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Engels für Wuppertal : Eine Tonne Marxismus

Die Statue unmittelbar nach der Aufstellung. Bis zur Einweihung wird sie verhüllt bleiben. Bild: Schoepal

Friedrich Engels kam in Barmen zur Welt. Daher pilgern immer mehr Chinesen an die Wupper. Nun lassen sie sogar eine Engels-Figur einfliegen.

          Friedrich Engels ist auf einem langen Weg zurück nach Hause. 7. Mai 2014, früher Nachmittag: Eine Spezialspedition holt Engels im Atelier von Zeng Chenggang in Peking ab. Um 16.19 Uhr erreicht Engels, ein auf zwei Transportkisten verteilter kapitaler Brocken, den Flughafen. Gut eine Tonne wiegt er, sein Sockel aus Stahl noch einmal beinahe zwei Tonnen. Für Schwertransport-Spezialisten ist das ein Klacks. Ein russisches Unternehmen hat von der chinesischen Regierung den Auftrag bekommen, Engels nach Deutschland zu bringen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Engels wurde schon vor gut dreieinhalb Jahren in Wuppertal angekündigt. Am 28. November 2010, dem 190. Geburtstag von Friedrich Engels, war Ma Kai, der damalige Generalsekretär des Staatsrats der Volksrepublik, zur Privatführung im Wuppertaler Engels-Haus. Geschlagene vier Stunden ließ sich Ma von Museumsleiter Eberhard Illner herumführen. Zum Abschluss verewigte sich der chinesische Spitzenpolitiker mit einer Kalligraphie im Gästebuch. Tags darauf schickte Ma zwei Attachés der Botschaft nach Wuppertal. Als Zeichen des Dankes wolle das chinesische Volk der Stadt Wuppertal eine Engels-Statue schenken, ließ Ma ausrichten. „Die beiden Diplomaten wurden gleich ganz konkret“, erinnert sich Illner. „Ausführlich informierten sie sich über Engels’ Gestalt und Größe.“ Illner ging das ein bisschen schnell. Er informierte die Stadtspitze. Aber dann tat sich monatelang nichts.

          In China wird Engels verehrt. Jedes Kind weiß, dass er 1820 in Barmen zur Welt kam. Wuppertal, das 1929 aus Barmen und Elberfeld entstand, tat sich dagegen lange schwer mit seinem Sohn, dem kommunistischen Revolutionär, dem Marx-Finanzier und eigentlichen Erfinder des Marxismus. Erst 1970 eröffnete Wuppertal sein Engels-Haus. Regelmäßig kamen auch Politiker aus kommunistischen Staaten, 1987 kam der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker. In Erinnerung geblieben ist der Besuch dank Udo Lindenberg. Der Rockmusiker wollte endlich ein Konzert in der DDR geben. Deshalb überreichte er Honecker (den er in seinem Lied „Sonderzug nach Pankow“ als „sturen Schrat“ bezeichnet hatte) vor dem Engels-Haus eine E-Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“.

          8. Mai 2014, 9.15 Uhr: RU 322, eine Boeing 747-8, schwebt mit Engels im Bauch nach etwas mehr als acht Stunden in Moskau ein - für die zwei Engels-Pakete wäre ein Direktflug zu teuer gewesen. Auf dem Flughafen Scheremetjewo müssen sich die Arbeiter sputen, damit Engels seinen Anschlussflug bekommt.

          Das Engels-Haus in Wuppertal: Für chinesische Polit-Kader ein Pflichtziel

          Auch nach dem Umbruch in Osteuropa kam der Polit-Tourismus im Engels-Haus nicht zum Erliegen. Jassir Arafat besuchte Wuppertal 1997. Die Chinesen hielten ihrem Engels sowieso immer die Treue. Wie das Marx-Haus in Trier so gehört das Engels-Haus in Wuppertal nicht nur für chinesische Polit-Kader auf Deutschlandreise zu den Pflichtzielen. Jahr für Jahr kann Illner mehr Delegationen empfangen. 2013 waren es schon 30. Ende März hatte Illner gleich zwei Tycoons zu Gast: Chang Zhenming, Chef des viertgrößten chinesischen Konzerns CITIC, und Feng Chengyu, der das fünftgrößte Unternehmen der Welt, den Energiekonzern Sinopec, führt. Wer im kapitalistischen Kommunismus der KP Chinas Karriere machen will, muss die Werke aller „großen Meister“ lesen. „Marx und Engels werden in China rezipiert wie bei uns Goethe und Schiller“, sagt Illner.

          „In Engels’ biographischer Mischung aus kapitalistischer Prägung und kommunistischer Überzeugung erkennen Chinesen ihren Weg.“ Sie fänden es interessant, dass Engels auch Unternehmer war, und spannend, dass er ein Millionenerbe hinterließ, sagt Illner. Dass es auch einen Engels gebe, von dem sie zu Hause noch nie gehört haben, störe sie nicht. Gern lassen sich Chinesen von Engels, dem Manchester-Kapitalisten, erzählen, der mit Aktien spekulierte, Hummersalat, erlesene Weine, kostspielige Frauen und die Fuchsjagd liebte. „Ehrlich gesagt, macht es mir ein bisschen Spaß, Engels von seinem chinesischen Heiligen-Sockel zu stoßen“, sagt Illner. „Mein Ziel ist es, Engels den Gästen aus China als historische Figur im historischen Kontext nahezubringen.“

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