30.06.2010 · Der Sommer bringt es an den Tag: Bettina Wulffs Oberarme sind verziert. Womöglich zieht nach der Wahl des Bundespräsidenten an diesem Mittwoch die erste tätowierte Präsidentengattin ins Schloss Bellevue.
Von Andrea DienerWas soll das sein? Ein Schlüsselloch, von Flammen umzüngelt, darunter zwei grafisch aufgelöste Zwiebeln? Oder Blütenschemazeichnungen aus dem Biologiebuch und die Umrisse westfriesischer Inseln rechts und links daneben? Was auch immer diese Formenballung darstellen soll, sie muss etwas bedeuten. Denn sie prangt auf dem Oberarm der niedersächsischen Landesmutter und wahrscheinlichen Bundespräsidentengattin Bettina Wulff.
Es ist, um es kurz zu sagen, eine Mischform aus Tribal und Flammen, ein schmückendes Ornament, dem man seine Bedeutung auf den ersten Blick nicht ansieht. „Eine Bedeutung hat eine Tätowierung aber immer“, sagt Aglaja Stirn, die an der Frankfurter Klinik für psychosomatische Medizin schon mehrere Studien zu dem Thema durchgeführt hat. „Oft steht es für eine bestimmte Zeit im Leben, eine Körperbiografie. Etwas, das man an seinem Körper festmachen kann.“
Das kann das Abitur ebenso sein wie eine frische Liebe - oder eine frische Trennung. Was Frau Wulff Anfang der neunziger Jahre zum Tätowierer geführt hat, bleibt ihr Geheimnis. Mit ihrem jetzigen Gatten hatte es aber sicher nichts zu tun.
Fast jede Kultur nutzt Tattoos
In anderen Kulturen gibt es diese Art des Bekenntnisses schon lange: die Spiralmuster der Maori etwa, die Ainu Japans, die Skythen, die Pikten. Und Samoa natürlich, denn vermutlich ist das samoanische Wort „tatau“ die etymologische Wurzel. Fast jede Kultur also nutzt Tattoos, nur die europäische christliche nicht. Selbst der Gletschermumie Ötzi waren geheimnisvolle Zeichen in die Haut geritzt.
Ins Europa der Neuzeit kam die Tätowierkunst erst mit dem Entdecker Captain James Cook, der den ganzkörpertätowierten Polynesier Omai von einer seiner Expeditionen mitbrachte und am englischen Hof vorstellte. Sein Botaniker Sir Joseph Banks und viele der Matrosen hatten sich sogar selbst tätowieren lassen und zeigten ihre exotische Körperkunst stolz vor. Unter den Seeleuten wurde der Brauch dann populär, in Gefängnissen entwickelte sich eine eigene Zeichensprache für den sozialen Status innerhalb der Gefangenenhierarchie. Auch die Art des Verbrechens oder Anzahl der Ausbruchsversuche waren für Eingeweihte so auf den ersten Blick erkennbar. Den Ruch des gesellschaftlichen Außenseitertums Tätowierter nutzten schließlich die Punks für ihre eigene Ästhetik des Kaputten, gern in Kombination mit Piercings.
Dezent und durchaus bürokompatibel
Das hat jedoch nichts mit dem modernen Tattoo des trendorientierten Großstadtmenschen zu tun. Seit den Neunzigern ist die Tätowierung salonfähig geworden. Sie wird unter klinischen Bedingungen in sauberen Studios durchgeführt und nicht mehr in schmuddeligen Hinterhöfen anrüchiger Hafenkneipen. Auch Größe und Positionierung spielen eine Rolle: Ein dezentes Ornament am Oberarm - so wie bei Bettina Wulff - lässt sich in den meisten Situationen unterm Ärmel verbergen und ist damit durchaus bürokompatibel.
Sage und schreibe 41 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer zwischen 15 und 25 Jahren haben entweder eine Tätowierung oder ein Piercing. „Das ist also ein Thema der Adoleszenz, keine Randgruppenerscheinung“, sagt Stirn.
Wer sich tätowieren lässt, will damit etwas sagen. Wer sich mit Adler oder Schmetterling schmückt, macht sich die Eigenschaften dieser Tiere zu eigen, Freiheit oder Zartheit. Das Tribal, zu dem auch das berüchtigte „Arschgeweih“ zählt, vermittelt eine vage Exotik, mit der sich Träger oder Trägerin verbinden möchte. Und auch die traditionellen Seefahrermotive sind noch immer populär: Flammendes Herz, Schwert und Dolch, Schwalben oder Schiffe. Doch diese Motive bleiben noch immer den Wagemutigen wie Amy Winehouse vorbehalten. Auf eine Bundespräsidentengattin mit blutigem Herzen werden wir wohl noch einige Jahrzehnte warten müssen. Zu Frau Wulffs Tätowierung meint Aglaja Stirn: „Das hat etwas Aufstrebendes.“ Und, das haben ihre Studien auch gezeigt: „Tätowierte sind experimentierfreudiger und eher bereit, etwas Neues zu wagen.“ Das gilt ganz unabhängig vom Motiv - und ist eher ein gutes Zeichen für die deutsche Politik.
Unglaublich peinlich!
Roland Frutig (Frutig)
- 30.06.2010, 09:07 Uhr
Infektionsherd und Staatsamt
Andre Thiele (AndreThiele)
- 30.06.2010, 09:43 Uhr
OBERPEINLICH !!!
Britta Rentrop (briefe)
- 30.06.2010, 10:39 Uhr
Werteverfall
Michael Beste (MichaelBeste)
- 30.06.2010, 10:44 Uhr
Gutes Zeichen für deutsche Politik?
Michael Scheffler (Striesner)
- 30.06.2010, 10:59 Uhr