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Charakterkunde zu Neid : Das hässlichste Gefühl

Neidisch? Die teuerste Villa in Amerika soll dem glücklichen Besitzer viele Träume erfüllen können. Bild: dpa

Der Neid hat keinen guten Ruf. Dabei ist er eigentlich normal, sehr menschlich – und richtig genommen, kann er uns sogar anfeuern.

          Neulich ist die Nachbarin von Andrea Schmitt* am Haus der Schmitts vorbeigelaufen. „Als ich sie gesehen habe, war mein Vormittag ruiniert“, sagt Schmitt. „Unsere Nachbarin hat keinen Grund, bei uns vorbeizulaufen, weil wir am Ende einer Sackgasse wohnen. Ich habe schon fast gedacht, sie macht das absichtlich, damit ich neidisch werde.“ So bestimmend ist der Neid in Andrea Schmitts Leben, dass sie nicht mehr sieht, wie gut sie selbst es hat. Sie hat ein Haus, einen gesunden Sohn, einen tollen Mann, aber das ist ihr nicht bewusst. „Ich sehe nur, was nicht klappt“, weiß sie selbst.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was nicht klappt, ist die Sache mit dem zweiten Kind. Sie wünscht es sich verzweifelt, wurde zweimal wieder schwanger und verlor beide Male das Kind. Im Geburtsvorbereitungskurs für ihren ersten Sohn lernte sie jene Frau kennen, die schließlich mit ihrer Familie in die Nachbarschaft der Schmitts zog. Die beiden Frauen freundeten sich an und sprachen auch über Schmitts neuerlichen Kinderwunsch. „Meine Nachbarin sagte, sie wolle selbst nicht so schnell wieder schwanger werden, wurde dann aber doch schwanger.“ Ihr Kind kam im August vergangenen Jahres zur Welt, und die Geburt zog Andrea Schmitt runter. „Ich hatte das Gefühl, sie hat alles, und ich habe nichts.“

          Denn hinzu komme, dass die Nachbarin schon nach der Entbindung ihres ersten Kindes in Elternzeit habe gehen können, während sie selbst vier Wochen nach der Geburt ihres Sohnes schon wieder habe Vollzeit arbeiten müssen, weil ihr Mann seine Arbeit verloren habe. Außerdem machten die Eltern ihrer Nachbarin der Tochter den Garten, und sie habe auch noch eine Putzfrau, „während ich das alles selbst machen muss“. Für Andrea Schmitt ist das kaum auszuhalten, so ungerecht findet sie das: „Ich finde, das Leben ist fies und grausam zu mir.“ Seit der Geburt des zweiten Kindes der Nachbarin geht sie darum nicht mehr an deren Haus vorbei. Wenn sie die Nachbarin auf der Straße trifft, dreht sie sich weg, unterhalten kann sie sich schon lange nicht mehr mit ihr, und zur Geburt hat sie auch nicht gratuliert, obwohl ihr Mann und ihr Sohn eine Karte geschrieben haben. Der Neid droht sie aufzufressen.

          Eine Todsünde

          Unter den klassischen sieben Hauptlastern Nummer 6, gilt er in der populären Vorstellung als ein besonders niederträchtiges, abgefeimtes Gefühl. An Völlerei oder Faulheit lässt sich so einiger Spaß haben, aber Neid – den gesteht man auch sich selbst gegenüber ungern ein, besonders in seiner destruktiven Version, der Missgunst. Der Neid vergiftet die Seele, spaltet Beziehungen. Er widert selbst den an, der ihn zeigt.

          Dabei ist Neid an sich eigentlich normal und sehr menschlich, sagt Thomas Mussweiler, Professor für Organisationspsychologie an der London Business School. Der Neid sei eine Spielart des Vergleichs, und „wir müssen uns vergleichen, um uns selbst einschätzen zu können, zum Beispiel in Bezug auf Intelligenz, Reichtum oder Schönheit“. Beneiden tun wir vor allem Menschen, die uns ähnlich sind und mit denen wir persönlich zu tun haben. „Nicht umsonst heißt es ja: Das Gras des Nachbarn – und nicht: des Villenbesitzers oben auf dem Berg – ist immer grüner“, so Mussweiler.

          Unterscheiden müsse man allerdings den wohlwollenden Neid vom missgönnenden Neid. Beim wohlwollenden Neid, so Mussweiler, gönnten wir dem anderen das, was er habe, aber weil wir es auch haben wollten, sporne uns dieser Neid an: seine aktivierende, stimulierende Ausprägung. Es sei also gar nicht so schlecht für das eigene Vorankommen, wenn man ab und zu wohlwollenden Neid verspüre. „Beim missgönnenden Neid dagegen finden wir, dass der andere das, was er hat, nicht verdient hat, und wollen es ihm wegnehmen, kaputtmachen oder ihm im Weg stehen.“

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