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Einsatz in Kriegsgebieten „Ich bin eine tickende Zeitbombe“

Angst, Ohnmacht, manchmal auch Hoffnung: Sechs Menschen erzählen von ihrer Arbeit in Kriegsgebieten. Einer von ihnen ist Robert Sedlatzek-Müller. Den Ex-Soldaten lässt das Grauen seit seinem Einsatz am Hindukusch nicht mehr los.

© Holde Schneider Vergrößern Zwei Veteranen: Schäferhund Idor ist immer an Robert Sedlatzek-Müllers Seite

Robert Sedlatzek-Müller starrt auf die Elbe. Das Wasser kräuselt sich und schlägt sanft ans Ufer des Hamburger Stadtteils Blankenese. Ein Containerschiff zieht vorbei, eine Segelschaluppe tanzt über die Wellen. Doch er sieht sie nicht. Er blickt auf die SA-3-Rakete. Sieht, wie Kameraden versuchen, den Sprengstoff herauszumeißeln. Hört den ohrenbetäubenden Knall der Explosion. Spürt, wie ihn etwas hart am Rücken trifft, sein Körper durch die Luft geschleudert wird, auf dem Boden aufschlägt. Ein Feuerball versengt seine Haut.

Er kann nichts mehr sehen, nichts mehr hören, tastet blind nach seinem besten Freund, der eben noch neben ihm stand. Seine Finger umgreifen etwas, Entsetzen erfasst ihn, er hält einen abgetrennten Arm in der Hand. Pfeilschnell ist er auf den Beinen, doch die Welt dreht sich, überall liegen Körperteile verstreut. Er sieht einen Menschen reglos am Boden liegen, reißt ihn hoch, bloß weg von der Grube, in der noch genug Sprengstoff übrig ist, um ein Fußballfeld zu pulverisieren. Er schleppt sich zu einem Fahrzeug, blickt an sich herunter, alles an ihm ist voller Blut, doch es ist nicht sein eigenes, es ist das eines Kameraden, den es hinter ihm zerfetzt hat.

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Hilflos sieht er einen Kameraden sterben

Seine Hände krampfen sich um die Hundeleine, an deren Ende Schäferhund Idor aufgesprungen ist, und ihn aus treuen Augen anschaut. Mehr als acht Jahre nach dem Knall, mehr als 5.000 Kilometer von Afghanistan entfernt, ist der Krieg sofort wieder da. Denn Sedlatzek-Müller, 32 Jahre alt, ehemaliger Spezialsoldat, Fallschirmjäger, Hundeführer, Vater einer Tochter, kann nicht vergessen. Kann nicht vergessen, wie er nach der Explosion neben einem Kameraden abgelegt wird, dessen Gedärme durch die offene Bauchdecke quellen. Hört noch immer, wie der Sterbende vor Schmerz schreit. Sieht, wie er nach einer Morphium-Spritze einschläft und nicht mehr aufwacht.

Robert Sedlatzek-Müller Hindukusch 1 Drei Mal war er als Isaf-Soldat am Hindukusch im Einsatz © privat Bilderstrecke 

Es ist der 6. März 2002, nach dem in Sedlatzek-Müllers Leben nichts mehr so sein wird, wie es war. Er ist als Hundeführer mit Idor, seinem Kampfmittelspürhund, bei Kabul im Einsatz, als die Entschärfung des Überbleibsels aus dem afghanisch-sowjetischen Krieg in einer Katastrophe endet. Fünf Isaf-Soldaten, zwei Deutsche und drei Dänen, kommen ums Leben, was Sedlatzek-Müller hart im Rücken traf, war der Torso eines Toten. Gemeinsam mit den verletzten Kameraden, darunter auch sein bester Freund, wird er nach Deutschland ausgeflogen.

Irgendwann hilft nur noch Whiskey

Im Krankenhaus setzen ihm die Ärzte künstliche Trommelfelle ein, seine eigenen hat die Detonation zerrissen. Was bleibt ist ein Tinnitus, laut wie ein Presslufthammer. Nach sechs Wochen sind die sichtbaren Wunden verheilt, er wird entlassen. Doch schon bald merkt er, dass etwas nicht stimmt: „Ich wurde vergesslich, unruhig, aggressiv.“ Die Bilder der Explosion, der Leichen, des sterbenden Kameraden, kommen im Alltag plötzlich hoch, rauben ihm den Schlaf. Irgendwann hilft nur noch Whiskey, um einzudämmern. Er drängelt und rast auf der Autobahn, verliert den Führerschein, prügelt sich mit Kameraden, fliegt aus dem Hundezug. Von seiner Familie zieht er sich zurück, verbringt selbst die Ferien in der Kaserne, seine Beziehung zerbricht, das gemeinsame Kind bleibt bei der Mutter.

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