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Veröffentlicht: 19.02.2017, 14:38 Uhr

Charakterkunde zu Neid Das hässlichste Gefühl

Der Neid hat keinen guten Ruf. Dabei ist er eigentlich normal, sehr menschlich – und richtig genommen, kann er uns sogar anfeuern.

von
© dpa Neidisch? Die teuerste Villa in Amerika soll dem glücklichen Besitzer viele Träume erfüllen können.

Neulich ist die Nachbarin von Andrea Schmitt* am Haus der Schmitts vorbeigelaufen. „Als ich sie gesehen habe, war mein Vormittag ruiniert“, sagt Schmitt. „Unsere Nachbarin hat keinen Grund, bei uns vorbeizulaufen, weil wir am Ende einer Sackgasse wohnen. Ich habe schon fast gedacht, sie macht das absichtlich, damit ich neidisch werde.“ So bestimmend ist der Neid in Andrea Schmitts Leben, dass sie nicht mehr sieht, wie gut sie selbst es hat. Sie hat ein Haus, einen gesunden Sohn, einen tollen Mann, aber das ist ihr nicht bewusst. „Ich sehe nur, was nicht klappt“, weiß sie selbst.

Katrin Hummel Folgen:

Was nicht klappt, ist die Sache mit dem zweiten Kind. Sie wünscht es sich verzweifelt, wurde zweimal wieder schwanger und verlor beide Male das Kind. Im Geburtsvorbereitungskurs für ihren ersten Sohn lernte sie jene Frau kennen, die schließlich mit ihrer Familie in die Nachbarschaft der Schmitts zog. Die beiden Frauen freundeten sich an und sprachen auch über Schmitts neuerlichen Kinderwunsch. „Meine Nachbarin sagte, sie wolle selbst nicht so schnell wieder schwanger werden, wurde dann aber doch schwanger.“ Ihr Kind kam im August vergangenen Jahres zur Welt, und die Geburt zog Andrea Schmitt runter. „Ich hatte das Gefühl, sie hat alles, und ich habe nichts.“

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Denn hinzu komme, dass die Nachbarin schon nach der Entbindung ihres ersten Kindes in Elternzeit habe gehen können, während sie selbst vier Wochen nach der Geburt ihres Sohnes schon wieder habe Vollzeit arbeiten müssen, weil ihr Mann seine Arbeit verloren habe. Außerdem machten die Eltern ihrer Nachbarin der Tochter den Garten, und sie habe auch noch eine Putzfrau, „während ich das alles selbst machen muss“. Für Andrea Schmitt ist das kaum auszuhalten, so ungerecht findet sie das: „Ich finde, das Leben ist fies und grausam zu mir.“ Seit der Geburt des zweiten Kindes der Nachbarin geht sie darum nicht mehr an deren Haus vorbei. Wenn sie die Nachbarin auf der Straße trifft, dreht sie sich weg, unterhalten kann sie sich schon lange nicht mehr mit ihr, und zur Geburt hat sie auch nicht gratuliert, obwohl ihr Mann und ihr Sohn eine Karte geschrieben haben. Der Neid droht sie aufzufressen.

Eine Todsünde

Unter den klassischen sieben Hauptlastern Nummer 6, gilt er in der populären Vorstellung als ein besonders niederträchtiges, abgefeimtes Gefühl. An Völlerei oder Faulheit lässt sich so einiger Spaß haben, aber Neid – den gesteht man auch sich selbst gegenüber ungern ein, besonders in seiner destruktiven Version, der Missgunst. Der Neid vergiftet die Seele, spaltet Beziehungen. Er widert selbst den an, der ihn zeigt.

Dabei ist Neid an sich eigentlich normal und sehr menschlich, sagt Thomas Mussweiler, Professor für Organisationspsychologie an der London Business School. Der Neid sei eine Spielart des Vergleichs, und „wir müssen uns vergleichen, um uns selbst einschätzen zu können, zum Beispiel in Bezug auf Intelligenz, Reichtum oder Schönheit“. Beneiden tun wir vor allem Menschen, die uns ähnlich sind und mit denen wir persönlich zu tun haben. „Nicht umsonst heißt es ja: Das Gras des Nachbarn – und nicht: des Villenbesitzers oben auf dem Berg – ist immer grüner“, so Mussweiler.

Unterscheiden müsse man allerdings den wohlwollenden Neid vom missgönnenden Neid. Beim wohlwollenden Neid, so Mussweiler, gönnten wir dem anderen das, was er habe, aber weil wir es auch haben wollten, sporne uns dieser Neid an: seine aktivierende, stimulierende Ausprägung. Es sei also gar nicht so schlecht für das eigene Vorankommen, wenn man ab und zu wohlwollenden Neid verspüre. „Beim missgönnenden Neid dagegen finden wir, dass der andere das, was er hat, nicht verdient hat, und wollen es ihm wegnehmen, kaputtmachen oder ihm im Weg stehen.“

„Ich gönne diesen Frauen ihr Kind nicht“

So ist es auch bei Andrea Schmitt. Wenn sie eine Schwangere sieht, die raucht, dann spürt sie einen Knoten in ihrer Brust und denkt: Wie ungerecht ist das denn? Ihr Kind hätte es bei mir auch sehr gut. „Ich gönne diesen Frauen ihr Kind nicht“, gesteht sie, „was bin ich für ein schlechter Mensch!“ Helfen würde ihr wohl nur eine Psychotherapie. In weniger dramatischen Fällen kann man sich allerdings durchaus einiger Tricks bedienen, um missgönnenden Neid auch ohne psychologische Hilfe zumindest zu mildern. Man kann sich zum Beispiel auf das konzentrieren, was man besser kann als der, den man beneidet, indem man auf andere Bereiche ausweicht, sagt Jan Crusius, Sozialpsychologe an der Uni Köln. „Man kann sich zum Beispiel sagen: ,Er ist reicher, aber ich bin sportlicher.‘ Oder man kann über die Voraussetzungen nachdenken, die dazu geführt haben, dass der andere besser ist, und so eine Rechtfertigung dafür finden, dass der andere besser ist. Dann tut das nicht mehr so weh.“

44711299 © dpa Vergrößern Soll das gerecht sein? Manche Frauen, die keine Probleme haben Kinder zu bekommen, gefährden das Neugeborene durch Rauchen.

Oder man kann versuchen, die Situation zu verlassen, die einen neidisch macht. Radovin Zips aus Hildesheim zum Beispiel hat vor 34 Jahren seinen Beruf als Redakteur aufgegeben, weil der Neid ihn kaputt gemacht hat. „Ich hatte Vorgesetzte, die keine Ahnung hatten, die ihre Arbeit auf mich abgewälzt haben und trotzdem mehr verdient haben als ich“, erzählt der heute 66 Jahre alte Rentner, „und ich war einfach auf alles neidisch, auf deren Geld, deren Position, deren Anerkennung – ich war nur am Hinterherhecheln und hatte immer einen Underberg in der Tasche, um durch den Tag zu kommen.“

Fortwährend habe er damals unter Magenproblemen gelitten, aber kein Arzt habe eine Krankheit feststellen können. Und so habe er beschlossen, sein Leben radikal zu ändern und seinem Neid aus dem Weg zu gehen. Er kündigte und war ein Jahr lang arbeitslos, bevor er sich mit einem Handel für Elektrogeräte selbständig machte. Was er geahnt hatte, bewahrheitete sich: Seine Magenprobleme hörten quasi an seinem letzten Arbeitstag auf. Heute lebt er von 800 Euro im Monat und sagt, er sei glücklich damit. Mit seinen Freunden, die alle wesentlich mehr Geld hätten, vergleiche er sich nicht. Das sei eine andere Ebene als früher im Beruf: „Die sind für mich da, wenn ich sie brauche. Sie helfen mir. Ich kann mich auf sie verlassen. Da sind andere neidisch drauf, dass ich solche Freunde habe.“

Nur noch minimales Leid fühlen

Eine weitere – menschlich fragwürdige – Spielart, um missgönnendem Neid aus dem Weg zu gehen, sei Geringschätzung, sagt Sozialpsychologe Crusius: „Das fühlt sich weniger unangenehm an und ist ein Ausweg, um dem unangenehmen Gefühl des Neids auszuweichen. Man fühlt dann nur noch minimales Leid, weil man auf den anderen herabschaut. Das, was neidisch macht, wird dann auch gern als verwerflich bezeichnet.“

Wie häufig man missgönnenden Neid verspürt, ja, ob man ihn überhaupt schon mal verspürt hat, hängt vom eigenen Selbstwertgefühl ab. „Missgünstigen Neid spüren solche Menschen besonders häufig, die ein niedriges Selbstwertgefühl haben“, weiß Crusius. Wer es in potentiell neiderregenden Situationen hingegen trotz allem schafft, dem anderen nicht zu missgönnen, was dieser hat, kann stolz auf sich sein.

Sabine Merk* etwa, eine gebildete und kultivierte Frau um die 50, hat schon mehrmals in ihrem Leben „starke und entwaffnende Neidanfälle erlebt, bei denen ich keine Kontrolle mehr hatte über das, was ich denke und fühle. Ich dachte und fühlte grob und stark und wie in roten Großbuchstaben: Das will ich auch! Auch wenn das eigentlich, zum Beispiel aus moralischen Gründen, nicht okay war.“ So hatte Merk einmal, als sie erst kurz im Job war, einen Partner, der gleichzeitig ihr Kollege war. Dieser bekam eine Festanstellung – sie selbst hingegen nicht. Mit der Festanstellung hatte ihr Partner eine Karte für den öffentlichen Nahverkehr bekommen und musste an der Haltestelle nicht nach Kleingeld kramen wie sie selbst, „und in dem Moment sprang der Neid mich so richtig an.“

Liebe schützt vor Neid nicht

Jemanden gern zu mögen oder gar zu lieben schützt in der Tat nicht vor Neid. Denn zu diesen Menschen haben wir ja eine besonders enge Beziehung, und somit vergleichen wir uns auch sehr stark mit ihnen, sagt Organisationspsychologe Mussweiler. Wenn beide Partner den gleichen Job machten, könne das schiefgehen, sofern ihnen die Vergleichsdimension sehr wichtig sei: „Das Paar könnte sich trennen, oder einer könnte beruflich etwas anderes machen.“

44711366 © Picture-Alliance Vergrößern Anzeichen, das etwas im Leben fehlt: Eifersucht auf den Erfolg der Kollegen.

Auch Sabine Merks Beziehung zu dem Kollegen ging in die Brüche, wenn auch nicht wegen der Festanstellung, wie sie sagt. Als sie dann wieder Single war, war Merk aber auf eine gute Freundin sehr neidisch: „Ich saß an einem Freitagabend bei ihr in der Küche, ihr Freund kam, setzte sich ihr gegenüber, und die beiden legten jeweils die Beine hoch auf den Stuhl des anderen und erzählten sich und mir, weil ich halt gerade dabei war, ihre Woche. Nichts Besonderes, nichts Romantisches, aber für mich genau das, was mir so fehlte, und daher gellendes Neidsignal.“ Und als viele Jahre später eine andere Freundin von Merk ihren Mann verlor und Merk in einem vertraulichen Gespräch erzählte, dass sie ihn seit vielen Jahren heimlich betrogen hatte, da dachte die mittlerweile verheiratete Merk nur, „und dieses Gefühl schob sich gebieterisch vor alle Trauer: Das will ich auch – und es wird nie möglich sein, wenn mir mein Leben lieb ist, so wie es ist.“

„Es macht keinen Spaß, neidisch zu sein“

Merk interpretiert ihre Neidanfälle als Hinweise darauf, „was bei mir ein klares Defizit und vielleicht auch ein unlösbares Problem ist. Das ist schwer auszuhalten, weil ich bei diesen Gelegenheiten merke, dass mir wirklich etwas fehlt.“ Auf die Idee, den von ihr beneideten Menschen etwas zu missgönnen, ist sie noch nie gekommen. Vielmehr meint sie: „Es macht keinen Spaß, neidisch zu sein. Aber richtig schlimm ist es auch nicht. Er zeigt, wo ich unerfüllte Sehnsüchte habe. Er kann also auch ein Antreiber sein, denen nachzugehen. Was immer erlösend ist – einfach kurz sagen: Jetzt bin ich neidisch!“ Vielleicht lässt sich der Neid ja auch produktiv machen – indem man sich fragt: Warum reagiere ich so? Was fehlt mir?

Und gar nicht neidisch sein, niemals – geht das? Nein, meint Jan Crusius: „Menschen, die behaupten, nie neidisch zu sein, sagen wahrscheinlich nicht die Wahrheit.“ Denn zumindest der wohlwollende Neid sei geradezu ein Alltagsphänomen. Besonders neidanfällig seien Menschen, die sehr leistungsmotiviert und kompetitiv sind, oder Menschen, die narzisstische Züge haben. „Denn die wollen besser sein als andere und bewundert werden. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie missgünstigen Neid empfinden. Vielleicht empfinden sie auch nur wohlwollenden Neid, und der spornt sie dann an“, meint Crusius.

Im Umkehrschluss kann das auch bedeuten, dass Menschen, die wenig ehrgeizig sind, wenig Neid verspüren. So wie jener Cellist aus Frankfurt, der, wenn er an den Villen in wohlhabenden Vierteln vorbeiradelt, manchmal denkt: Da würde ich auch gern wohnen. „Aber dann müsste ich ja Börsenmakler oder so werden und völlig gestresst dem Handel hinterherjagen, dann wäre mein gutes geruhsames Leben vorbei“, sagt er. Und dann denkt er an etwas anderes.

Zufriedenheit im Leben finden

Wirklichen Neid verspürt er nur im Job: wenn neue Cellisten in sein Orchester kommen, die besser spielen als er. Dann hat er das Gefühl, seinen Platz verteidigen zu müssen. „Aber so richtig sinnvoll ist das auch nicht, weil ich deren Niveau sowieso nicht mehr erreichen werde und denen ihr Talent auch nicht wegnehmen kann.“ Daher würde es ihm niemals einfallen, den neuen Kollegen ihren Platz im Orchester zu missgönnen. Und weil er ansonsten eigentlich recht zufrieden mit seinem Leben ist, spielt sein Neid keine große Rolle darin.

Andrea Schmitt hingegen, die Frau mit dem Kinderwunsch, die sich so sehr für ihre missgönnenden Gedanken schämt, schafft es nicht, ihren Neid loszuwerden. Sie hat schon ein paarmal überlegt, ihrer Nachbarin die Situation zu erklären, „denn sie kann ja nichts dafür“. Aber in die Tat umgesetzt hat sie diese Idee bisher nicht. „Ich komme aus dieser Situation einfach nicht raus.“

*Name geändert

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