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Eltern als Täter Wenn niemand hinschaut

22.11.2007 ·  Ein Kind zu achten und zu lieben, ihm zu essen und zu trinken zu geben, ein Kind zu erziehen und als eigenständiges Wesen anzuerkennen - das kann man lernen. Die Eltern der kleinen Lea-Sophie waren damit überfordert.

Von Alfons Kaiser
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Der Eltern-Führerschein ist in Deutschland noch nicht eingeführt. Da wir in einem freien Land mit freien Bürgern leben, ist das auch besser so. Aber ein Kind zu achten und zu lieben, ihm zu essen und zu trinken zu geben, es wettergerecht zu kleiden und altersgemäß zu beschäftigen, ein Kind zu erziehen und als eigenständiges Wesen anzuerkennen - das kann man lernen. Wieder einmal hatten es eine Mutter und ein Vater nicht gelernt, dieses Mal in Schwerin. Wieder einmal ist ein Kind, dieses Mal die fünfjährige Lea-Sophie, der Nachlässigkeit überforderter Eltern zum Opfer gefallen. Und wieder einmal haben wir nicht richtig hingesehen. Haben wir alle nichts gelernt aus den Fällen Dennis, Michelle, Jessica, Kevin, Leon, André?

Wir? Dem Jugendamt allein jetzt Nachlässigkeit vorzuwerfen, wie es am Donnerstag im Laufe des Tages immer mehr in Mode kam, greift jedenfalls zu kurz. Natürlich muss der Fall untersucht werden, müssen die Sozialarbeiter zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie wirklich weggingen, weil die Eltern nicht zu Hause waren, und den Fall dann nicht nachverfolgten.

Nur noch 7,4 Kilogramm

Aber all die Nachbarn und Bekannten und Verwandten, die nun auf die Behörden zeigen - haben sie nichts gesehen? Wie kann ein fünf Jahre altes Mädchen nur 7,4 Kilogramm wiegen (so viel wiegen Säuglinge mit einem halben Jahr), und keiner bemerkt es? Wie kann man im Flur achtlos an Menschen vorbeigehen, und sei es, dass man sie nur „vom Sehen“ kennt, ohne Anzeichen von Verwahrlosung zu erkennen? Wie kann man vergessen, dass es in der Wohnung unterm Dach noch ein Kind gibt, das man lange nicht gesehen hat? Kann man das wirklich alles einem „Sachbearbeiter“ überlassen, der sich nebenher um 150 andere „Fälle“ zu kümmern hat?

Bis zu einem Drittel aller Eltern sind mit der Erziehung überfordert. Das trifft häufig - wie auch in diesem Fall - Hartz-IV-Empfänger und Ostdeutsche, weil sie in prekären Lebensumständen und in sozialer Schieflage auch noch mit einem weiteren Stressfaktor zurechtkommen müssen. Elternstiftungen und Erziehungsberatungsstellen, Stadtteilmütter und Elterntelefone scheinen sich aber eher im Westen Deutschlands dort zu ballen, wo Wohlstandsmütter am Super-Baby basteln. Auch die Hebammen, die Kinderärzte, die freien Träger, die Kirchen und nicht zuletzt wir alle müssen aber auf jenen Rand schauen, über den man gerne hinausblickt.

Quelle: F.A.Z., 23.11.2007, Nr. 273 / Seite 1
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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