http://www.faz.net/-gum-38ge

Elisabeth Mann Borgese : Jüngste Tochter von Thomas Mann gestorben

  • -Aktualisiert am

Elisabeth Mann Borgese Bild: AP

Elisabeth Mann Borgese, die jüngste Tochter von Thomas Mann, ist in ihrem Urlaubsort St. Moritz gestorben.

          „In Deutschland weiß eigentlich niemand, dass es mich gibt“, hat Elisabeth Mann Borgese einmal bescheiden gesagt. Das änderte sich spätestens im Dezember, wenige Wochen vor ihrem Tod, mit dem Fernseh-Dreiteiler „Die Manns“. Ein Millionenpublikum erlebte die jüngste Tochter von Thomas und Katia Mann: Unprätentiös, klug und mit einem unschlagbaren Sinn für Humor erzählte die rüstig wirkende 83-Jährige vom Leben der bedeutendsten deutschen Literatenfamilie - und stellte eines klar: Sie, Elisabeth, litt nicht unter dem Schatten des Vaters. Sie teilte mit ihm die Leidenschaft für das Meer und wurde zur „Lady of the Oceans“, zu einer weltweit anerkannten Gelehrten. Am Freitag starb Elisabeth Mann Borgese in der Nähe von St. Moritz (Schweiz) an Lungenentzündung.

          Elisabeth war das letzte noch lebende Kind des Literatur-Nobelpreisträgers. Als sie 1918 im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges in München zur Welt kam, hatte sich der 43-jährige Vater schon einen Namen geschaffen, die „Buddenbrooks“ waren bereits 1901 erschienen. Die Zweitjüngste war für Thomas Mann die kleine „Medi“, „Kindchen“ und sein Liebling, wie der Nobelpreisträger selbst zugab.

          Geprägt, aber nicht gelähmt

          Anders als ihre fünf Geschwister Michael, Golo, Monika, Erika und Klaus fand Elisabeth für ihre Kindheit fast nur Worte der Wärme: Sie hat unter der vielbeschriebenen Kälte und Egozentrik des Patriarchen nicht gelitten. „Das familiäre Erbe prägte sie, ohne sie zu lähmen“, schreibt ihre Biografin Kerstin Holzer.

          Ihre Kindheit und Jugend verbringt Elisabeth größtenteils im Exil, zunächst in der Schweiz, später in den USA. Die Zeit im amerikanischen Exil jedoch empfand sie als „sehr hässlich“. 1939 tröstet sie sich als 20-Jährige mit der Hochzeit mit dem wesentlich älteren Guiseppe Borgese, einem Wissenschaftler sizilianischer Herkunft. Als dieser im Alter von 70 Jahren stirbt, lässt er sie als 34-jährige Witwe zurück - ein schwerer Schicksalsschlag, dem in der großen Familie viele weitere folgen sollten.

          Ihr Bruder Michael, ein melancholischer Musiker, brachte sich später um, ebenso der ältere Klaus, der wie sein Vater Schriftsteller geworden war. Schwester Monika verkraftete den Tod ihres Mannes nicht, und Golo, der zum Historiker wurde, klagte ein Leben lang bitter über den unnahbaren Vater und die „miserable Kindheit“. Auch Schwester Erika, ebenfalls Autorin, hatte es nicht leicht, aus dem Schatten des Vaters herauszutreten.

          Mitbegründerin des Club of Rome

          Anders Elisabeth: Ihre Biografie erzählt von einem erfüllten Leben. Für die Mitbegründerin des Club of Rome waren die Meere „ein "großes Laboratorium", in dem wir eine neue Weltordnung schaffen können“. 1972 gründete Mann Borgese das Internationale Ozean-Institut auf Malta, das inzwischen weltweit an 20 Orten vertreten ist, darunter auch in Halifax. Anschließend arbeitete sie maßgeblich an der UN-Seerechtskonvention von 1982 mit. 1983 nahm die Mutter von zwei Töchtern die kanadische Staatsbürgerschaft an.

          Im Ozean-Institut war die renommierte Meeresexpertin und Buchautorin, die nie studiert hatte, bis zuletzt aktiv. „Rein aus Spaß“ unterrichtete sie auch weiter Seerecht an der Dalhousie University in Halifax. Zwischendurch rief sie die „Unabhängige Weltkommission für Meere“, eine Organisation mit UN-Beobachterstatus, ins Leben, veranstaltete Kurse, berief Konferenzen ein und reiste durch die Welt, um Gelder für ihr Institut einzutreiben. Notfalls stopfte sie die Löcher auch mit den Tantiemen vom Werk des Vaters.

          Exzentrische Seiten

          Mann Borgese lebte jahrelang in Kanada in einem Holzhaus mit Blick auf den Atlantik, wo sie gern Gäste um sich hatte. Als Heinrich Breloers und Horst Königsteins Mehrteiler „Die Manns“ lief, gab die alte Dame mit den schelmischen Augen im Fernsehen auch ihre mitunter exzentrischen Seiten preis. So erteilte sie ihren Hunden, englischen Settern, Klavierunterricht auf einem Spezialinstrument.

          Bis zuletzt war die Wissenschaftlerin so vital, dass ihr Tod unerwartet kam. Zwei Tage zuvor soll sie noch in einem Telefonat vom Ski fahren geschwärmt haben. In „Die Manns“ wird ihr die Frage gestellt, ob sie das einzige der Mann-Kinder sei, das mit der Geschichte der Familie, mit ihrer eigenen Geschichte versöhnt ist. Nachdenklich blickt sie da in die Kamera und sagt: „Ja. Das ist wohl wahr. Das stimmt!“ Wahrscheinlich wird die „letzte Mann“ nun in Zürich beigesetzt, in der Nähe des großen Vaters, des „Zauberers“.

          Quelle: dpa

          Weitere Themen

          Koscher für alle

          Yossi Elad in Frankfurt : Koscher für alle

          Yossi Elads Restaurant Machneyuda ist eine Institution in Jerusalem. Nun ist der Koch für elf Tage in Frankfurt – und hat sich für sein Menü von der Stadt inspirieren lassen.

          Erinnerungen an meinen Vater Video-Seite öffnen

          Hans Magnus Enzensberger : Erinnerungen an meinen Vater

          Wie sein Vater als Fernmeldetechniker im „Dritten Reich“ den eigenen Überzeugungen treu blieb, hat Hans Magnus Enzensberger immer fasziniert. Für die Familie hat er seine Erinnerungen an ihn aufgeschrieben. Zum ersten Mal kann sie jetzt auch ein großes Publikum lesen.

          Topmeldungen

          So sauber kann eine U-Bahn sein

          Singapur macht’s vor : Was den Öffis fehlt

          Ist der öffentliche Personennahverkehr die Zukunft des Massentransports? Wer dieser Meinung ist, kann in Singapur lernen, wie es wirklich geht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.