Robert Sedlatzek-Müller starrt auf die Elbe. Das Wasser kräuselt sich und schlägt sanft ans Ufer des Hamburger Stadtteils Blankenese. Ein Containerschiff zieht vorbei, eine Segelschaluppe tanzt über die Wellen. Doch er sieht sie nicht. Er blickt auf die SA-3-Rakete. Sieht, wie Kameraden versuchen, den Sprengstoff herauszumeißeln. Hört den ohrenbetäubenden Knall der Explosion. Spürt, wie ihn etwas hart am Rücken trifft, sein Körper durch die Luft geschleudert wird, auf dem Boden aufschlägt. Ein Feuerball versengt seine Haut.
Er kann nichts mehr sehen, nichts mehr hören, tastet blind nach seinem besten Freund, der eben noch neben ihm stand. Seine Finger umgreifen etwas, Entsetzen erfasst ihn, er hält einen abgetrennten Arm in der Hand. Pfeilschnell ist er auf den Beinen, doch die Welt dreht sich, überall liegen Körperteile verstreut. Er sieht einen Menschen reglos am Boden liegen, reißt ihn hoch, bloß weg von der Grube, in der noch genug Sprengstoff übrig ist, um ein Fußballfeld zu pulverisieren. Er schleppt sich zu einem Fahrzeug, blickt an sich herunter, alles an ihm ist voller Blut, doch es ist nicht sein eigenes, es ist das eines Kameraden, den es hinter ihm zerfetzt hat.
Hilflos sieht er einen Kameraden sterben
Seine Hände krampfen sich um die Hundeleine, an deren Ende Schäferhund Idor aufgesprungen ist, und ihn aus treuen Augen anschaut. Mehr als acht Jahre nach dem Knall, mehr als 5.000 Kilometer von Afghanistan entfernt, ist der Krieg sofort wieder da. Denn Sedlatzek-Müller, 32 Jahre alt, ehemaliger Spezialsoldat, Fallschirmjäger, Hundeführer, Vater einer Tochter, kann nicht vergessen. Kann nicht vergessen, wie er nach der Explosion neben einem Kameraden abgelegt wird, dessen Gedärme durch die offene Bauchdecke quellen. Hört noch immer, wie der Sterbende vor Schmerz schreit. Sieht, wie er nach einer Morphium-Spritze einschläft und nicht mehr aufwacht.
Es ist der 6. März 2002, nach dem in Sedlatzek-Müllers Leben nichts mehr so sein wird, wie es war. Er ist als Hundeführer mit Idor, seinem Kampfmittelspürhund, bei Kabul im Einsatz, als die Entschärfung des Überbleibsels aus dem afghanisch-sowjetischen Krieg in einer Katastrophe endet. Fünf Isaf-Soldaten, zwei Deutsche und drei Dänen, kommen ums Leben, was Sedlatzek-Müller hart im Rücken traf, war der Torso eines Toten. Gemeinsam mit den verletzten Kameraden, darunter auch sein bester Freund, wird er nach Deutschland ausgeflogen.
Irgendwann hilft nur noch Whiskey
Im Krankenhaus setzen ihm die Ärzte künstliche Trommelfelle ein, seine eigenen hat die Detonation zerrissen. Was bleibt ist ein Tinnitus, laut wie ein Presslufthammer. Nach sechs Wochen sind die sichtbaren Wunden verheilt, er wird entlassen. Doch schon bald merkt er, dass etwas nicht stimmt: „Ich wurde vergesslich, unruhig, aggressiv.“ Die Bilder der Explosion, der Leichen, des sterbenden Kameraden, kommen im Alltag plötzlich hoch, rauben ihm den Schlaf. Irgendwann hilft nur noch Whiskey, um einzudämmern. Er drängelt und rast auf der Autobahn, verliert den Führerschein, prügelt sich mit Kameraden, fliegt aus dem Hundezug. Von seiner Familie zieht er sich zurück, verbringt selbst die Ferien in der Kaserne, seine Beziehung zerbricht, das gemeinsame Kind bleibt bei der Mutter.
Wegen Bagatellen ist der vorher unauffällige, fast schüchterne Robert, sofort außer sich. Oft denkt er, „alles mit einem großen Knall zu beenden.“ Weil ein Beamter am Telefon eine Auskunft verweigert, rast er zu dessen Büro, tritt die Tür ein und will sich mit ihm aus dem Fenster stürzen. „Ich bin eine tickende Zeitbombe“, sagt er mittlerweile von sich selbst. Schon 2003 diagnostiziert ein Psychologe der Bundeswehr bei ihm eine „Posttraumatische Belastungsstörung“, kurz PTBS. Mit der „Behinderung“, wie er sie selbst nennt, ist Sedlatzek-Müller nicht alleine. Seit 2007 verzeichnet der Sanitätsdienst der Bundeswehr einen massiven Anstieg der Fälle von Soldaten, die an PTBS erkranken, wie ein Sprecher erklärt. „Das ist dadurch zu erklären, dass Anzahl und Intensität der Auslandseinsätze zugenommen haben“, sagt er weiter.
Immer öfter kehren Soldaten traumatisiert zurück
Waren es 2007 noch 145, und 2008 noch 245 Neuerkrankte, so hat sich die Zahl im vergangenen Jahr bereits auf 466 erhöht. Seit 2004 hat die Bundeswehr insgesamt 1.164 PTBS-Fälle in ihren Reihen registriert, von 1996 bis 2003 waren es nur 348. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange, glaubt Andreas Timmermann-Levanas. Der Oberstleutnant a.D. leidet seit einem Afghanistan-Einsatz selbst an PTBS. Er fühlt sich von seinem Heer im Stich gelassen und hat deshalb die Deutsche Kriegsopferfürsorge gegründet, die sich um versehrte Soldaten kümmert. „Bislang waren 278.000 Soldaten in einem Auslandseinsatz. Die Gefahr, ein Trauma zu erleiden, liegt bei kriegsähnlichen Einsätzen bei mehr als 10 Prozent. Deshalb schätzen wir die Dunkelziffer der PTBS-Fälle auf etwa 20.000.“
Die Bundeswehr habe auf den drastischen Anstieg der Fälle sofort reagiert, sagt der Sprecher des Sanitätsdienstes: „Seit 2008 gibt es eine 24-Stunden-Hotline und eine Website, über die sich aktive und ehemalige Soldaten und ihre Angehörige über PTBS informieren und sich anonym Hilfe holen können. Im Februar 2009 beschloss der Bundestag die Einrichtung eines Forschungs- und Kompetenzzentrums zur Behandlung von Traumata in der Bundeswehr, im Mai darauf wurde es in Berlin eröffnet.“ Doch diese Angebote nützen Soldaten, die schon lange vorher verwundet wurden, wenig.
„Ich habe die Einsätze nie in Frage gestellt“
Auch Sedlatzek-Müller war lange nicht klar, dass er früh Hilfe gebraucht hätte: „Ich wusste nicht einmal, was PTBS ist. Es hat mir auch niemand erklärt.“ Erst 2009 bekommt er die Möglichkeit, eine ambulante Therapie zu machen, öffnet sich zum ersten Mal einem anderen Menschen. Doch dann werden zwei Mal kurz hintereinander seine Psychologen ausgetauscht: „Das war ein Schlag ins Gesicht.“ Ein Versuch, seine Aggressionen mit autogenem Training in den Griff zu bekommen, scheitern: „Die Therapeutin war überzeugte Pazifistin.“ Trotz seiner Probleme kehrt Robert Sedlatzek-Müller 2003 und 2005 nach Afghanistan zurück.
Als Zeitsoldat kann er zu Auslandseinsätzen verpflichtet werden, doch er geht immer freiwillig. „Soldat zu sein ist nicht mein Beruf, es ist meine Berufung. Ich war immer loyal, habe die Einsätze nie in Frage gestellt und war zudem sehr ehrgeizig“, erklärt er. Mit 22 Jahren geht er mit der Division spezielle Operationen in den Kosovo: „Ich bin in der DDR groß geworden, wollte die Welt sehen.“ Dort schlägt ihm ein Freiheitskämpfer der UCK mit dem Gewehrkolben einen Zahn aus, verirrt er sich in einem Minenfeld, in dem jeder Schritt sein letzter hätte sein können, sieht Tod und Elend der Zivilbevölkerung. „Heute glaube ich, dass meine Erlebnisse im Kosovo, über die ich nie mit jemandem sprechen konnte, die wirkliche Ursache meiner PTBS sind“, sagt Sedlatzek-Müller.
Einkaufen wird zur Qual
Was die Krankheit mit ihm anrichtet, begreift er erst spät: „Als Idor mich zum ersten Mal in seinem Leben gebissen hat, weil er meine Aggressionen spürte, habe ich mich endgültig nicht mehr wiedererkannt“, erinnert er sich. Das war 2008 - sechs Jahre nach der Explosion, fünf nach der PTBS-Diagnose. Seitdem geht es ihm immer schlechter. Auch sein Körper zeigt mittlerweile, dass die Seele krank ist, der Ex-Soldat hat keinen Appetit, ist abgemagert, leidet an Nesselsucht. „Beim Autofahren habe ich neulich im Radio von der Explosion eines Blindgängers gehört, bei der drei Menschen gestorben sind. Ich musste rechts ranfahren und mich übergeben“, erzählt er.
Eine Familie fährt mit ihren Rädern an der Elbe entlang, kommt an der Bank vorbei, auf der Sedlatzek-Müller sitzt, und von seiner Tragödie erzählt. Er dreht sich sofort nach ihr um. Sobald er nur das kleinste Geräusch wahrnimmt, scannt er seine Umgebung, seine Augen blicken gehetzt - ein Überbleibsel aus seiner Ausbildung zum Spezialsoldat, das sich durch die Krankheit verstärkt hat. „Im Cafe behalte ich immer alle Ein- und Ausgänge im Blick“, erzählt er. Auch in den eigenen vier Wänden fühlt er sich nicht mehr sicher: „Wenn ich nach Hause komme, mache ich kein Licht - keiner soll wissen, dass ich da bin.“
„Mir kann keiner mehr helfen“
Menschenmassen machen ihm Angst, selbst Einkaufen wird zum Problem: „Ich gehe nur, wenn wenig los ist. Manchmal schaffe ich es trotzdem nicht, aus dem Auto auszusteigen und fahre wieder.“ Ein Mann, der im Einsatz auf dem nackten Boden schlafen, der sich alleine, ohne Wasser, ohne Nahrung durchschlagen konnte, kommt mit dem Leben nicht mehr zurecht - und fühlt sich von seinem Heer im Stich gelassen. Ende April lief sein Vertrag als Zeitsoldat aus, er wurde „untherapiert entlassen“, beklagt er. Die Bundeswehr würde ihm eine stationäre Behandlung bezahlen. Doch nach den gescheiterten Therapieversuchen hat Sedlatzek-Müller das Vertrauen verloren: „Mir kann sowieso keiner mehr helfen.“
Außerdem müsste er die Berufsförderung der Bundeswehr aufgeben, mit der er sich in einer ihrer Fachschulen zum staatlich anerkannten Erzieher ausbilden lässt. „Dann wäre die neue Existenz, die ich mir mühsam aufbaue, wieder flöten“, sagt er bitter. Für drei Jahre erhält der ehemalige Zeitsoldat noch die übliche Übergangszuwendung der Bundeswehr. Was danach kommen könnte, sieht er an seinem besten Freund, der von der Explosion ebenfalls traumatisiert ist. Er verließ das Heer, ist arbeitsunfähig, lebt von Hartz IV und hat zwölf Kilo Untergewicht. Veteranen, die am Existenzminimum leben, sind in Deutschland keine Seltenheit, sagt Timmermann-Levanas von der Kriegsopferfürsorge: „Ich weiß von Kameraden, die im Supermarkt Essen gestohlen haben, um nicht zu verhungern.“
Zermürbender Kleinkrieg mit Behörden
Mancher Verwundeter würde durch ein Dienstunfähigkeitsverfahren einfach aus der Bundeswehr „rausgeschmissen“ und im Umgang mit Zivilbehörden, die nun für die Versorgung zuständig seien, alleine gelassen. Oft müssten die Leistungen sogar vor Gericht erstritten werden, was Jahre dauern könne. „Manche hat der zermürbende Behörden-Kleinkrieg schon in den Selbstmord getrieben“, erzählt Timmermann-Levanas bitter. Wer noch Soldat sei, könne einen Antrag auf Wehrdienstbeschädigung stellen. Doch das sei selten von Erfolg gekrönt: „In zwei Dritteln der Fälle werden die Anträge abgelehnt. Dabei ist skandalös, dass die eingesetzten Gutachter meist externe, zivile Experten sind, die von militärischer Materie keine Ahnung haben“, sagt Timmermann-Levanas.
Um versehrten Soldaten zu helfen, hat der Bundestag bereits 2007 das „Einsatzweiterverwendungsgesetz“ erlassen. „Ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagt Timmermann-Levanas. Denn es sieht vor, dass Soldaten mit einer Wehrdienstbeschädigung von mindestens 50 Prozent von der Bundeswehr als Soldat oder ziviler Mitarbeiter weiter beschäftigt werden. Doch es gilt erst ab dem 1. Dezember 2002. Sedlatzek-Müller fällt zwei Mal durch das Raster: Sein Unfall war im März 2002. Und seine Wehrdienstbeschädigung liegt nur bei 30 Prozent. Im März dieses Jahres hat er einen Antrag auf Verschlechterung gestellt, aber noch keine Antwort erhalten.
„Es ist an der Zeit, diesen Missstand zu beheben“
Zumindest in punkto Stichtag scheint sich aber wieder etwas zu bewegen. Mitte Mai haben sich Ernst-Reinhard Beck, Verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Elke Hoff, Sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, an Verteidigungsminister zu Guttenberg gewandt und ihn aufgefordert, eine Verschiebung oder Streichung des Stichtags zu prüfen. „Soldaten, die wenige Wochen oder Monate vor dem Stichtag zu Schaden gekommen sind, fragen sich zu Recht, warum ihre Verwundung weniger wert sein soll. Das haben auch wir uns gefragt. Es ist an der Zeit, diesen Missstand zu beheben“, begründet Beck den Vorstoß.
Für Sedlatzek-Müller eine gute Nachricht, aufbauen kann sie ihn aber kaum: „Ich kann mich über nichts mehr freuen.“ Die Ausbildung fällt ihm schwer, ob er sie besteht, weiß er nicht: „Ich kann mich nicht konzentrieren, mir nichts merken, mache ständig Fehler.“ Später möchte er mit traumatisierten Jugendlichen arbeiten. Doch sobald im Unterricht über Trauma gesprochen wird, muss er den Raum verlassen. Vor wenigen Wochen hat er einen Intelligenztest gemacht, das Ergebnis schockierte ihn: „Das erste Mal habe ich wegen meiner Krankheit geweint. Denn ich habe gesehen, was sie in meinem Gehirn angerichtet hat.“
„Manchmal wünsche ich mir, ich hätte einen Arm verloren“
Sein Schicksal hat aber nicht nur in seinem Kopf und seiner Seele etwas kaputt gemacht. Es versperrt ihm auch den Rückweg in die Gesellschaft. Denn seine Erlebnisse kann er mit fast niemandem teilen. „Die Menschen wissen gar nicht, was da unten wirklich los ist“, stellt Sedlatzek-Müller ernüchtert fest. Dass Politiker noch immer von „kriegsähnlichen Zuständen“ sprechen, weil der Isaf-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan offiziell keine Militärmission, sondern ein Friedenseinsatz ist, macht ihn wütend. Selbst Kameraden zeigen oft kein Verständnis - denn ein Soldat ist hart im Nehmen, weint nicht, klagt nicht. „Manchmal wünsche ich mir, ich hätte einen Arm verloren. Dann müsste ich mich nicht ständig erklären“, sagt er verzweifelt.
Auch Freunde tun sich schwer mit dem, was Sedlatzek-Müller selbst so lange nicht in Worte fassen konnte: „Ich war auf eine Feier eingeladen, habe es aber nicht lange ausgehalten. Die Frauen redeten über Schuhe, die Männer über Winterreifen. Für mich Belanglosigkeiten.“ Dass er im Kosovo auf einem Dachboden eine Frau fand, die in ihren Exkrementen lag, und die er sterbend zurücklassen musste, ist kein Gesprächsthema für eine Party. Seit 2009 ist er verheiratet, seine Frau möchte ausgehen, doch dazu fehlt ihm die Kraft.
Von seiner Familie hat er sich entfremdet: „Ich liebe meine Tochter, meine Frau, meine Eltern und Schwestern. Aber ich bin innerlich so tot, dass ich denke, die sind selbstständig, gut versorgt, die kommen ohne mich klar.“ Wer nicht ohne ihn klar kommt, ist Idor. Der Schäferhund ist seit zehn Jahren sein Schatten, weicht ihm nicht von der Seite. „Ihn kann ich nicht im Stich lassen. Ansonsten warte ich nur noch auf den Tag X.“ Es klingt grausam, aber irgendwie logisch, wenn Robert Sedlatzek-Müller, ein Mensch, der nur noch wenig zu verlieren hat, das sagt. Tag X ist, wenn Idor stirbt.
Robert Sedlatzek-Müller ehem.Elitesoldat der BW
Ingrid Hinrichs (ayke125)
- 12.06.2010, 21:15 Uhr
Vom elenden Dasein eines Vasallenstaates, heute: Heerfolge für den Oberherrn
Harry LeRoy (Cimon)
- 12.06.2010, 22:31 Uhr
Zeitbomben
Karl Moeller (JimmyCooke)
- 13.06.2010, 12:59 Uhr
Menschliches Elend
Katharina Reissing (KatharinaReissing)
- 13.06.2010, 19:53 Uhr
die im Supermarkt Essen gestohlen haben, um nicht zu verhungern
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 14.06.2010, 09:44 Uhr