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Entwicklungshelfer Daniel Bronkal „Ich bin nicht in Ohnmacht gefallen“

12.06.2010 ·  Der Ingenieur Daniel Bronkal, Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe, geriet 2008 in Somaliland in einen Hinterhalt und wurde mit Waffengewalt entführt. Nach 12 Stunden Geiselhaft kam er mit einem Schrecken davon.

Von Eva Heidenfelder
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Als Daniel Bronkal am frühen Morgen des 12. Februar 2008 hoch in den Bergen von Somaliland gen Küste aufbricht weiß er noch nicht, dass an diesem Tag noch jemand auf ihn schießen wird. Der Entwicklungshelfer leitet ein Projekt der Deutschen Welthungerhilfe in Erigabo im Norden der nach Autonomie strebenden Provinz, die sich 1991 vom krisengeschüttelten Somalia gelöst hat.

Mit einer deutschen Kollegin und einem einheimischen Mitarbeiter der Organisation will er einen Küstenort besuchen. Sie wollen mit den Dorfbewohnern darüber sprechen, ob die Welthungerhilfe auch bei ihnen aktiv werden könnte. Die Gruppe hat einen Fahrer und Geleitschutz von zwei bewaffneten Somalis. Außergewöhnlich, betont Bronkal heute: „Die Region ist das einzige Gebiet der Welt, in dem internationale Entwicklungsorganisationen mit bewaffnetem Wachschutz arbeiten.“

„Die wollten Lösegeld, sonst wäre ich längst tot gewesen“

Nach etwa zwei Stunden Fahrt wird der Wagen auf offener Strecke von fünf schwer bewaffneten und vermummten Männern gestoppt. Sie eröffnen sofort das Feuer, Kugeln treffen das Auto der Welthungerhilfe, der Fahrer wird leicht verletzt. Die Angreifer zwingen Bronkal mit vorgehaltener Waffe auszusteigen und mitzukommen. Die anderen Insassen des Wagens lassen sie zurück - auch den somalischen Kollegen, der sofort anbietet, Bronkal zu begleiten.

Der Entwicklungshelfer behält einen klaren Kopf, analysiert kühl seine Lage: „Mir war schnell klar, dass die Entführer mit mir ein Lösegeld erpressen wollen, sonst wäre ich längst tot gewesen.“ Außerdem kennen die Kidnapper seinen Namen, nehmen nur ihn mit - der Fall ist klar: „Ich war die einzige Weißnase im Umkreis von 400 Kilometern. Die wollten mich.“

Er kommt mit Blasen an den Füßen davon

Bronkal ist vorbereitet. Bei der Bundeswehr hat er erst vier Monate zuvor ein Sicherheitstraining absolviert. Er weiß, dass ein Auto keinen Schutz vor Gewehrsalven bietet. Und dass er nun darauf achten muss, so viel wie möglich zu trinken, und zu essen, was immer ihm angeboten wird, um bei Kräften zu bleiben. Die Entführer fahren mit ihrem Opfer in Richtung Küste, ein platter Reifen zwingt die Gruppe, zu Fuß weiterzugehen. Obwohl bis zu den Zähnen bewaffnet, krümmen die Kidnapper dem Entwicklungshelfer kein Haar: „Ich wurde relativ pfleglich behandelt, nicht geschlagen und mit genügend Wasser versorgt“, erzählt er.

Mittlerweile haben seine Kollegen per Satellitentelefon Hilfe angefordert, ein Trupp von mehreren hundert Mann aus Militär und Polizei des Landes verfolgen Bronkal und seine Entführer. Am späten Abend spüren sie die Gruppe auf, nach einem kurzen Schusswechsel suchen die Kidnapper das Weite. Nach zwölf Stunden ist die Geiselhaft vorbei, der Entwicklungshelfer übersteht sie mit ein paar Blasen an den Füßen. Dass der Schock erst später kommt, hält er in diesem Moment durchaus für möglich: „Noch ein Mal möchte ich so etwas natürlich nicht erleben.“ Doch schon einen Tag später gibt er per Sattelitentelefon in die Heimat durch, dass es ihm mental sehr gut gehe. „In Krisengebieten muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen. Deshalb bin ich auch nicht vor Angst in Ohnmacht gefallen“, erinnert er sich.

„Menschen zu helfen ist ein toller Nebeneffekt“

Zwei Jahre später spricht der Entwicklungshelfer über die brenzligste Situation seines Lebens, als ob sie nicht ihm, sondern einem guten Freund passiert sei, der ihm davon erzählt hat. Trotz der schlechten Telefonverbindung ist er im fast 5.000 Kilometer entfernten Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, gut zu verstehen. Seine dunkle Stimme klingt ruhig und souverän, seine Worte wählt der studierte Ingenieur mit Bedacht. Er scheint das, was er sagen möchte, in seinem Kopf zu konstruieren wie einen Bauplan.

Seit elf Jahren arbeitet der 37 Jahre alte Bronkal in der Entwicklungszusammenarbeit, derzeit ist er Regionalkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe für Afghanistan, Tadschikistan und Kirgistan, stimmt die Einsätze der Organisation in den drei Ländern miteinander ab. Für Bronkal in erster Linie ein Job, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient. „Dass ich außerdem Menschen helfe, ist ein toller Nebeneffekt“, stellt er klar. Überhaupt ist es eher Zufall, dass er in die Entwicklungszusammenarbeit geraten ist.
Nach Kindheit und Jugend im mecklenburg-vorpommerschen Bad Doberan studiert Bronkal in Dresden und Nottingham Bauingenieurwesen. 1999 macht er seinen Abschluss, sucht Arbeit, gerne auch im Ausland.

Für das Technische Hilfswerk (THW) geht er deshalb in den Kosovo, wo die Organisation nach dem Krieg zunächst Nothilfe leistet, dann den Wiederaufbau der Region vorantreibt, es folgen Stationen in Albanien und Bosnien-Hercegovina. Ab 2003 arbeitet Bronkal in Afghanistan, erst für die deutsche Hilfsorganisation „HELP!“, dann in seinem ersten Projekt für die Welthungerhilfe. Bis Mai 2006 ist er in Saripul im Norden des Landes im Einsatz.

„Wer ständig Angst hat, erschossen zu werden, sollte nicht in Krisengebiete“

An seinem letzten Tag am Hindukusch wird Bronkal Zeuge von Ausschreitungen in Kabul: „Ich wollte nur noch schnell ins Büro und dann zum Flughafen. Die Stadt befand sich im Ausnahmezustand.“ Menschen demonstrieren lautstark, zünden Reifenberge an. Der Entwicklungshelfer schafft es trotzdem heil in den Flieger. Ein Grund, nicht mehr in heikle Regionen zu reisen, ist das Erlebnis nicht: „Wer ständig Angst hat, erschossen zu werden, sollte nicht in Krisengebieten arbeiten“, stellt er trocken fest.

Auch Bronkals nächste Station ist von Konflikten gezeichnet: 2006 geht er für die Welthungerhilfe nach Somaliland. Acht Monate nach seiner Entführung muss er das Projekt Mitte 2008 jedoch wieder aufgeben, die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, es ist unmöglich, am abgelegenen Projektstandort hoch in den Bergen weiterzumachen. Danach bezieht er seine aktuelle Stelle in Duschanbe. Bis ins Rentenalter will Bronkal jedoch nicht in Kriegs- oder Krisengebieten arbeiten: „Ich bin alleinstehend. Das hat damit zu tun, dass ich sehr viel arbeiten muss. So kann ich mir keine Familie in Deutschland aufbauen. Und das Leben mit Kleinkindern ist in Ländern wie Somalia oder Afghanistan zu gefährlich, finde ich.“

Für den Moment hat sich Bronkal bereits für eine etwas ruhigere Region entschieden, in Afghanistan ist er nur noch selten unterwegs. Nach mehr als einem Jahrzehnt in der Entwicklungszusammenarbeit ist aus ihm dennoch kein romantischer Weltverbesserer geworden: „Ich bin kein Idealist. Aber das ist auch gut so.“ Manch Kollege erledige den Job für ein Taschengeld, weil er Gutes tun wolle, erzählt der Entwicklungshelfer. Davor habe er großen Respekt. „Für die Menschen vor Ort zählt aber nur das Ergebnis meiner Arbeit, was sie auf Dauer in der Region bewirkt - und nicht meine Motivation.“

Hätte es länger gedauert, wäre es schlimmer gewesen

Auch wenn Bronkal immer wieder betont, dass er als Ingenieur, und nicht als Samariter im Einsatz ist: Der enge Kontakt zur Bevölkerung, den er als Entwicklungshelfer hat, treibt ihn ebenfalls an. Denn so sieht er täglich, dass man „in kurzer Zeit sehr viel bewegen kann. Es ist eine sehr befriedigende Arbeit.“ Eine Arbeit, von der ihn auch zwölf Stunden in den Händen afrikanischer Geiselnehmer nicht abhalten konnten. „Für meine Familie war meine Entführung schlimmer, als für mich. Sie wussten einen Tag lang nicht, ob ich noch am Leben bin“, resümiert er heute.

Der Ingenieur denkt deshalb nicht mit Entsetzen an den 12. Februar 2008 zurück - im Gegenteil: „Ich habe die Geschichte schon so oft erzählt, den Psychologen der Welthungerhilfe, meiner Familie, meinen Freunden. Dadurch habe ich es wohl verarbeitet.“ Aber ihm ist auch klar, dass es anders hätte ausgehen können: „Wenn ich länger in der Gewalt der Entführer gewesen wäre, hätte ich es sicher nicht so gut wegstecken können.“

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