Omchakawan mag Rosinen und Kekse mit Vanillecreme. Wenn er mit dem Rüssel zugreift und sich das Essen ins Maul schiebt, könnte man fast annehmen, der Neunundsechzigjährige sei ein gewöhnlicher Elefantenbulle. Das war er auch, jahrzehntelang. Da trottete das drei Meter große und fünf Tonnen schwere Tier durch den Dschungel, später durch die Städte, und ließ Touristen auf seinem Rücken reiten. Aber vor zehn Jahren rastete Omchakawan aus, rannte los – und trampelte vier Menschen tot.
Seitdem lebt er im Tierheim Elephantstay in Ayutthaya, Thailands historischer Königsstadt, eine Autostunde von Bangkok entfernt. Auf 35 Quadratmetern breitet sich Omchakawan aus, trinkt täglich 300 Liter Wasser, frisst Unmengen an Heu und Palmwedeln, geht spazieren und badet im nahen Fluss. Hin und wieder darf er zu seinen Artgenossen. Aber sicherheitshalber bleibt er angekettet.
Eine zweite Chance für die Dickhäuter
Seit 15 Jahren nimmt Plantagenbetreiber Laithongrien Meepan Problemtiere auf und rettet sie so vor dem Einschläfern. Zur Zeit sind es 90 Elefanten aus ganz Asien. 40 sind verhaltensauffällig, haben randaliert oder andere Tiere drangsaliert, 18 haben mindestens einen Menschen auf dem Gewissen. Der Tierschützer gibt den „Killerelefanten“ ihr Gnadenbrot. Die anderen Tiere sind arbeitslos, weil sie von Maschinen ersetzt wurden. Hier finden sie wieder eine Beschäftigung, etwa als Arbeitstiere im Dorf, einige halfen nach dem Tsunami 2004 bei der Bergung von Toten. Oder sie sind als Statisten in Filmen zu sehen, wie in Oliver Stones historischem Hollywood-Blockbuster „Alexander“. Finanziert wird das Heim mit Spenden, Touren für Touristen und den Verkauf selbstgemachter Produkte aus Elefantendung – der gepresst, gewalzt und zu Briefbögen, Notizbüchern und Lesezeichen verarbeitet wird.
Das Führungszeugnis der 26 Jahre alten Elefantenkuh Natalie verzeichnet vier Opfer. Sie trampelte erst den Bruder ihres einstigen Besitzers nieder, dann drei Mitarbeiter der Kautschukplantage, auf der sie arbeitete. Boon Seuhm rächte sich an dem Mann, der sie zehn Jahre zuvor mit Böllern beworfen hatte, jagte ihn durchs Dorf, ergriff ihn mit dem Rüssel und schleuderte ihn in die Luft. Der Mann hatte keine Chance. Normalerweise werden solche Tiere erschossen oder vergiftet.
„Die Agressivität kommt meist vom Stress“
Die burschikose Tierpflegerin Michelle Reedy und die Fotografin Ewa Narkiewicz sind seit 2006 die Direktorinnen in dem Heim. Beide sind kräftig, tragen ein Elefanten-Tattoo auf dem Oberarm und haben gemeinsam ihr Leben in Australien hinter sich gelassen, um in Ayutthaya zu arbeiten und zu leben. Michelle hat ihrer Freundin ein Elefantenbaby zum Geburtstag geschenkt: Soiselee döst vor der Hütte, mit dem Rüssel wedelnd.
„Die Tiere sind nicht bösartig, ihre Aggressivität kommt meist von Stress“, sagt Ewa. Omchakawan etwa sei einfach überarbeitet gewesen, er habe bis zu 16 Stunden am Tag den Besitzern dienen müssen. „Dann verlieren die Tiere irgendwann die Nerven.“ Viele Elefanten seien auch traumatisiert vom jahrelangen Missbrauch durch Menschen.
Neue Namen für ein neues Leben
Angriffe auf Menschen sind selten. Aber Elefanten, die gutmütig und friedfertig wirken, können auch ganz anders reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen. Forscher vermuten, dass die Überfälle mit Stress zu tun haben, der sich über einen langen Zeitraum anstaut. So können auch Menschen, die den Koloss gar nicht selbst geärgert haben, zum Ziel werden, weil die Reizschwelle gerade überschritten wurde. Erst Anfang Juni tötete im südindischen Mysore ein Tier einen Mann. Insgesamt fünf Stunden tobte der Elefant, nachdem Bauern ihn von einem Feld am Rande der Siedlung vertrieben hatten. Durch Zufall traf er auf das Opfer, das sich noch in ein Haus retten wollte, aber niedergetrampelt und tödlich verletzt wurde. Im vergangenem Jahr raste ein Elefant in Kenia auf eine Wandergruppe zu. Eine Frau mit Kleinkind auf dem Arm konnte nicht schnell genug entkommen, beide kamen ums Leben.
In Thailand sind Elefanten nationale Ikonen. Aber sie werden auch gejagt, gewaltsam zu Arbeitseinsätzen gezwungen oder als Spaßtiere für Touristen gehalten. Viele Tiere überleben die Qualen erst gar nicht. Angeblich gibt es nur noch 1500 bis 2500 Elefanten in dem ostasiatischem Land. „Wenn die Tiere hier ankommen, dann werden sie rasch friedlicher“, erzählt Ewa. „Wir geben ihnen neue Namen, als Zeichen für einen Neuanfang.“ Natalie etwa wurde nach „Miss Universe 2005“, Natalie Glebova, benannt. Jedes Tier wird von einem Elefantenführer, einem Mahut, betreut. Die Pflegeväter – in Thailand sind Mahuts ausnahmslos männlich – kümmern sich um die Verbrecher. Sie passen auf, dass es ihnen gut geht und dass sie nicht wieder ausrasten.
Kunst als Agressionstherapie
Damit sich die Tiere nicht langweilen und auf dumme Gedanken kommen, gibt es eine Malschule. Die Elefantendame Rumruay kreiert mit locker aus dem Rüssel geschüttelten Kreisbewegungen und kraftvollen Pinselschlägen Landschaftsgemälde. Zwar malt die Vierzigjährige alle ihre Bilder allein, die Abfolge der Pinselstriche ist jedoch angelernt. Mit ihrem Rüssel schlenkert sie hin und her, am Ende kann man mit viel Phantasie tatsächlich so etwas wie einen Baum erkennen. Die Bilder werden für zehn Dollar verkauft. Noch habe Rumruay kein Gemälde selbst entworfen, bedauert Ewa. Aber das kann ja noch werden. Schließlich übt sie erst seit zwei Jahren.
„Wir Menschen können sehr mies zu den Tieren sein“, sagt Ewa. Aber unter Vierbeinern ist es trotz aller kunsttherapeutischen Bemühungen auch nicht viel besser. Die beiden Chefinnen halten Omchakawan, Natalie und Boon-Seuhm doch lieber angekettet und getrennt voneinander. „Auch wenn bislang nichts passiert ist: Ein Blutbad mit uns als Opfern möchten wir nicht riskieren“, sagt Ewa.
Und wieviel zahlt der deutsche
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