http://www.faz.net/-gum-pwsa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.03.2005, 16:43 Uhr

Entwicklungshilfe Wasser vom Kiosk

Die Entwicklungshilfe flickt nicht mehr nur Rohre - mittlerweile reformiert sie ganze Wassersektoren von Grund auf. Dafür ist häufig Überzeugungsarbeit von Nöten.

von
© picture-alliance / dpa Die Wasserverteilung will organisiert sein

Wenn Helmut Lang über seine Arbeit spricht, räumt er zuerst ein paar Mißverständnisse aus dem Weg. „Wir flicken nicht mehr die Rohre oder reparieren die Pumpen, sondern wir sorgen dafür, daß es Organisationen gibt, die Rohre flicken und Pumpen reparieren“, sagt der Leiter des Kompetenzfelds Wasser, Abwasser und Abfall bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Henrike Roßbach Folgen:

Im Wassersektor berät die GTZ Unternehmen und Regierungen, baut Institutionen auf und hilft, moderne Gesetze zu entwickeln. Sechzig Fachleute sind auf der Welt im Wassereinsatz. Fast alle Projekte sind Kooperationen. Während die GTZ berät, also die „Software“ liefert, finanziert etwa die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Reparaturen an der Wasserinfrastruktur, der „Hardware“.

Mehr zum Thema

Neue, effiziente Wassergesetze

Die Entwicklungshelfer aus Eschborn bei Frankfurt arbeiten überwiegend im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zu einem Projekt kommen sie normalerweise, weil Länder um ihre Hilfe bitten. Die Mission heißt gewöhnlich „Reform des Wassersektors“. Doch was sich so schlicht anhört, ist langwierig und aufwendig. Weil Pumpen reparieren auf Dauer nichts nutzt, fängt die GTZ ganz von vorne an, beginnt bei der wassertechnischen Stunde Null.

Lang selbst hat sechs Jahre im südlichen Afrika gearbeitet und dort erlebt: „Die Wassergesetze stammen zum Teil aus der Kolonialzeit.“ Am Anfang einer modernen Wasserpolitik steht die Zusammenarbeit mit der Politik. Die Regierungen müssen neue, effiziente Wassergesetze erlassen. In einem zweiten Schritt werden Institutionen aufgebaut. Afrika, die Subsahara-Zone, ist das Problemgebiet Nummer eins, wenn es um die Wasser- und Abwasserversorgung geht. In Ländern wie Uganda, Kenia, Tansania, Zimbabwe oder Sambia war und ist die GTZ aktiv.

Regulierung funktioniert „richtig gut“

Beispiel Sambia: Im Jahr 1993 begann die GTZ mit der Politikberatung, 1994 kam das neue Wassergesetz. Sechs Jahre später nahm die Regulierungsbehörde, die den Wassersektor überwacht, ihre Arbeit auf. Seit 2002 funktioniere der Regulierer „richtig gut“, sagt Lang. Weil Kontrolle alles ist, hat die Regierung auch für „Water User Watch Groups“ gesorgt, die Beschwerden der Verbraucher dem Versorger oder gar dem Regulierer melden. Die Regulierer verlangen Geschäftspläne von den Wasserversorgern und geben ihnen Ziele vor.

Zum Beispiel sollen sie die Verlustrate auf 25 Prozent verringern - also den Teil des Wassers, der auf dem Weg zum Verbraucher verlorengeht. Oder sie solle die Versorgung von zwölf auf vierundzwanzig Stunden erhöhen. Sie versuchen auch, die richtigen Anreize zu schaffen, etwa dadurch, daß die Versorger nur dort ihre Tarife erhöhen dürfen, wo Wasserzähler installiert sind. Mit den höheren Tarifen in besseren Stadtvierteln, wo die Häuser eigene Wasseranschlüsse haben, will man auf diese Weise das Wasser für die Armen subventionieren. In den Armenvierteln funktionieren „Wasserkioske“ oft gut. Dort können die Anwohner ihr subventioniertes Wasser billig kaufen, die Kioskbesitzerin lebt von einem kleinen Gewinnzuschlag.

„Zum Wasser führen, aber nicht zum Trinken zwingen“

Zu einer modernen Wasserpolitik gehört auch, die Ressource Wasser gemeinschaftlich zu verwalten - und das soll Aufgabe der Verbraucher sein. In einigen Ländern sind Wasserparlamente entstanden, in die alle Wasserverbraucher, vom Landwirt bis zum Bergwerksbesitzer, ihre Vertreter entsenden. Einmal im Monat treffen sie sich, bearbeiten auch Anträge auf Entnahmegenehmigung. „Das ist ein Ausdruck der Partizipation“, sagt Lang, „keine Blaupause zu nehmen und zu sagen: ,Die übernehmt ihr jetzt', sondern eine Diskussion in Gang zu bringen.“

Nicht immer klappt ein Projekt so reibungslos, wie es konzipiert war. Es funktioniere nicht, die Probleme eines Landes zu erkennen und dann ungefragt dorthin zu gehen, sagt Lang. Die größte Chance für Erfolg gebe es, wenn der Problemdruck groß sei, es den Leuten unter den Nägeln brenne. Oft funktioniert die Wasserversorgung zwar mehr schlecht als recht, aber eben gerade so gut, daß die Entscheider nicht bereit sind, ganz von vorne anzufangen. „Man kann die Pferde zwar zum Wasser führen, aber nicht zum Trinken zwingen“, zitiert Lang.

„Geduld, Phantasie und Humor“

Mit vielem müssen die GTZ-Mitarbeiter zu leben lernen, wenn sie im Ausland an einem Projekt arbeiten. Angestellte im öffentlichen Dienst, zu dem die Wasserversorger ja oft gehören, haben in Entwicklungsländern häufig eine Zweitstelle, weil sie mit der ersten nicht genug verdienen. Den Wasserplanern stehen sie dann auch nur halb zur Verfügung.

„Sich da zurückzunehmen, Geduld aufzubringen und nicht in die Macherrolle zu verfallen“, das sei die Kunst, sagt Lang. „Es ist wie das Kochen auf einem Vier-Platten-Herd, wenn man nicht weiß, welche Platte gerade heiß ist.“ Deshalb arbeiten die GTZ-Leute immer an drei oder vier Projekten gleichzeitig. Und wenn sie merken, eines ist „heiß“, dann wenden sie sich dem zu und lassen ein kaltes erst einmal ruhen. „Man braucht Geduld, Phantasie und Humor.“

Quelle: F.A.Z., 22.03.2005, Nr. 68 / Seite 9

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
FAZ.NET-Tatortsicherung So leicht haben es Ökoterroristen?

Tod durch vergiftetes Trinkwasser: Im Mittelpunkt des neuen Tatort aus Bremen steht ein dubioser Chemiekonzern, der Terror der besonderen Art provoziert. Ein realistisches Szenario? Wir haben nachgehakt. Mehr Von Niklas Záboji

16.05.2016, 21:45 Uhr | Feuilleton
Kaum Standards Lebensmittelkontrollen in Afrika

Nur wenige Länder in Afrika verfügen über ein standardisiertes Kontrollsystem für Lebensmittel. Dabei geht es um viel: Lebensmittelsicherheit für die wachsende Bevölkerung und größere Exportchancen, die der Wirtschaft des Landes nutzen. Doch in Ländern, in denen es jahrzehntelang keine Kontrollen gab, aber immer mehr verarbeitete Lebensmittel auf den Markt kommen, ist es schwer, ein Kontrollsystem einzuführen. Mehr

04.05.2016, 09:15 Uhr | Wirtschaft
Kader Attia in Frankfurt Die Wunden der Welt zeigen und flicken

Er ist einer der wichtigsten Künstler unserer Gegenwart, seine Werke fassen jeden an: Der französische Künstler Kader Attia im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Mehr Von Rose-Maria Gropp

24.05.2016, 21:44 Uhr | Feuilleton
Hilfe für Ruanda Drohnen sollen Medikamente liefern

Drohnen sind in immer mehr Gebieten im Einsatz - so verstärkt, das amerikanische Behörden sich damit herausgefordert sehen, diesen Verkehr auf neue Weise zu regulieren. Auch dafür werden Daten benötigt - und eine neue Partnerschaft zwischen dem Logistikkonzern UPS und dem Robotics-Startup Zipline könnte entsprechende Daten liefern: Dieses Projekt hat das erklärte Ziel, in Ruanda im Osten Afrikas Medikamente und Blutkonserven zu überbringen. Mehr

09.05.2016, 11:20 Uhr | Gesellschaft
Kaffee in Frankfurt Männer der dritten Welle

Mit der Maschine gebrüht, von Hand aufgegossen: Guten Kaffee bieten viele Lokale an. Doch wie wird er zubereitet? Ein Einblick in die Frankfurter Kaffee-Zubereitung. Mehr Von Mareike Katerkamp

16.05.2016, 18:32 Uhr | Reise

Masterplan fürs Älterwerden Herbert Grönemeyer will 96 Jahre alt werden

Herbert Grönemeyer glaubt, man entscheidet selbst, wie alt man wird, Paul McCartney bekennt, wer ihn vor vielen Jahren rettete, und Bill Cosby muss am Dienstag vor Gericht erscheinen – der Smalltalk. Mehr 12

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden