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Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Einsturz des Stadtarchivs in Köln „Verlust von Sicherheit und Vertrauen“

03.03.2010 ·  Am Jahrestag des Stadtarchiv-Einsturzes hat Kölns Oberbürgermeister Roters schwere Vorwürfe gegen die Baufirmen und die Kölner Verkehrsbetriebe erhoben. Die Ursache des Einsturzes ist auch ein Jahr danach immer noch unklar.

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Trauer um zwei junge Männer, Entsetzen auch ein Jahr nach der Katastrophe: Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 ist für viele ein Trauma. Am Jahrestag gedenkt die Stadt der Opfer. Zugleich werden Schuldzuweisungen und Vorwürfe erhoben. Die Aufklärung sei zu schleppend, es fehle Transparenz, kritisieren die Bürgerinitiative „Köln kann auch anders“ sowie Autoren um „Aura 09“ und „Kölner Komment“. Aber auch Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) spricht bei der Gedenkfeier am Mittwoch Klartext - und entzieht den Baufirmen und den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) sein Vertrauen. Nun erhebt auch Roters den Vorwurf, Betrug und Manipulation seien bei den Baufirmen für den U-Bahn-Bau im Spiel gewesen. Dem Technischen KVB-Vorstand Walter Reinarz rät er klar zum Rückzug aus seinem Spitzenamt. Roters sagte vor den rund 350 geladenen Gästen, Köln habe sich am Tag des Unglücks verändert. „Es geht um den Verlust von Sicherheit und Vertrauen.“ Der Archiveinsturz habe „auf die bitterste Weise“ gezeigt, „wie zerbrechlich unseren Leben und unser Wirken ist“.

Roters schlägt in dieselbe Kerbe wie viele Kölner, die unzufrieden sind mit der Aufarbeitung des Unglücks. „Wir fragen weiter nach der Verantwortung für die Katastrophe. Wir sind nicht beruhigt“, betonen die Bürgerinitiativen. „Dass bis heute, ein Jahr nach der Katastrophe, noch immer niemand die politische Verantwortung oder Teilverantwortung für das Desaster übernommen hat, kommt einer zweiten Schuld und einer Verhöhnung der Opfer gleich“, meinen die Gruppen. Reinarz müsse weg, sagt Frank Deja, Vorsitzender von „Köln kann auch anders“.

Viele hängen mit drin

Auch die Politik steht im Visier der Kritiker. „Wir wollen nicht die Schuldfrage klären, das macht die Staatsanwaltschaft. Aber wir sind entsetzt, dass es keine Bauaufsicht gab“, meint Deja. Hier sei auch ganz klar die Stadt in der Pflicht. Ähnlich sieht es René Böll, Sohn des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll: Die Hauptschuld an dem Einsturz trage die Stadt, die den Auftrag zum U-Bahn-Bau an die KVB gegeben habe, dann aber nicht kontrolliert habe, erklärt Böll im „Deutschlandradio Kultur“.

Schriftsteller Günter Wallraff sagt der dpa: „Es sind zu viele involviert, von Firmenseite und vonseiten der Stadt. Viele hängen mit drin und haben ein Interesse daran, dass Aufklärung nicht stattfindet“. Die Justiz hält der Journalist für „überfordert“. Die Ursache für den Einsturz ist noch unklar, ein Zusammenhang mit den unterirdischen Bauarbeiten für die Nord-Süd-Stadtbahn gilt aber als sicher. Der 17-jährige Azubi Kevin und der Student Khalil (24) waren vor einem Jahr ums Leben gekommen, viele Anwohner verloren ihre Wohnungen, kostbare Archiv-Bestände wurden zerstört.

„Zug der Fassungslosigkeit“

Die KVB zahlte bisher 4,4 Millionen Euro Entschädigung. „Die Menschen hatten kein Dach über dem Kopf. Es musste geholfen werden, und die KVB als Bauherr hat geholfen. Wir möchten, dass die Menschen nach dem Unglück nicht schlechter gestellt sind als vorher“, sagt KVB-Sprecherin Gudrun Meyer. Das Unternehmen ist dabei in Vorleistung gegangen. Denn erst wenn die Unfallursache ermittelt ist, steht auch fest, wer als Verantwortlicher den finanziellen Schaden ausgleichen muss. Meyer zufolge haben 259 Menschen Ansprüche angemeldet - Hausbesitzer, Bewohner oder Gewerbetreibende.

Die Kritiker tragen ihren Protest am Jahrestag auf die Straße. Kölner Schauspieler und Kabarettisten lesen aus Ratsprotokollen der 90er Jahre, in denen die Vorzüge der U-Bahn angepriesen und der Bau beschlossen wurde. „Realsatire aus heutiger Sicht“, meint Deja. Am Abend wollte ein „Zug der Fassungslosigkeit“ zur Unglücksstelle marschieren. Kerzen und Blumen sind dort niedergelegt, Kränze der Stadt am Baugitter angebracht. Kevins Familie hat ein schwarzes Plakat aufgehängt, mit der Aufschrift „Der Pfusch vom 3.3.09“. Und ein Unbekannter fordert: „Es wird langsam Zeit, dass die Wahrheit raus kommt (...), damit keine anderen Menschen so ein Ende haben wie Kevin und Khalid.“

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