11.10.2005 · Man weiß, daß unermeßliches Leid über Opfer des Erdbebens in Pakistan gekommen ist, aber viel mehr weiß man noch nicht - selbst bei den Hilfsorganisationen. Im örtlichen Chaos versuchen sie sich zu organisieren.
Von Timo FraschDas letzte Erdbeben von vergleichbarer Wucht erschütterte Ende des Jahres 2003 von Südiran aus die Weltöffentlichkeit. Damals starben etwa 30.000 Personen, fast 100.000 wurden obdachlos. Doch während sich die Auswirkungen dieses Bebens auf ein relativ überschaubares Gebiet um die Stadt Bam konzentrierten, haben es die Hilfsorganisationen im pakistanisch und indisch verwalteten Teil Kaschmirs nach dem Erdbeben vom Samstag, dessen Opfer bislang auf 41.000 geschätzt werden, mit einem weitläufigen, schwer zugänglichen Terrain zu tun.
Die Hilfsorganisationen befänden sich in einem Dilemma, sagte eine Sprecherin der „Aktion Deutschland hilft“ am Dienstag: Einerseits verlange ein Erdbeben mehr als jede andere Katastrophe schnelles Handeln, wenn sich die vage Hoffnung auf eine Bergung von Überlebenden erfüllen solle. Andererseits sei ein sorgsam koordiniertes Vorgehen unerläßlich. Ein Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes sagte: „Alle Fachleute, die im Krisengebiet sind, bitten uns, sie nicht mit Hilfsangeboten zu erschlagen, das erhöht nur das Chaos.“
Unübersichtliche Lage
Man weiß, daß unermeßliches Leid über Opfer des Bebens gekommen ist, aber viel mehr weiß man auch noch nicht, selbst bei den Hilfsorganisationen. Die „Ärzte ohne Grenzen“ etwa, die in verschiedenen Projekten schon in Pakistan und Indien waren und deren Aktivisten zum Teil selbst von dem Erdbeben getroffen sind, bemühen sich noch darum, sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Beim Deutschen Roten Kreuz ist die Rede von „Städten und Dörfern, die zu 80 bis 90 Prozent zerstört sind“, und ein Arzt von Unicef berichtete aus der verwüsteten pakistanischen Provinzstadt Mansehra, daß allein dort zweitausend Kinder mit Knochenbrüchen auf eine Operation warteten.
Häufig haben die Zentralen der Organisationen jedoch keinen Kontakt zu ihren Einsatzgruppen: Außer nach Islamabad sind die Kommunikationswege noch weitgehend abgeschnitten. Mehr als die elementarste Nothilfe - medizinische Erstversorgung, Decken, Trinkwasser - ist bislang jedenfalls kaum möglich, in einer Bergregion, welcher der Winter bevorsteht, in der sich die Helfer Bergen von beinahe siebentausend Metern gegenübersehen und in der die größtenteils muslimische Bevölkerung durch die - nach wie vor strenge - Befolgung der Fastenregeln des Ramadan körperlich geschwächt ist.
Vorwürfe an die pakistanische Regierung
Die Oppositionsparteien Pakistans, in dem das Epizentrum des Erdbebens lag, haben dem Präsidenten Musharraf Inkompetenz bei der Bewältigung der Krise vorgeworfen. Von den Hilfsorganisationen wird dieser Vorwurf nur zum Teil bestätigt. Das Deutsche Rote Kreuz bemängelt, daß die pakistanische Regierung erst im August dieses Jahres mit der Konzeption eines Katastrophenschutzplans begonnen habe. Darüber hinaus sei es nicht hilfreich, so die Sprecherin der „Aktion Deutschland hilft“, daß das vom Erdbeben getroffene Gebiet militärische Sperrzone sei und deshalb Hilfsaktionen mit einer Armee abgestimmt werden müßten, die für zivile Einsätze nicht ausgebildet sei. „Insgesamt habe ich aber den Eindruck, daß auf das Erdbeben mit den Mitteln, die Pakistan zur Verfügung stehen, angemessen reagiert wurde.“
Schwierigkeiten sehen manche Organisationen hinsichtlich der Spendenneigung von Regierungen und Bürgern. Zwar sagten etwa die Vereinigten Staaten 41 Millionen, Japan 16,5 Millionen und das Auswärtige Amt eine Million Euro an Hilfe zu. „Es dauert aber meist zu lange, bis das Geld zur Verfügung steht“, beklagt Unicef Deutschland. Unterdessen scheint die Spendenbereitschaft der Deutschen als Folge der ungewöhnlichen Krisendichte dieses Jahres zu erlahmen. Nach dem Erdbeben in Iran waren zwei Tage nach einem Spendenaufruf des Deutschen Roten Kreuzes zwei Millionen Euro auf dessen Konto eingegangen. Für den gleichen Zeitraum waren es diesmal 100.000 Euro.