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Ehemalige Landesirrenanstalt Keine Gitter auf der Domjüch

 ·  Eine Landesirrenanstalt mit ostdeutschem Immobilienschicksal: Vermeintliche Investoren träumten von einer Feriensiedlung am See – und bei Träumen blieb es. Ein Verein sorgt dafür, dass die historischen Gebäude nicht verfallen.

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© Hartmut Slotta Vergrößern Das ehemalige Verwaltungsgebäude

Zwei Blechnäpfe und ein Milchkännchen, das ist alles, was vom Inventar der Landesirrenanstalt auf der Domjüch in Altstrelitz geblieben ist. Dazu ein Gemälde, das vermutlich von einem der Patienten stammt, und drei Dutzend Zeichnungen und Aquarelle eines der Insassen - der See vor dem Haus, immer aus demselben Blickwinkel gesehen. Die Blätter liegen allerdings wohlverwahrt in der zum Universitätsklinikum Heidelberg gehörenden Prinzhorn-Sammlung, wo die Arbeiten von Psychiatriepatienten bewahrt wurden.

Die 1902 errichteten Gebäude der Anstalt auf der Domjüch allerdings stehen noch, wenn auch in schlechtem Zustand. Die zwei Stationen jeweils für Männer und Frauen sowie die Gebäude für Verwaltung, Küche und das Maschinenhaus mit dem Wasserturm, dazu das 1910 errichtete Krankenhaus für Infektionskrankheiten. 250 Kubikmeter umbauter Raum auf knapp 20 Hektar, vor 110 Jahren errichtet vom Herzog von Mecklenburg-Strelitz als eine der damals modernsten Irren-, Heil- und Pflegeanstalten in Deutschland.

Hier gab es schon ein Fernwärmenetz und fließend Wasser, auch elektrisches Licht. Einem Bericht für den Herzog nach Eröffnung der Anstalt für 180 Patienten ist zu entnehmen, dass die Domjüch von 465 Glühlampen erhellt wurde. Die Anstalt verzichtete auf Gitter an den Fenstern, selbst in den sogenannten Gummizellen. Dafür gab es besonders dickes Glas. Die Aufenthalts- und Schlafräume waren freilich Säle. Aber es gab immerhin gesonderte Sterberäume, intime Orte zum Abschiednehmen für Sterbende und ihre Angehörigen.

„Die Armut und die Russen sind die besten Denkmalpfleger“

Die Anstalt entstand „auf der Domjüch“, wie die Leute noch heute sagen. Gemeint ist eine aufgeschwemmte Fläche am Domjüchsee etwas außerhalb von Altstrelitz, einem Stadtteil von Neustrelitz, nördlich von Berlin gelegen. Ihrem eigentlichen Zweck diente die Anstalt 43 Jahre lang, zuletzt allerdings als Tuberkulosekrankenhaus. Dann nahm das Gelände mit den schönen villenartigen Gebäuden in parkartiger Landschaft eine typisch ostdeutsche Entwicklung. Die Sowjetarmee bemächtigte sich der Anlage und baute sie aus - mit einem Bunker im Wald und Plattenbauten, getarnt vom inzwischen hochgewachsenen Wald. 1993 zogen die Russen ab, ein verwahrlostes, aber eben noch erhaltenes Ensemble hinterlassend.

„Die Armut und die Russen sind die besten Denkmalpfleger“, sagt Christel Lau, die Vorsitzende des Vereins, der sich heute um das Gelände kümmert. Nach 1993 versuchten sich verschiedene sogenannte Investoren, die von einer Feriensiedlung am See mit den historischen Gebäuden im Zentrum träumten. Aber eben nur träumten. Christel Lau als Geschäftsführerin eines Neustrelitzer Ingenieurbüros hatte schon mit dem Aufmaß und den Planungen des Geländes zu tun. Als der letzte Investor 2009 aufgab, hätte das wegen unbezahlter Rechnungen auch die Insolvenz ihres Betriebes bedeutet, wäre ihr nicht der rettende Einfall gekommen, sich das Gelände überschreiben zu lassen. Nun träumt auch sie von einer Feriensiedlung zwischen See und Wald, die auf der Domjüch entstehen könnte.

Die Stadtwerke Neustrelitz haben inzwischen einen Teil des Geländes für eine riesige Solaranlage übernommen. Um die historischen Gebäude aber kümmert sich der Verein, den Frau Lau gegründet hat und der inzwischen knapp 70 Mitglieder hat. Im alten Verwaltungsgebäude gibt es eine Ausstellung über die Geschichte der Domjüch. Knapp 300 000 Euro an Fördermitteln sind für das Verwaltungsgebäude aufgewendet worden. Der Hauptposten dabei: Die kleine Anstaltkapelle wurde wiederhergestellt, zum Teil mit Holz aus den anderen Gebäuden, vor allem dem Krankenhaus, das auf Abriss steht. In der Kapelle hat der Verein einen Raum für seine Veranstaltungen. Hier darf aber auch getauft und geheiratet werden. Die erste Hochzeit war im Mai dieses Jahres. Und die Kapelle zeigt von außen, wie auch die anderen Gebäude aussehen könnten.

Ungestörtes Feiern

Von April bis September gibt es wenigstens an den Wochenenden Führungen über das Gelände. Der Tag des offenen Denkmals ist dabei ein besonderer Höhepunkt. Zu Hunderten strömen die Neugierigen dann auf die Domjüch. Da kommen die Angehörigen ehemaliger Domjücher Ärzte, die, ohne je zuvor in Altstrelitz gewesen zu sein, sagen: „Die Domjüch hat meine Kindheit bestimmt, durch die Erzählungen von Eltern und Großeltern.“ Die Söhne von Johannes Hecker halten Kontakt zum Verein. Ihr Vater war Arzt auf der Domjüch, später Amtsarzt, und als solcher kam er sogar zu literaturhistorischer Bedeutung: Hecker betreute den Schriftsteller Hans Fallada (eigentlich Rudolf Dietzen), als der im Gefängnis von Altstrelitz saß. Hecker soll es gewesen sein, der Fallada dazu anregte, den „Trinker“ zu schreiben.

Frau Lau hat auch Gäste gehabt, die als kleine Patienten von einst sagen, die Jahre auf der Domjüch seien inmitten der Kriegsjahre ihre schöne Kindheit gewesen. Es sei so herrlich dort im Wald und am See gewesen - und es habe in der Umgegend die besten Pfifferlinge gegeben. Rainer Grassmuck wiederum, Künstler und Kulturmanager, ist wegen der Liebe nach Neustrelitz gekommen, hat die Domjüch besucht und „sofort die Magie des Ortes gespürt“. Inzwischen gehört er zum Verein. Hilfe kommt mitunter von ungewöhnlicher Seite. In der Jugendvollzugsanstalt Neustrelitz haben die Insassen für den Verein alte Türen und Fenster aufgearbeitet. Das Technische Hilfswerk trifft sich auf der Domjüch hin und wieder zu Übungen und lichtet dann schon mal das Unterholz. Die Rettungshundestaffel trainiert hier. Künstler entdecken die hohen und weiten Räume oder die ungewöhnlichen Keller für sich. Und Jugendliche können hier ungestört feiern.

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04.01.2013, 20:52 Uhr

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