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Energie Bald kommt der Zucker in den Tank

23.08.2002 ·  Noch wird aus Zapfsäulen reines Benzin gepumpt. Berlin hat nun aber die Weichen zugunsten der Bio-Treibstoffe gestellt.

Von Michael Gneuss, Berlin
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Der Weg für den Einsatz biogener Treibstoffe in Automobilen scheint geebnet. Am 7. Juni dieses Jahres wurde das Mineralölsteuergesetz geändert. Danach sind Treibstoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden, ab Januar 2003 bis Ende 2008 von der Mineralölsteuer befreit.

Die EU-Kommission hat zudem eine Strategie vorgestellt, mit der bis 2020 eine 20-prozentige Substitution herkömmlicher Kraftstoffe erreicht werden soll. Schon 2005 soll dem Plan zufolge der Mindestanteil an allen verkauften Kraftstoffen zwei Prozent betragen, im Jahr 2010 soll er dann auf 5,75 Prozent steigen. Ab 2009 dürfte ohne Bio-Treibstoff-Beimischung gar kein Kraftstoff mehr verkauft werden.

Interessante Perspektiven

Über die Novellierung des Mineralölsteuergesetzes und die EU-Pläne ist in der Öffentlichkeit erst wenig diskutiert worden. Eigentlich unverständlich, denn für viele Akteure der deutschen Wirtschaft könnten sich daraus interessante Perspektiven ergeben, findet Klaus Korn. Korn ist Vorsitzender des Vereins der Zuckerindustrie. Als solcher muss er sich Gedanken machen, was passiert, sollte die Zuckermarktordnung eines Tages nicht mehr verlängert werden und die Bauern damit den Anbau ihrer profitabelsten Frucht, nämlich der Zuckerrübe, nicht mehr im gewohnten Umfang fortführen können. Für Korn steht eine Alternative fest: Der Zucker kommt in den Tank. In zwei Jahren könnten erste Verarbeitungsanlagen für Ethanol aus Zuckerrüben in Betrieb gehen.

Ölpreis durch Steuerbefreiung unterschreiten

Theo Spettmann, Vorstandssprecher der Südzucker AG, sieht die heimische Zuckerrübe im Wettbewerb mit Weizen als aussichtsreichsten Rohstoff zur Ethanol-Produktion. „Die Gespräche mit der Mineralölindustrie haben wir bereits aufgenommen. Eine Chance haben wir aber nur, wenn wir das Ethanol billiger machen als das Öl“, erläutert Spettmann. „Mit der Steuerbefreiung können wir das in unseren Zuckerfabriken aber schaffen.“

Die Bundesregierung hat die biogenen Treibstoffe nun hinsichtlich der Kosten wettbewerbsfähig und damit für die Beimischung tauglich gemacht. Neben Ethanol gilt das auch für Methanol sowie für Treibstoff aus Biomasse. Auch die Ludwig-Bölkow-Stiftung schätzt, dass im Jahr 2010 bereits zehn Prozent des gesamten europäischen Kraftstoffverbrauchs durch einheimische Pflanzen, Holz oder Abfälle gedeckt werden kann.

Kraftstoff nach „Motoren“-Maß

Voraussetzung dafür ist, dass die Auto- und die Mineralölindustrie mitspielen. Zumindest bei den Autoherstellern sehen die Forscher Chancen für die biogenen Treibstoffe. Vor allem aber wissen sie, dass Wasserstoff die Energiefrage noch lange nicht lösen wird. Den Aufbau der Versorgungsinfrastruktur will derzeit niemand finanzieren. Das ist die Chance von Ethanol und Methanol. Sie können schon den Kraftstoffen für die heutigen Verbrennungsmotoren beigemischt werden und benötigen keine neue Versorgungsinfrastruktur.

Vorteil der neuen Treibstoffe gegenüber den herkömmlichen ist, dass sie „designed“ werden können. Ihre Eigenschaften können gezielt den Anforderungen bestimmter Motorvarianten angepasst werden. So können neue - noch effizientere und schadstoffärmere - Brennverfahren entwickelt werden. „Wir können uns eine Verbrauchsreduzierung von zehn bis 15 Prozent vorstellen. Entscheidender ist für uns aber die Verminderung der Emissionen“, sagt Volkswagen-Sprecher Harthmuth Hoffmann.

Gefahr der Dauer-Subvention

Die Mineralölindustrie soll und kann bei den Bemühungen um umweltgerechtere Treibstoffe nicht außen vor bleiben, darin sind sich alle Beteiligten einig. Die Benzin-Produzenten verfügen über Qualitätssicherungssysteme und verhindern damit, das es - wie bei Versuchen mit Rapsmethylester - durch schlechte Kraftstoffqualitäten zu Motorschäden kommt.

Dennoch ist die Branche nicht begeistert von der Berliner Reform. „Wir lehnen das ab, weil es zu einer Dauer-Subvention führt“, sagt Jürgen Abend vom Mineralölwirtschaftsverband. Abend zweifelt die ökologischen Vorteile des Bio-Spirts an: „Da wird der CO2-Ausstoß bei der Herstellung der Bio-Kraftstoffe vernachlässigt.“

Arbeitsplätze und Exportchancen

Für den Standort Deutschland könnten die Bio-Treibstoffe jedenfalls gleich in mehrfacher Hinsicht interessant werden, frohlocken die Befürworter. Zum einen entstehen so neue Jobs im ländlichen Raum - bis zu 10.000 werden in Aussicht gestellt. Zum anderen könnten sich einige Branchen ein neues High-Tech-Feld mit Export-Chancen erschließen.

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