24.10.2005 · Noch immer sind nach dem Erdbeben in Pakistan zahlreiche Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten, Millionen von Menschen obdachlos - und in wenigen Wochen wird mit den ersten Schneefällen gerechnet. DRK-Mitarbeiter Frederik Barkenhammar berichtet im FAZ.NET-Interview über die Not der Flüchtlinge.
Gut zwei Wochen sind seit dem verheerenden Erdbeben in Pakistan vergangen, und die Lage in der Katastrophenregion wird für die Betroffenen immer schwieriger. Noch immer sind zahlreiche Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten, Millionen von Menschen obdachlos - und in wenigen Wochen wird mit den ersten Schneefällen gerechnet. Frederik Barkenhammar, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes, war bis Sonntag vor Ort und berichtet im FAZ.NET-Interview über die Not der Flüchtlinge in der Region Muzaffarabad.
Wie geht es den Menschen in der Erdbebenregion?
Alleine in Pakistan starben mehr als 48.000 Menschen, etwa 70.000 wurden verletzt. In der gesamten Kaschmir-Region sind seitdem mindestens drei Millionen Menschen obdachlos. In Muzaffarabad, wo ich jetzt eine Woche war, wurden weite Teile der 150.000-Einwohner-Stadt zerstört. Aber vor allem die Bewohner kleiner, abgelegener Dörfer, die es von dort nicht aus eigener Kraft zu Fuß in größere Städte schaffen, sind von den Hilfslieferungen noch immer weitestgehend abgeschnitten. Diese Menschen sind sehr verzweifelt, vor allem weil der Winter vor der Tür steht und viele noch immer im Freien übernachten müssen.
Wie sieht die Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes vor Ort aus?
Momentan sind 25 Mitarbeiter des DRK vor Ort und organisieren die Verteilung von Hilfsgütern. Wir haben jetzt 10.000 Wolldecken, 5.000 Familienzelte, 10.000 Kerosinlampen, eine Trinkwasser- und Hygieneanlage, ein Basislager für die Unterbringung von 60 Delegierten sowie Medikamente und Verbandsmaterial in die Region geflogen. Zudem sind dort neun Hubschrauber im Einsatz, um Verletzte aus den Bergen in Sicherheit zu bringen.
Wie steht es mit der medizinischen Versorgung der Verletzten?
Das Krankenhaus in Muzaffarabad wurde bei dem Beben vollständig zerstört. Daher mußten Verletzte aus den abgelegenen Gebirgsdörfern mit Helikoptern in die Stadt gebracht und dort nochmals umgelagert und wieder ausgeflogen werden. Jetzt haben wir mit drei Frachtmaschinen ein komplettes mobiles Krankenhaus mit einer Kapazität von insgesamt 100 Betten nach Muzaffarabad gebracht. Dort arbeiten auch zwei chirurgische Teams. Zudem wurden zwei Erstbehandlungsplätze eingerichtet, wo Verbände gewechselt werden können und Personen, die keine intensivere ärztliche Behandlung benötigen, schnell versorgt werden können.
Was benötigen die Flüchtlinge im Moment am meisten?
Winterfeste Zelte! Zelte, die Platz für einen Kamin bieten, einen festen Boden gegen den Frost und doppelte Wände. In spätestens ein bis zwei Wochen wird in den pakistanischen Bergen der erste Schnee fallen. Schon jetzt fallen in der Nacht die Temperaturen vielerorts auf bis zu Null Grad. Trotzdem gibt es noch immer viele höher gelegene Bergdörfer, in die bislang überhaupt keine Hilfe durchgedrungen ist. Die Straßen dorthin sind noch immer durch Trümmern und Felsbrocken blockiert und unpassierbar. Zehntausende Menschen harren dort oben aus - und ich weiß nicht, wie sie ohne Hilfe den Winter überleben sollen. Die wahre Katastrophe kommt mit der Kälte.
Nach dem Tsunami setzte gleich die nächste Flut ein: die der Spenden? Was ist aus dieser vielgerühmten Spendenbereitschaft geworden?
Das Ausmaß der Erdbeben-Katastrophe in Pakistan wurde von Anfang an unterschätzt. Nicht nur von privaten Spendern, sondern auch von der Staatengemeinschaft. Das Rote Kreuz hat zwei Hilfsappelle veröffentlicht: einen über 48 Millionen Euro und einen über 61 Millionen Euro. Diese Appelle sind bisher leider nicht einmal zu 25 Prozent gedeckt. Zudem muß man sehen, daß in Pakistan, anders als beim Tsunami, keine europäischen Touristen betroffen waren; keine Region, die man als Urlaubsland kennt und wo viele schon einmal selbst waren. Die Identifikation mit den Menschen in Pakistan fällt daher viel schwerer - und so ist auch die Bereitschaft zu spenden, leider nicht besonders groß. Hinzu kommt, daß es in diesem Jahr viele Naturkatastrophen gab. Schon wieder wütet ja ein Hurrikan in Amerika und auch die nächste Hungerskatastrophe im afrikanischen Malawi steht kurz bevor.
Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden?
Von Behördenseite werden uns jegliche Hürden genommen, aber als unabhängige Hilfsorganisation arbeiten wir zum Beispiel nicht mit dem pakistanischen Militär, das hauptsächlich in der Region im Einsatz ist, zusammen. Die Soldaten dort leisten aber sehr wichtige Arbeit, vor allem bei der Räumung von Straßen und der Evakuierung von Dörfern. Mit den freiwilligen Mitarbeiter des Pakistanischen Roten Halbmonds kooperieren wir hingegen sehr stark. Sie helfen uns mit Fahrzeugen, Dolmetschern und bei logistischen Aufgaben. Denn die Kollegen vor Ort wissen am besten, wo unsere Hilfe am dringendsten benötigt wird.
Das Gespräch führte Simone Kaiser
DRK-Spendenkonto:
Stichwort „Erdbeben in Pakistan“, Bank für Sozialwirtschaft BLZ 370.205.00, Kontonummer 41.41.41
Spendenservicetelefon: 01805/414004 (12 Cent pro Minute), Internetspenden: Onlinespenden Rotes Kreuz