16.11.2009 · Bis 1970 wurden viele britische Heimkinder nach Australien verschickt. Oft ohne Kenntnis der leiblichen Eltern. Offiziell, um ein „besseres Leben“ zu haben. Tatsächlich aber vor allem, um als billige Arbeitskräfte in der neuen Heimat missbraucht zu werden.
Von Johannes Leithäuser und Jochen BuchsteinerVor 22 Jahren hörte die Sozialarbeiterin Margaret Humphreys aus Nottinghamshire zum ersten Mal von einer Australierin, die als vier Jahre altes Mädchen aus England weggebracht worden war – und nun nach ihren Eltern suchte. Die Fürsorgerin half ihr dabei und fand heraus, dass Tausende englischer Heimkinder dieses Schicksal teilten: Sie wurden, oft ohne Kenntnis der leiblichen Eltern, aus den Kinderheimen des Mutterlands in die überseeischen Dominien verschickt – offiziell, um einem „besseren Leben“ entgegenzusehen, tatsächlich aber vor allem, um als billige Arbeitskräfte in der neuen Heimat ge- und oft auch missbraucht zu werden, und insgeheim schließlich, um „den Bestand an gutem weißen Nachwuchs zu erhöhen“, wie es einst in zeitgenössischen Dokumenten hieß.
Nach zwei Jahrzehnten, in denen sich Großbritannien und die einstigen Kolonien der Grausamkeit dieser Kinderverschickung allmählich bewusst wurden – es gab diverse parlamentarische Untersuchungen in London und in Canberra –, ist nun die Zeit der Reue gekommen. Der australische Premierminister Kevin Rudd entschuldigte sich am Montag bei den „vergessenen Australiern“, die in den Waisenhäusern des Landes und in anderen Einrichtungen bis Ende der Sechziger vernachlässigt und misshandelt wurden. In einer emotionalen Ansprache im Parlament, der fast 1000 Betroffene zuhörten, sprach Rudd von einer „hässlichen Geschichte“. Der Verlust der Kindheit sei eine „absolute Tragödie“.
Etwa 7000 Zwangsverschickte leben in Australien
Schon im vergangenen Jahr hatte Rudd die Aborigines um Verzeihung gebeten. Im Mittelpunkt stand damals die „verlorene Generation“ der Ureinwohner, die im Kindesalter ihren Familien entrissen und in staatliche Erziehungsanstalten gesteckt wurde. Nun sprach Rudd zu Kindern und Jugendlichen, die im Alter zwischen drei und 14 Jahren von britischen Einrichtungen nach Australien verschifft wurden. Etwa 7000 Zwangsverschickte leben heute noch in Australien.
Seit dem frühen 17. Jahrhundert schickten britische Einrichtungen, darunter die Heilsarmee und die Kirche, Kinder in die Kolonien, zunächst nach Nordamerika, später auch nach Afrika, Kanada, Neuseeland und Australien. Die eigens für diesen Zweck eingerichtete „Fairbridge Society“ etwa diente dem Ziel, das Empire mit „gutem weißen britischen Bestand“ zu fördern, schreibt der britische „Child Migrants Trust“, der sich um die Zusammenführung betroffener Familien kümmert. Nach Angaben des australischen Premiers kamen zwischen 1900 und 1970 bis zu 30.000 „Kindermigranten“ aus Großbritannien auf den pazifischen Kontinent. Die britische Regierung hat ausgerechnet, es könnten vom frühen 19. Jahrhundert an bis zu 150.000 Kinder verschickt worden sein. Einer Untersuchung durch den australischen Senat folgte vor fünf Jahren die Empfehlung an die Regierung, sich förmlich zu entschuldigen. Vielen der Kinder wurde erzählt, ihre Eltern seien gestorben, und sie würden eine Reise in ein besseres Leben antreten. Doch die meisten Einwanderer wurden nicht adoptiert, sondern landeten in Waisenheimen, vernachlässigt und oft auch missbraucht. Andere wurden als billige Arbeitskräfte auf Farmen oder im Straßenbau eingesetzt.
„Verzeihung dafür, dass Sie als Kinder ihren Familien weggenommen und in Einrichtungen gesteckt wurden, in denen Sie oft missbraucht wurden“, sagte Rudd am Montag. „Verzeihung für das körperliche Leiden, die seelische Auszehrung und den kalten Mangel an Liebe, Zärtlichkeit, Fürsorge.“
Die Fakten und historischen Zitate, die Margaret Humphreys und ihr „Child Migrants Trust“ gesammelt haben, dokumentieren, wie verbreitet die Umsiedlungspraxis in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein muss. In Australien äußerte der Erzbischof von Perth im Jahre 1938 sein Bedauern über die „leeren Räume“ und eine zu geringe Zahl von Geburten. Wenn diese Lücken nicht „aus eigenem Bestand“ gefüllt werden könnten, werde man bald einer asiatischen Übermacht unterliegen. Und die australische Regierung schlug 1944 vor, dass sogleich nach dem Ende des Krieges jährlich bis zu 17.000 „verfügbare und geeignete“ Kinder ins Land geschafft werden sollten.
Margaret Humphreys stellte fest, dass die jüngsten Kinder im Alter von drei Jahren auf die Reise geschickt wurden, nachdem sie von ihren Familien getrennt und in Heime gebracht worden waren. Den meisten Kindern sei später mitgeteilt worden, sie seien Waisen und hätten keine Eltern mehr. Viele Kinder hätten „erniedrigenden physischen, sexuellen und emotionalen Missbrauch erlebt“. Den Familien in England hätten die Behörden mitgeteilt, dass die Kinder in Großbritannien zur Adoption ausgesetzt worden seien; mitunter sei ihnen auch weisgemacht worden, die Kinder seien gestorben.
Geschlagen und ausgepeitscht
Nach den Recherchen der Sozialarbeiterin aus Nottingham datiert der erste englische Kindertransport schon auf das Jahr 1618. Damals seien 100 Kinder aus London nach Richmond (Virginia) gebracht worden. Später wurden neben Australien auch Neuseeland, Kanada, Südafrika und Rhodesien (Zimbabwe) zu Zielländern. Meist organisierten gemeinnützige Organisationen und Kinderhilfswerke wie „Barnardos“ und die „Fairchild Society“ oder religiöse Wohlfahrtsorganisationen der anglikanischen und der katholischen Kirche die Transporte.
Der seit Jahrzehnten in Sydney beheimatete John Hennessy, aus England 1947 verschickt, berichtete dem „Independent“, er sei in West-Australien in einem Lager der „Christlichen Brüder“ gelandet, wo er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang habe arbeiten müssen. Viele Kinder seien geschlagen und auf nackter Haut ausgepeitscht worden. Der Orden der „Christlichen Brüder“ habe sich später dafür entschuldigt und geringe Entschädigungen an 250 einstige Insassen gezahlt. Die römisch-katholische Kirche in Australien veröffentlichte schon 2001 eine formelle Entschuldigung für das „Leid und die Verschleppung“, die Kinder in katholischen Heimen erleiden mussten. Die Kirche stellte damals Mittel zur Verfügung, um den Verschleppten Gelegenheit zu geben, an ihre Geburtsorte zurückzureisen und nach Verwandten zu forschen.
Von solchen Hilfen oder gar von Wiedergutmachung ist in britischen Regierungskreisen nicht die Rede. Stattdessen wird Premierminister Brown die Opfer offiziell um Verzeihung bitten. Allerdings wolle er vorher die Opferverbände konsultieren.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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