Home
http://www.faz.net/-gum-pwsa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Entwicklungshilfe Wasser vom Kiosk

Die Entwicklungshilfe flickt nicht mehr nur Rohre - mittlerweile reformiert sie ganze Wassersektoren von Grund auf. Dafür ist häufig Überzeugungsarbeit von Nöten.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Die Wasserverteilung will organisiert sein

Wenn Helmut Lang über seine Arbeit spricht, räumt er zuerst ein paar Mißverständnisse aus dem Weg. „Wir flicken nicht mehr die Rohre oder reparieren die Pumpen, sondern wir sorgen dafür, daß es Organisationen gibt, die Rohre flicken und Pumpen reparieren“, sagt der Leiter des Kompetenzfelds Wasser, Abwasser und Abfall bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Henrike Roßbach Folgen:    

Im Wassersektor berät die GTZ Unternehmen und Regierungen, baut Institutionen auf und hilft, moderne Gesetze zu entwickeln. Sechzig Fachleute sind auf der Welt im Wassereinsatz. Fast alle Projekte sind Kooperationen. Während die GTZ berät, also die „Software“ liefert, finanziert etwa die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Reparaturen an der Wasserinfrastruktur, der „Hardware“.

Mehr zum Thema

Neue, effiziente Wassergesetze

Die Entwicklungshelfer aus Eschborn bei Frankfurt arbeiten überwiegend im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zu einem Projekt kommen sie normalerweise, weil Länder um ihre Hilfe bitten. Die Mission heißt gewöhnlich „Reform des Wassersektors“. Doch was sich so schlicht anhört, ist langwierig und aufwendig. Weil Pumpen reparieren auf Dauer nichts nutzt, fängt die GTZ ganz von vorne an, beginnt bei der wassertechnischen Stunde Null.

Lang selbst hat sechs Jahre im südlichen Afrika gearbeitet und dort erlebt: „Die Wassergesetze stammen zum Teil aus der Kolonialzeit.“ Am Anfang einer modernen Wasserpolitik steht die Zusammenarbeit mit der Politik. Die Regierungen müssen neue, effiziente Wassergesetze erlassen. In einem zweiten Schritt werden Institutionen aufgebaut. Afrika, die Subsahara-Zone, ist das Problemgebiet Nummer eins, wenn es um die Wasser- und Abwasserversorgung geht. In Ländern wie Uganda, Kenia, Tansania, Zimbabwe oder Sambia war und ist die GTZ aktiv.

Regulierung funktioniert „richtig gut“

Beispiel Sambia: Im Jahr 1993 begann die GTZ mit der Politikberatung, 1994 kam das neue Wassergesetz. Sechs Jahre später nahm die Regulierungsbehörde, die den Wassersektor überwacht, ihre Arbeit auf. Seit 2002 funktioniere der Regulierer „richtig gut“, sagt Lang. Weil Kontrolle alles ist, hat die Regierung auch für „Water User Watch Groups“ gesorgt, die Beschwerden der Verbraucher dem Versorger oder gar dem Regulierer melden. Die Regulierer verlangen Geschäftspläne von den Wasserversorgern und geben ihnen Ziele vor.

Zum Beispiel sollen sie die Verlustrate auf 25 Prozent verringern - also den Teil des Wassers, der auf dem Weg zum Verbraucher verlorengeht. Oder sie solle die Versorgung von zwölf auf vierundzwanzig Stunden erhöhen. Sie versuchen auch, die richtigen Anreize zu schaffen, etwa dadurch, daß die Versorger nur dort ihre Tarife erhöhen dürfen, wo Wasserzähler installiert sind. Mit den höheren Tarifen in besseren Stadtvierteln, wo die Häuser eigene Wasseranschlüsse haben, will man auf diese Weise das Wasser für die Armen subventionieren. In den Armenvierteln funktionieren „Wasserkioske“ oft gut. Dort können die Anwohner ihr subventioniertes Wasser billig kaufen, die Kioskbesitzerin lebt von einem kleinen Gewinnzuschlag.

„Zum Wasser führen, aber nicht zum Trinken zwingen“

Zu einer modernen Wasserpolitik gehört auch, die Ressource Wasser gemeinschaftlich zu verwalten - und das soll Aufgabe der Verbraucher sein. In einigen Ländern sind Wasserparlamente entstanden, in die alle Wasserverbraucher, vom Landwirt bis zum Bergwerksbesitzer, ihre Vertreter entsenden. Einmal im Monat treffen sie sich, bearbeiten auch Anträge auf Entnahmegenehmigung. „Das ist ein Ausdruck der Partizipation“, sagt Lang, „keine Blaupause zu nehmen und zu sagen: ,Die übernehmt ihr jetzt', sondern eine Diskussion in Gang zu bringen.“

Nicht immer klappt ein Projekt so reibungslos, wie es konzipiert war. Es funktioniere nicht, die Probleme eines Landes zu erkennen und dann ungefragt dorthin zu gehen, sagt Lang. Die größte Chance für Erfolg gebe es, wenn der Problemdruck groß sei, es den Leuten unter den Nägeln brenne. Oft funktioniert die Wasserversorgung zwar mehr schlecht als recht, aber eben gerade so gut, daß die Entscheider nicht bereit sind, ganz von vorne anzufangen. „Man kann die Pferde zwar zum Wasser führen, aber nicht zum Trinken zwingen“, zitiert Lang.

„Geduld, Phantasie und Humor“

Mit vielem müssen die GTZ-Mitarbeiter zu leben lernen, wenn sie im Ausland an einem Projekt arbeiten. Angestellte im öffentlichen Dienst, zu dem die Wasserversorger ja oft gehören, haben in Entwicklungsländern häufig eine Zweitstelle, weil sie mit der ersten nicht genug verdienen. Den Wasserplanern stehen sie dann auch nur halb zur Verfügung.

„Sich da zurückzunehmen, Geduld aufzubringen und nicht in die Macherrolle zu verfallen“, das sei die Kunst, sagt Lang. „Es ist wie das Kochen auf einem Vier-Platten-Herd, wenn man nicht weiß, welche Platte gerade heiß ist.“ Deshalb arbeiten die GTZ-Leute immer an drei oder vier Projekten gleichzeitig. Und wenn sie merken, eines ist „heiß“, dann wenden sie sich dem zu und lassen ein kaltes erst einmal ruhen. „Man braucht Geduld, Phantasie und Humor.“

Quelle: F.A.Z., 22.03.2005, Nr. 68 / Seite 9

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ebola-Hilfe aus dem Taunus Isolierstationen für genesende Ebola-Patienten

Die Else Kröner-Fresenius-Stiftung aus Bad Homburg hat schneller als andere in Afrika geholfen. Sie unterstützt eine deutsche Klinikleiterin mit mehr als 600.000 Euro für eine Isolierstation. Bisher sei dort kein Patient verstorben. Mehr Von Bernhard Biener, Homburg/Monrovia

18.01.2015, 20:01 Uhr | Rhein-Main
Türkei Zahlreiche Eingeschlossene bei Bergwerksunglück

Beim Einsturz eines Kohlebergwerkes in der Türkei sind zahlreiche Arbeiter eingeschlossen worden. In der Türkei kommt es immer wieder zu Unfällen in Bergwerken. Bergleute werfen den Grubenbesitzern vor, aus Profitgier oft bei der Sicherheit zu kürzen. Mehr

29.10.2014, 10:43 Uhr | Gesellschaft
Sambia Kandidat der Regierungspartei gewinnt Präsidentenwahl

Edgar Lungu hat wohl die Präsidentenwahl in Sambia gewonnen. Der Oppositionskandidat sprach zwar von Wahlfälschung, erkannt seine Niederlage aber an. Die Wahl war nötig geworden, weil der damalige Amtsinhaber Sata im Amt verstorben war. Mehr

24.01.2015, 16:26 Uhr | Politik
EZB-Anleihenkäufe 60 Milliarden Euro monatlich

Die Europäische Zentralbank will einer Deflation vorbeugen und bis September 2016 60 Milliarden Euro pro Monat in Staats- und Unternehmensanleihen pumpen. Dies gab EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt bekannt. Mehr

22.01.2015, 16:22 Uhr | Wirtschaft
Mehr Nahrung für mehr Menschen Die Chinesen: zum Kartoffel-Essen verdammt

Für Reis und Weizen gibt es in China eigentlich zu wenig Wasser und zu viele Menschen. Jetzt lässt der Staat Rezepte für Kartoffel-Mahlzeiten verbreiten. Mehr Von Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

23.01.2015, 16:03 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.03.2005, 16:43 Uhr

Shakira und Piqué Zweiter Sohn geboren – und schon Barca-Mitglied

Das Baby von Shakira und Gerard Piqué hat bereits eine Fußball-Konfession, die kleine North West könnte ein Geschwisterchen namens South West bekommen, undden Körper von Judi Dench ziert vielleicht bald ein besonderes Symbol – der Smalltalk. Mehr 11

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden