung ist groß: „Unser Haus steht noch, aber wenn ich sehe, dass beim nächsten schon eine Wand weg ist, so weiß ich nicht, wie sich das noch entwickelt“, berichtet eine Frau. „Ich kann nicht zusehen, wie mein Haus weggeschoben wird“, sagt einer anderer.

Katastrophentourismus „macht uns arg zu schaffen“

Die Unglücksursache ist noch immer unklar. „Keine Ahnung, wie das passieren konnte“, sagt Bürgermeister Siegfried Hampe. „Wir dachten, wir sind sicher hier.“ Der nächtliche Regen sei nicht so heftig gewesen, dass er der Grund für das verheerende Geschehen sein könne. Polizei und Kreisverwaltung vermuten deshalb einen Zusammenhang mit der früheren Braunkohleförderung. „Die Frage nach den Ursachen ist zur Zeit aber reine Spekulation“, sagt Ursula Rothe. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die für die Sicherung und die Flutung des Tagebausees zuständig ist, ging allerdings in einer ersten Reaktion davon, aus, dass die heftigen Regenfälle das Unglück ausgelöst hätten. „Es wird heute und bestimmt auch morgen noch keine endgültige Erklärung geben“, sagte ein Vertreter vom Landesbergamt in Halle. „Wir ermitteln nach allen Richtungen.“ Am Samstagnachmittag riefen die örtlichen Behörden die Bevölkerung dazu auf, auf Katastrophentourismus zu verzichten. „Die Straßenränder sind voller Menschen, das macht uns arg zu schaffen“, sagt Frau Rothe.

Der zur Zeit etwa 350 Hektar große See, der seit 2002 zum Schwimmen freigegeben ist, wurde von der Polizei für Wassersportler gesperrt. Seit 1994 wird dem rund 650 Hektar großen Krater Wasser zugeführt; erst in zwei Jahren hätte der See die maximale Fläche erreicht. Der Erdrutsch von schätzungsweise einer Million Kubikmeter Masse hatte eine Flutwelle ausgelöst, wobei auch ein Ausflugsschiff an Land gespült wurde. „Das Ausmaß der Katastrophe ist unvorstellbar“, sagt Ursula Rothe.

Nachterstedt, das in der Nähe von Quedlinburg südwestlich von Magdeburg liegt, bot zu DDR-Zeiten dank des Kohlebauwerkes mehreren tausend Menschen einen Arbeitsplatz. Seit 1865 wurde dort Kohle abgebaut. Die verschwundenen Häuser wurden vor ungefähr 80 Jahren als Werkswohnungen für die Bergbauarbeiter gebaut.

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