Home
http://www.faz.net/-gum-15ydf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Ein Opfer erzählt Ich dachte, er wollte mich für etwas bestrafen

In den sechziger Jahren ist Uwe W. in einem evangelischen Kinderheim sexuell missbraucht worden. Damals konnte er mit niemandem darüber reden. Selbst heute glauben ihm viele nicht. Ein Protokoll des Grauens.

Ich bin unehelich geboren und habe meine gesamte Kindheit in Heimen verbracht. Zuerst war ich in einem katholischen Heim, da gab es eine Nonne, die mich wie eine Mutter geliebt hat. Sie hat immer gesagt: „Wenn ihr mir meinen Uwe nehmt, geh' ich weg von hier.“ Man wollte mich damals in ein evangelisches Heim verlegen, weil man dachte, ich sei evangelisch. Dabei war ich gar nicht getauft, wie sich später herausstellen sollte.

In diesem ersten Heim war längst nicht alles gut, ich bin dort geprügelt und mit harter Hand geführt worden. Aber es gab auch Belohnung für gutes Verhalten, und diese Nonne, das weiß ich heute, hat mir das Leben gerettet. Sie ist erst vor vier Jahren gestorben, ich hatte bis zuletzt Kontakt zu ihr. Wenn ich ihre Liebe und meinen durch sie angelegten Glauben an Gott nicht gehabt hätte, hätte ich mich schon lange umgebracht.

Mehr zum Thema

Denn als ich dreizehn war, begannen die schlimmsten Jahre meines Lebens. Ich wurde tatsächlich in ein anderes Heim verlegt, nämlich in das evangelische Knabenheim Westuffeln im westfälischen Werl. Heute heißt die Einrichtung „Von Mellin'sche Stiftung Kinder- und Jugendhilfe Westuffeln“, und es gibt inzwischen eine Liste mit den Namen von mehreren Mitschülern, die sich dort gemeldet haben und die das Gleiche mitgemacht haben wie ich. Am Mittwoch hat die Bischöfliche Kommission zur Prüfung von Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Aachen getagt und unter anderem auch über meinen Fall gesprochen.

Jede Nacht musste ein anderer Junge ins Zimmer des Erziehers

Ich selbst war im vergangenen Jahr in Werl und bin mit dem jetzigen Heimleiter durch das Haus gegangen, an die Stätten meiner Kindheit. Im Erdgeschoss waren damals die Aufenthaltsräume und darüber die Schlafsäle. In einem grauen Nebengebäude war eine Heimschule untergebracht. Es gab zwei Gruppen, eine für die größeren Jungen wie mich und eine für die kleineren Kinder, unter denen sich auch einige Mädchen befanden. In unserer Gruppe waren wir ungefähr dreißig Jungen im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren, wir schliefen in einem großen Schlafsaal mit Doppelstockbetten. Alles darin war dunkelbraun und schummrig. Das Zimmer unseres Erziehers lag direkt daneben und war durch eine Durchreiche mit unserem Raum verbunden.

Das heißt, der Mann konnte uns ständig beobachten. Er war ein Brocken von einem Kerl, etwa 35 bis 40 Jahre alt, mit Händen wie Tatzen und einer Nase in Erdbeerform. Er war Diakon, also ein Mitarbeiter der evangelischen Kirche mit theologischer Qualifikation, und von den Von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel ähnlich einem Leiharbeiter zum Dienst nach Werl entsendet worden - ein damals üblicher Vorgang. Auch der Heimleiter stammte ursprünglich aus Bethel.

In den ersten Wochen meines Aufenthaltes in dem Heim beobachtete ich, wie jede Nacht ein anderer Junge in das Zimmer des Erziehers gerufen wurde. Sie blieben etwa eine halbe Stunde drinnen, und viele weinten, wenn sie herauskamen. Unser Jüngster, Wolfgang, war erst elf, er kam eines Nachts vor Schmerzen schreiend und mit blutendem Penis heraus. Wir alle eilten an sein Bett, um ihn zu trösten. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihm passiert sein könnte, aber ich spürte eine große Angst in mir. Wolfgang ist später Polizist geworden, und als ich letztes Jahr zu Besuch in dem Heim war, hat mir der neue Heimleiter erzählt, dass er sich umgebracht hat. Mehrere meiner Mitschüler haben Selbstmord begangen. Ich glaube, dass es wegen des Missbrauchs war.

„Ist das jetzt normal?“

Eines Tages, ich war vielleicht seit sechs Wochen in Werl, war ich an der Reihe, rief mich der Erzieher zu sich: Ich sei dazu eingeteilt worden, von nun an jeden Tag sein Zimmer zu putzen und aufzuräumen. Von nun an musste ich also jeden Tag zu ihm kommen, und immer fand ich unter seinem Bett mehrere Limonadenflaschen, die ich ausleeren musste. Schnell bemerkte ich, dass sich keine Limonade, sondern Urin darin befand.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schule in Trauer Reden ist schwierig, Schweigen auch

Für die Fahrt nach Spanien hatten sich mehr Schüler aus Haltern angemeldet, als Plätze frei waren – also entschied ein Los, wer mitfliegen durfte. Mehr Von Mona Jaeger, Haltern

25.03.2015, 20:26 Uhr | Gesellschaft
MTV Awards in Glasgow Newcomerin Ariana Grande räumt Preise ab

Vor allem die Jungen haben bei den MTV Europe Music Awards Preise abgeräumt. Die Newcomerin Ariana Grande setzte sich gegen Alt-Stars wie Beyoncé und Taylor Swift durch und erhielt zwei Preise. Abräumer des Abends waren die Boyband One Direction und Sängerin Katy Perry. Ein Urgestein der Musik wurde aber auch geehrt: Ozzy Osborn bekam einen Preis als Globale Ikone. Mehr

10.11.2014, 12:20 Uhr | Feuilleton
NSU-Opfer Damit das alles einen Sinn ergibt

Sandro D’Alauro ist ein Opfer des NSU-Bombenanschlags in Köln. Nicht nur die vielen Narben an seinem Körper bezeugen, welche Spuren der Juni 2004 in seinem Leben hinterlassen hat. Mehr Von Karin Truscheit

15.03.2015, 10:43 Uhr | Gesellschaft
Auf zum Weltrekord Sechsjähriger Junge rollt unter Limoflaschen hindurch

Gagang ist zwar noch im Kindergarten, hat aber schon einen Weltrekord aufgestellt: Der Junge aus dem indischen Bangalore übt sich im Rollschuh-Limbo. Mehr

10.03.2015, 12:32 Uhr | Gesellschaft
Radikalisierung im Gefängnis Mit Allah hinter Gittern

Die Pariser Attentäter hatten sich in der Haft radikalisiert. Auch auf deutsche Gefangene versuchen Salafisten Einfluss zu nehmen. Muslimische Seelsorger sollen das verhindern. Mehr Von Reiner Burger, Gelsenkirchen

23.03.2015, 17:05 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.03.2010, 09:23 Uhr

Steuerhinterziehung Nadja Auermann zu Geldstrafe verurteilt

Das frühere Top-Model Nadja Auermann hat wohl bei der Steuererklärung getrickst, Thomas Gottschalk erzählt eine makabre Anekdote, und Nina Hagen kann wegen Zahnschmerzen nicht auftreten – der Smalltalk. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Das Epizentrum der Erschütterung

Von Berthold Kohler

Bis Dienstag dachten wir, dass Piloten keine Selbstmörder sind. Der Flugzeugabsturz in den französischen Alpen scheint das zu widerlegen. Doch führt diese Tragödie auch vor Augen, dass es schon Millionen Gelegenheiten gab, die nicht zu einer solchen Tat genutzt wurden. Mehr 58