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Einkaufen in Deutschland Restlos bedient

12.09.2007 ·  Einkaufen in Deutschland macht nur selten Spaß. Warenhäuser sind trostlose Konsumruinen, vergammeltes Obst bleibt im Verkauf, die freie Kasse fehlt ebenso wie geschultes Personal. Alexander Marguier hat die Hoffnung noch nicht verloren.

Von Alexander Marguier
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Merkt das eigentlich keiner, oder stört sich nur niemand daran? Die Obst- und Gemüsetheken zum Beispiel scheinen mit den benachbarten Ein-Euro-Socken-Wühltischen im Wettbewerb um die liebloseste Präsentation des Jahres zu stehen. Wobei die Socken immerhin noch den Vorteil haben, dass nicht wie bei den Orangen ungefähr jedes zehnte Exemplar verschimmelt ist und von einer kleinen Wolke aus Fruchtfliegen umschwärmt wird. Frische Kräuter gefällig? Viel Spaß beim Suchen! Das höchst übersichtliche Angebot aus Basilikum, Petersilie, Melisse und Schnittlauch ist derart willkürlich über die irreführenderweise „Frischebereich“ genannte Gemüseabteilung verteilt, dass man besser gleich darauf verzichtet und sich aus dem „Knorrfix“-Ständer mit einer Fertigmischung behilft.

Wahrscheinlich befindet sich das Zeug deswegen auch in Griffnähe. Die Käsetheke entzückt das Kennerherz mit ausgefallenen Delikatessen wie in Plastik eingeschweißtem Edamer oder Industrie-Cheddar, Fleisch gibt es grundsätzlich portionsweise abgepackt aus Kunststoff-Schälchen, und im Regal mit den „internationalen Spezialitäten“ stehen wie üblich die untermittelmäßigen, dafür aber überteuerten Dittmann-Oliven oder Kattus-Pfefferschoten herum.

Kein „Cora“ oder „Carrefour“ in Sicht

Die Rede ist übrigens nicht von einem ukrainischen Supermarkt, sondern von einem riesigen „SB-Warenhaus“ im Rhein-Main-Gebiet - also mitten in einer der wohlhabendsten Gegenden eines der reichsten Industrieländer der Welt. Und dieser Laden, der noch dazu zum Portfolio eines weltbekannten deutschen Handelskonzerns gehört, ist keine Ausnahme, sondern leider die Regel. Außerdem ein Wunder an Flächenausnutzung im umgekehrten Sinn: Wie schaffen es die Betreiber eigentlich, so viel Platz mit einem derart bescheidenen Warenangebot zu füllen?

Nein, Lebensmittel einzukaufen, das macht in Deutschland oft überhaupt keinen Spaß - erst recht nicht, wenn man weiß, wie es anderswo zugeht. In Frankreich zum Beispiel, wo im Außenbezirk jedes mittelgroßen Städtchens mindestens ein „Cora“, „Carrefour“ oder „Super U“ steht, von deren fachkundig geleiteten Fisch-, Fleisch- oder Käsetheken die Kunden deutscher Feinkosthäuser nur träumen können. In solchen Geschäften landet vergammeltes Obst umgehend auf dem Müll - anstatt wie hierzulande im Verkauf. Beim Bezahlen bildet sich üblicherweise auch kein Rückstau wie bei uns, wo Kasse 2 notfalls erst dann aufgemacht wird, wenn innerhalb der zwanzig Meter langen Warteschlange vor Kasse 1 Tumulte drohen. Aber das passiert selten, denn wir haben offenbar gelernt, den heimischen Lebensmittelhandel als eine Art marktwirtschaftliches Kuriosum mit sozialistischem Antlitz zu akzeptieren. Wie sonst könnten viele Discounter und SB-Warenhäuser noch im Jahr 2007 ihr bürokratisch-utilitäres Erscheinungsbild pflegen?

Konkurrenz lässt das Geschäft veröden

Was den Verkauf von Lebensmitteln angeht, ist Deutschland schon lange eine Welt für sich: Nirgendwo sonst in Europa sind die Umsatzrenditen geringer, sind die Verkaufsflächen pro Einwohner größer, ringen die Wettbewerber härter um Marktanteile und sind die Preise deswegen niedriger. Konkurrenz mag ja das Geschäft beleben, die Geschäfte selbst können aber trotzdem veröden, wie sich an den Folgen des unerbittlichen und mitunter ruinösen Preisunterbietungswettbewerbs besichtigen lässt, der besonders den Betreibern der großen SB-Warenhäuser kaum noch Geld für Investitionen übrig lässt.

Da fehlt es dann eben an allen Ecken und Enden: Geschultes Personal, moderne Frischhaltetechniken, ansprechende Präsentation oder umfangreicher Service - das alles sind Kostenfaktoren, die Handelskonzerne wie etwa Metro in seinen „Real“-Märkten oder Rewe in den „Toom“-Warenhäusern nicht zulassen, weil ihnen gar keine andere Wahl bleibt. Denn im Gegensatz zu den qualitätsbewussten französischen „grandes surfaces“ (also den fußballfeldgroßen Lebensmittelgeschäften) haben sich die deutschen SB-Warenhäuser in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten als Billigkonkurrenz zu Discountern wie Aldi oder Lidl zu etablieren versucht - und mussten sich dem entsprechenden Niedrigpreis-Wettbewerb aussetzen. Doch der Kampf ging verloren.

Sorgenkinder der Branche

Während nämlich die Discounter inzwischen das Food-Geschäft mit einem Marktanteil von mehr als 40 Prozent dominieren und sich vielerorts sogar als halbwegs attraktive Nachbarschaftsläden mit Frischebereich etabliert haben wie einst der kleine „Supermarkt um die Ecke“, stehen etliche SB-Warenhäuser als Konsumruinen in Gewerbegebieten herum und zementieren das Image Deutschlands als einer Nation von Billigheimern ohne Qualitätsbewusstsein für Nahrungsmittel. Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zählt Großflächenmärkte wie „Toom“ und „Real“ zu den „Sorgenkindern“ der Branche und konstatiert kühl: „Immer kleinere Haushalte, ein stabiler Trend zu frischen Fertigprodukten für den sofortigen Verzehr oder die schnelle und unkomplizierte Zubereitung sowie der zunehmende Anteil älterer Bevölkerungsgruppen sind langfristig dem Wocheneinkauf auf der grünen Wiese nur wenig förderlich.“ Das klingt beinahe wie ein Todesurteil - und es wird viel Kreativität und noch mehr Investitionsbereitschaft erfordern, um verloren gegangenes Terrain wieder gut zumachen. Bei „Real“ sitzt nicht von ungefähr seit genau einer Woche mit Joël Saveuse ein Mann am Ruder, der sich seine Meriten zuvor beim französischen Supermarkt-Konzern „Carrefour“ erworben hat.

Dass Deutschland eines nicht allzu fernen Tages tatsächlich mit erstklassigen SB-Warenhäusern nach französischem Vorbild gesegnet sein wird, steht zwar nicht zu erwarten - dazu hinken wir unseren Nachbarn in Sachen kulinarischer Kultur und dem Sinn für gute Produkte wohl immer noch zu weit hinterher. Aber die Bereitschaft, für vernünftige Qualität und ein angenehmes Einkaufsambiente entsprechend mehr Geld auszugeben, ist auch im Land der „Geiz ist geil“-Erfinder durchaus vorhanden. Allein die Tatsache, wie Rewe letzthin etliche seiner mittelgroßen Supermärkte in Innenstadtlagen aufgerüstet hat, spricht Bände: In der Frankfurter Filiale an der Eschersheimer Landstraße etwa wird das Gemüse mit Sprühkühlungsanlagen frisch gehalten, die Präsentation der Ware orientiert sich merklich an einem Wochenmarkt, anstatt kalter Neonröhren sorgen Hängelampen für ein warmes Licht, und überhaupt ist das umfangreiche Angebot auf übersichtlichem Raum ziemlich passgenau auf die Erwartungen urbaner Besserverdiener abgestimmt. Sogar an eine Abteilung mit regionalen Produkten wurde gedacht; allenfalls Frischfleisch und gutes Geflügel sind Mangelware. Aber immerhin.

Trendwende im Lebensmitteleinzelhandel?

Wenn also stimmt, was die KPMG über den deutschen Lebensmittelhandel in Erfahrung gebracht hat, steht uns womöglich ein echter Quantensprung bevor. In der Studie heißt es nämlich, der „leistungsfähige Supermarkt mit einer Verkaufsfläche zwischen 1500 und 2000 Quadratmetern“, also dem Bruchteil der Fläche eines SB-Warenhauses, sei der „Betriebstyp mit den stärksten Wachstumschancen“. Und zwar wegen eines an die lokalen Bedürfnisse angepassten Sortiments mit in Eigenregie veredelten Produkten. Eine Mischung aus überdachtem Wochenmarkt, Take-away und Feinkost-Laden mit sämtlichen Artikeln des Grundbedarfs, noch dazu möglichst lange geöffnet und ohne Auto erreichbar: So könnte der Lebensmittelmarkt der Zukunft aussehen, zumindest in den Metropolen. Schon im vergangenen Jahr verzeichnete die einst totgesagte Vertriebsform „Supermarkt“ ein Umsatzplus von 4,4 Prozent - und damit mehr als die Billigkonkurrenz der Discounter.

Wolfgang Twardawa, Marketingleiter bei der Nürnberger „Gesellschaft für Konsumforschung“ (GfK), spricht sogar von einer „Trendwende im Lebensmitteleinzelhandel“: Viele Verbraucher achteten nicht mehr ausschließlich auf den Preis, sondern zunehmend auf Qualität. Dass die Deutschen samt und sonders Schnäppchenjäger oder Niedrigpreis-Fetischisten seien, wie es immer wieder behauptet wird, scheint ohnehin nicht zu stimmen. Einer Studie der Beratungsgesellschaft A. T. Kearney zufolge ist der Siegeszug der Discounter gebremst, stattdessen gewönnen Faktoren wie Qualität, Service sowie bequemes und rasches Einkaufen immer mehr an Bedeutung. Anstatt die Kunden mit zwanzig Sorten Ketchup zu verwirren, müsse der Handel in Zukunft bei solchen Basisartikeln eine sinnvolle Vorauswahl treffen und stattdessen die Angebotspalette bei Spezialitäten wie Schinken, Käse, Wein und natürlich auch bei Convenience-Produkten ausweiten, heißt es. „City Shops“ dieser Machart könnten ohne weiteres 3,5 Millionen Kunden gewinnen, die ihre Einkäufe bisher anderswo erledigten, prognostiziert A. T. Kearney.

Supermarkt: „Emotion, Qualität, Engagement“

Jörg Hieber, der in der Gegend um Lörrach neun Edeka-Supermärkte mit Größen zwischen 800 und 3500 Quadratmetern betreibt, ist Lebensmittelhändler aus wahrer Leidenschaft: „Supermarkt, das ist Emotion, das ist Qualität, das ist Engagement“, ereifert er sich, „das können die Discounter einfach nicht leisten.“ Sein Erfolgsrezept: absolute Frische, absolute Sauberkeit, persönliche Ansprache der Kunden, erstklassige Qualität und null Warteschlangen vor Theken und Kassen. Das bedeutet aber auch: deutlich mehr und außerdem besser bezahlte Mitarbeiter als bei den Discountern - und somit natürlich auch höhere Preise.

Dass es trotzdem gut funktioniert, zeigt nur umso deutlicher, wo hierzulande der Nachholbedarf liegt. Die These, die Deutschen seien nicht bereit, gutes Geld für ordentliche Lebensmittel auszugeben, hält Hieber deshalb für ausgemachten Blödsinn: „Oft ist einfach nur das Angebot schlecht, und wenn die Ware sowieso nichts taugt, bleibt eben nur der Preis als entscheidendes Kriterium.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007, Nr. 36 / Seite 57
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