Die Welt könnte Ludwig Meinunger nun bereisen. Er hat ein Buch geschrieben, das Fachleuten als fundamental gilt, und eine Pflanzenart ist nach ihm benannt. Er könnte nun hinaus, sagt er, das Geld dazu hätte er. Vielleicht ist die Ferne sein Traum, vielleicht seit er Doktor der Naturwissenschaften der Universität Jena geworden ist, 1970, da lag Jena noch in der Deutschen Demokratischen Republik. Wahrscheinlich hat er das mit dem Reisen aber nur so gesagt. Er wird zu Hause bleiben, er hat zu arbeiten, und außerdem sucht er einen Nachfolger.
Meinungers Zuhause ist der nördliche Frankenwald, dort wohnt er gemeinsam mit seiner Frau in Ebersdorf, einem Ortsteil von Ludwigsstadt an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Der Rennsteig ist in der Nähe, und bis nach Gräfenthal ist es ebenfalls nicht weit. In Gräfenthal in Thüringen ist Meinunger unlängst erst wieder gewesen, und wieder hat er in den Fichtenwäldern und im Schiefergebirge rings um die Stadt seltene Moose entdeckt.
Schwierig sei es, sagt er, heute noch seltene Moose in Deutschland zu finden. Früher, vor rund sechzig Jahren, als er mit den Moosen angefangen hat, waren um Gräfenthal herum, zum Beispiel, mehr außergewöhnliche Moosarten anzutreffen, als das heute möglich ist. Und weil sie nicht mehr so leicht aufzuspüren sind wie damals, deshalb bleibt er daheim, statt nun vielleicht zu reisen, und arbeitet an der Verfeinerung der Forschungsmethoden. Findet er einen Nachfolger für sich in der Mooskunde, will Meinunger sich auf Flechten verlegen. Auch die will er wie die Moose ihrem Vorkommen nach in Landkarten von Deutschland eintragen.
Der Verbreitungsatlas der Moose ist sein Lebenswerk
Das Buch über die Moose ist seine Idee gewesen, es ist sein Lebenswerk, und seine Frau hat daran mitgewirkt. Vor fünf Jahren ist es erschienen, „Verbreitungsatlas der Moose Deutschlands“, drei Bände, über zweitausend Seiten, auf denen es für jede Moosart eine eigene Rasterlandkarte mit den Standorten gibt. Um Leber-, Torf- und um Laubmoose als den drei Hauptgruppen geht es. Mehr als tausend Arten hat Meinunger in seinem Buch versammelt, hat sie bestimmt, beschrieben und kartiert.
Er ist ein Mann, der gern Strickwesten und Pullunder trägt und Wert auf gedeckte Farben legt. Jenseits der siebzig ist er, viel Zeit hat er im Freien bei den Moosen zugebracht und in der Gelehrtenstube an Mikroskop und Binokular, um die Funde auszuwerten. Einen Fernseher gibt es im Haus nicht, Meinunger hebt die Tatsache ausdrücklich hervor. Die Parabolantenne draußen an der Fassade haben seine Frau und er, um abends Klassik auf Bayern 4 zu hören.
Vor einundzwanzig Jahren sind sie, Wiebke Schröder, und er sich auf einer Moostagung begegnet. Er der Wissenschaftler mit Promotion, sie die Liebhaberin, die ihre gesamte Freizeit auf Moose verwandte. Sie aus dem Westen, aus Schleswig-Holstein, Hausfrau, geschieden, Mutter von sechs Kindern; er aus dem Osten des eben vereinigten Deutschland, aus Thüringen, Astrophysiker an der Sternwarte in Sonneberg, ledig, ohne Kinder. Sie hatte großartige Moosfunde gemacht, sagt er, das hat ihn fasziniert, er wollte sie sehen, und so trafen sie das erste Mal zusammen.
Nachher hielten sie den Kontakt aufrecht, Briefe gingen hin und her, und sie schickte ihm Proben von Moosen, die sie nicht zu bestimmen vermochte, so fing das Innige zwischen ihnen beiden an. Nach der Scheidung von ihrem Mann und nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hatte sie nach Zerstreuung gesucht, einsam und zurückgelassen, wie sie sich vorkam, und hatte sie schließlich bei den Moosen wiedergefunden, ihrem Spaß aus Kindertagen.
Die Macht ihrer Zuneigung ließ die Mooskunde an Kraft gewinnen
Auf einer anderen Tagung trafen sie einander wieder, er voll der Energie, die sie in ihm geweckt hatte, er hatte einen Plan für sie beide: das Universum der Moose Deutschlands gemeinsam zu erobern und abzubilden. Durch die Macht der Zuneigung, die sie füreinander hatten, würde auch die Mooskunde an Kraft gewinnen. Moose, sagt Ludwig Meinunger in thüringischem Dialekt, sind unser Lebensinhalt und unsere Leidenschaft.
Wie sie hatte er einst die Freizeit mit der Suche nach Moosen angefüllt, zuerst als Schüler in seinem Geburtsort Steinach in Thüringen, dann als Student in Jena, danach als Assistent an der Sternwarte, da aber auch schon systematisch und wissenschaftlich, systematisch-wissenschaftlich suchte er ab 1962 den Raum Thüringen ab. Der „Verbreitungsatlas der Moose und Gefäßpflanzen von Thüringen“ war 1992 das Ergebnis.
1992 war auch das Jahr, in dem er in Frühpension ging, was ihm die Unabhängigkeit verschaffte, die er für die Umsetzung des Planes brauchte, den er für sie beide hatte. Bald zogen sie in das Haus in Ebersdorf ein, Bayern ist das an Moosen artenreichste deutsche Bundesland. Von 1994 an durchstreiften sie Deutschland gemeinsam systematisch-wissenschaftlich.
Schon in den Jahren, in denen Meinunger zuvor allein durch den Wald und durchs Gebirge gezogen war, galt den Moosen seine Begeisterung, waren sie ihm sozusagen ein innerer Auftrag. Er möchte jedoch nicht, dass in seinem Fall Begeisterung mit Besessenheit gleichgesetzt wird. Nüchtern, trocken, unaufgeregt sei seine Arbeit, sagt er, die Mooskunde ist eine Disziplin, die wie jede Wissenschaft Verstand erfordert, systematisches Denken und eine gewisse Strenge und Askese in der Lebensführung, die dann vielleicht manchem als Besessenheit erscheinen mag.
Dass die Moose weniger als die höheren Pflanzen erforscht und systematisiert waren, war der Antrieb für ihn, er ist ein geordneter Charakter. Oder vielleicht so: Andere interessieren Briefmarken, Autos und Fußballspiele, ihn interessiert die Systematik, die hinter dem Lebendigen steckt, und die Moose waren ein Gegenstand, der geradezu darauf drängte, neu von ihm erschlossen zu werden. Leute wie er, sagt er, bewirken im Stillen oft Bahnbrechendes mit ihrem Tun.
Nachts in der Sternwarte durchsuchte er den Himmel mit dem Fernrohr nach Sternen, die veränderlich sind, mal heller, mal dunkler, ebenfalls so eine Aufgabe für jemanden, den Systematik begeistert, sagt Meinunger. Am Tage betrachtete er mit der Lupe die Kryptogamen, die Verborgenblüher, Moose, auf Waldboden und Gestein. Den Gedanken an Frau, Ehe, Kinder, einen eigenen Haushalt hatte er nie zu führen, er hat bei den Eltern gewohnt, bis sie gestorben sind.
Die Wahl zwischen Frau und Moosen
Er spricht von der Wahl, die er hatte, er sagt, er habe die Wahl zwischen Frau und Moosen gehabt, und er habe seine Wahl getroffen, dann aber sagt er, dass es nie die Frau gegeben hat, die ihn vor die Wahl gestellt hätte, Moose oder sie. Für die richtige, für die, die ihn in seiner Begeisterung verstanden, ihn dafür geliebt und ihn vielleicht sogar begleitet hätte, für die hätte er sich entschieden, aber auch die hat es nicht gegeben. Er hat, sagt er, im Grunde das Problem gehabt, das jeder hat, der in Begeisterung für eine Sache lebt.
Frau, Ehe und Kinder hätten ihm kaum Raum gelassen, das war eine klare Angelegenheit für ihn. So ist er allein geblieben, und er wäre wohl noch allein, hätte er nicht die Frau getroffen, mit der er jetzt zusammen ist, die richtige. Es gibt sie, er hat sie gefunden, sie hat dieselbe Vorstellung vom Leben wie er. Zwanzig Jahre lang sind sie nun ein Paar, er von seiner Seite aus spricht von gegenseitiger Achtung, die tief empfunden ist. Er ist sich sicher, dass sie das Verhältnis, das sie zueinander haben, genauso sieht wie er. Nun bitte also bloß keine Liebesgeschichte daraus machen, sagt er, das mit ihnen beiden hat sich einfach nur so ergeben, gesetzmäßig, gewissermaßen. Während des Interviews mit ihm bleibt sie im Hintergrund, sie ist irgendwo im Haus und kommt nicht ein einziges Mal zum Gespräch dazu.
Geheiratet haben Wiebke Schröder und Ludwig Meinunger nie, heiraten war nicht nötig, sie nennen sich auch so Mann und Frau. Sie macht den Haushalt und bedient das Internet, Dinge, von denen er nichts versteht, und dann ist da die klassische Musik, die ihnen ein weiteres starkes Band ist.
Und als sie des Buches wegen unterwegs waren, war es so: Von März bis Oktober eines jeden der fünfzehn Jahre waren sie draußen, täglich elf Stunden lang. Am Abend vorher hatten sie mit Hilfe von Messtischblättern, deren Ursprung hundert Jahre zurückliegt, Generalstabskarten von Deutschland im Maßstab von eins zu 25.000, zehn mal zehn Kilometer, den Tag geplant.
Jedes der Blätter hatten sie in Abschnitte von fünf mal fünf Kilometer unterteilt, was vier Abschnitte pro Messtischblatt ergab. Bachläufe als typische Moosstandorte suchten sie sich auf ihnen heraus, größere Waldgebiete, Kiesgruben oder Steinbrüche. Immer vier bis sechs Wochen auf Tour, dann nach Ebersdorf zurück, Moosproben einlagern, Wäsche waschen, Post erledigen, Alltagsbewältigung.
An die sechstausend Abschnitte haben Meinunger und Schröder im Laufe der Jahre geschafft, zehntausend Quadratkilometer mindestens. In Hessen hauptsächlich, in Sachsen-Anhalt, in Brandenburg und an der Nordseeküste, Regionen, in denen es bis dahin keine Mooserfassung gegeben hatte. Mit Hilfe lokaler Mooskundiger in Mecklenburg-Vorpommern etwa, im Saarland, in Sachsen oder in den Alpen sind am Schluss über eine Million Moosdaten zusammengekommen.
Meinungeria mouensis
Schwierig, sagt Meinunger wieder. Welche Moose sind schützenswert, welche nicht. Und was ist mit den Arten, die sich zwar erhalten haben, aber nur an einer Stelle vorkommen, was ist mit denen, und so weiter und so fort. Schwierige Entscheidung.
Meinungeria mouensis heißt die Pflanzenart zu seinen Ehren, ein Moos auf Neukaledonien, auf Serpentingestein wächst es dort. Das Moos gibt es nirgendwo anders als auf Neukaledonien, und Meinunger hat es noch nicht gesehen, nicht einmal auf einer Fotografie.
Das mit dem Reisen hat er nur so gesagt. Es bleibt dabei, er wird nicht hinaus, auch nicht zu Meinungeria mouensis auf Neukaledonien. Er hat keine Reisepläne. Zweihundertsiebzig neue Arten von Flechten hat er innerhalb der letzten zwölf Jahre allein in Thüringen entdeckt. Zu arbeiten ist daher genug da. Er weiß, er wird das nicht mehr schaffen, das mit einem Buch über Flechten, wie er eines über Moose geschaffen hat. Nächstens will er einem Jüngeren das Feld der Moose überlassen, das will er tun, er will, dass sein Nachfolger dasselbe fühlt, was er bereits sein Leben lang fühlt, diese Begeisterung.