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Loveparade-Katastrophe Blaulicht am Ende des Tunnels

Was 1989 in Berlin unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ begann, endete am Samstag in Duisburg mit 19 Toten und Hunderten Verletzten. Viele Raver haben davon wenig Notiz genommen - und weiter gefeiert.

© Vergrößern Tausende Raver drängen sich am Samstag in und vor dem Tunnel in Duisburg, in dem sich später die Massenpanik ereignet.

Die meisten sind mit dem Fahrrad gekommen, haben ihre Kinder oder den Hund mitgebracht. Sie stehen vor dem Absperrband am Tunnel in der Duisburger Karl-Lehr-Straße - und schweigen. Einige zünden Kerzen an. Kamerateams aus ganz Europa sind da, aber die Polizei lässt niemanden durch, zu dem Ort, an dem sich vor weniger als 24 Stunden eine Katastrophe abgespielt hat. Dort, in ein paar hundert Metern Entfernung, blinkt Blaulicht.

Sandra Kaiser kam mit ihren Freunden von der Düsseldorfer Straße her, wo die Karl-Lehr-Straße von Bäumen gesäumt auf die Tunnel zuführt - zuerst unter der Autobahnbrücke der A59 durch, dann durch zwei kurze Tunnel mit abgerundeten, von Abgasen geschwärzten Wänden. Sie waren extra früh gekommen, die fünf Freunde aus Essen, wollten zu Beginn der Loveparade um 14.30 Uhr schon auf dem Gelände des Güterbahnhofs sein. Bis zu dem Tunnel hin ging es noch ziemlich schnell - und dann fast gar nichts mehr.

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Die Menschenmenge wurde immer dichter, es wurde gedrückt und geschubst von links, von rechts, von hinten und dann von vorne. Bloß nicht loslassen, dachte sich Sandra Kaiser, nur nicht noch die Freunde verlieren, von denen sie zwei an den Händen hielt. „Um uns herum haben sich die Leute geprügelt, es wurde geschubst und es war einfach verdammt eng“, sagt sie. Ein junger Mann etwa sei vollkommen ausgerastet und habe wahllos auf ein Mädchen eingeschlagen. Den Kopf noch oben halten, nicht nach unten schauen.

Infografik / Karte / Veranstaltungsgelände der Loveparade © dpa Vergrößern

Die Besucher trafen aus zwei Richtungen aufeinander, ein Nadelöhr

Tief atmen, habe sie sich immer wieder gesagt. Eine gefühlte Stunde befanden sich die fünf jungen Leute Mitte zwanzig in dem Gedränge, ehe sie den zweiten Tunnel hinter sich ließen und nach links in den Eingangsbereich der Parade einbogen. Dort trafen die Besucher aus zwei Richtungen aufeinander, ein Nadelöhr. „Links von uns war eine Betonwand und eine Treppe, wo sich die Leute gegenseitig hochgezogen haben“, sagt Sandra Kaiser. Total riskant sei ihr das erschienen, aber die Leute hätten eben rein gewollt. „Rechts war eine Art schlammiger Hang - da sind wir schließlich raufgeklettert.“

Als sie von oben sahen, was da um 17.14 Uhr losbrach, dort, wo sie noch kurze Zeit zuvor selbst gestanden hatten, wussten sie noch nicht genau, welches Glück sie eigentlich hatten. Dann aber wurden Menschen schon „mit Tüchern und Folien zugedeckt“, sagt Kaiser. „Wir waren nur froh, dass wir oben waren.“ Sie seien dann aber doch reingegangen, auf das Gelände, sagt sie. Unterwegs hätten sie ihre Cola-Flaschen Samaritern gegeben, die zu wenig Flüssigkeit für Kollabierte hatten. Einen Freund von ihr, der sich beim Tanzen den Fuß verdrehte, mussten sie Huckepack vom Gelände bringen - bei drei Sanitätszelten hieß es, sie könnten ihm jetzt nicht helfen. Von dem Ausmaß der Katastrophe, die sie aus sicherer Entfernung wahrgenommen hatten, haben sie erst viel später erfahren.

Einige Stunden, nachdem in Folge der Massenpanik am Ausgang des Tunnels in der Karl-Lehr-Straße 19 Menschen umkamen und 340 verletzt wurden, sieht es am Unglücksort zunächst so aus, wie es nach einer großen Party aussieht. Hunderte Flaschen, Kartons, Zigaretten, Lebensmittelreste, der Geruch von Bier und Urin. Doch inmitten von diesem Müll liegen stumme Zeugen der Katastrophe. Einzelne Sneakers, zarte Ballerinas und Schuhe mit Absätzen, mit Staub und Dreck bedeckt. T-Shirts, zerrissene Pullis, zerzauste Federboas und Perücken - Relikte eines fröhlichen Partyvolks. Gummihandschuhe, leere Infusionsbeutel, Rettungsfolien.

Ein Haufen verbogener Absperrgitter, gegen die die Menschenmassen in Panik wohl gedrückt hatten. Das Zentrum des Geschehens, links am Ausgang des zweiten Tunnels, wo die beiden Menschenströme zusammenkamen und wo einige versucht haben müssen, über eine abgesperrte Metalltreppe schneller auf das Gelände zu gelangen, hat die Polizei zum Zweck der Spurensicherung blickdicht abgesperrt. Doch durch die Lücken in den Planen kann man erahnen, dass dort die Zahl der verstreuten Überbleibsel noch viel größer ist.

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Veröffentlicht: 25.07.2010, 19:29 Uhr