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Ehe Vorher fragen Sie bitte Ihren Therapeuten

16.05.2005 ·  Wer frisch verliebt zum Standesamt schreitet, denkt natürlich nicht an Probleme. Vorbeugendes Training wäre aber gar nicht schlecht. Irgendwann ist auch Sex keine Lösung mehr, sondern bloß ein weiteres, heikles Problem.

Von Kathrin Zinkant
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Laues Frühlingslüftchen, es grünt und duftet, zwischen jubelnden Menschen schweben Braut und Bräutigam auf Blumen dem Honigmond entgegen: So mag man sich das Heiraten vorstellen. Wenn dazu noch das Glück in Gestalt einer Schnapszahl kommt, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Das scheinen zumindest viele Heiratswillige zu glauben, die sich in diesem Jahr vorausschauend den 5.5.05 oder den 20.05.2005 als Termin auf dem Standesamt gesichert haben.

Tatsächlich aber ist das Ganze eine Schnapsidee. Gerade Schnapszahlen sind wenig krisenfest. Zwei Drittel aller am 9.9.99 in Berlin geschlossenen Ehen gibt es inzwischen nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Ehe lebenslang hält, sinkt sowieso. Bereits heute endet jede dritte Ehe mit Scheidung, in den Städten sogar jede zweite.

Online-Sprechstunden für die Ehe

Angesichts solcher Zahlen stellt sich die Frage, warum man auf die Institution Ehe nicht einfach verzichtet. Doch Heiraten ist romantisch und schön, und der menschliche Wille zur Zweisamkeit bleibt unbeirrt von der Statistik. In der noch ganz jungen Generation wollen die meisten einmal heiraten. Und eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt: Auch bei Menschen, die mit dem hoffnungsvollen Projekt Ehe bereits gescheitert sind, gibt es nach der Trennung kein Aufatmen - so lange jedenfalls nicht, bis die nächste Hochzeit ansteht.

Der Mensch als Beziehungslemming? Nicht ganz. Denn nicht jeder schmeißt die Flinte kampflos ins Korn. Immer mehr Paare, die mittendrin stecken in der Abwärtsspirale aus Streit, Schuldzuweisungen und emotionalem Entzug, suchen Hilfe. Entsprechend blüht das Angebot: Von Online-Sprechstunden und Wiederfindungsworkshops bis zu klassischen Eheberatungsstellen und psychologischen Paartherapeuten, Anlaufstellen gibt es viele. Ob sich die Krise schon durch ein bißchen romantische Auffrischung oder doch eher mit Hilfe professioneller Therapie bewältigen läßt, hängt in den Augen der Experten vor allem von einem ab: von der Art und Weise, wie die Partner miteinander kommunizieren.

Nur blöde Geschenke

„Stellen Sie sich einen Kippschalter vor“, erläutert der Braunschweiger Paarpsychologe Kurt Hahlweg den Zustand einer Partnerschaft. „Zu Beginn ist er immer nach rechts gekippt.“ Wenn nun der Mann Blumen mitbringt - was denkt die Frau? Klar: daß er sie liebt und einfach an sie gedacht hat. Hat sich die Beziehung aber schon ein bißchen weiterentwickelt, kann es auch ganz anders laufen. „Wenn der Schalter dann auf ,negativ' umgelegt wird, interpretiert die Frau den Blumenstrauß nicht mehr als Nettigkeit“, erklärt Hahlweg. Sie mag keine Lilien, das müßte er doch wissen. Und auf die Idee ist er auch nicht von allein gekommen. Schließlich hat sie neulich geklagt, daß er ihr nie Blumen mitbringt.

Solche Kippschalter gibt es nach Hahlwegs Ansicht in vielen kaputten Beziehungen. Der negative Anteil der Kommunikation mit dem Gegenüber nimmt zu, man redet anders oder gar nicht miteinander, und irgendwann ist auch Sex keine Lösung mehr - sondern ein besonders heikles Problem auf der Liste. Wie der amerikanische Psychologe John Gottmann schon vor Jahren postulierte, wird schließlich auch die gemeinsame Geschichte umgeschrieben: Er hat von Anfang an sowieso nur blöde Geschenke gemacht und sie als Persönlichkeit gar nicht begriffen. Sie hat von der ersten Verabredung an sowieso nur blöd auf seine Geschenke reagiert, seine Liebe ständig in Frage gestellt und permanent Theater um die Schwiegereltern gemacht.

Neue Nähe erzeugen

„Dabei hatten die beiden am Anfang sehr viel Spaß miteinander und waren glücklich“, sagt Notker Klann, der als Psychologe in der katholischen Ehe-, Lebens- und Familienberatung in Bonn arbeitet. Wie viele seiner forschenden Kollegen hält er Kommunikation und Problemlösung für entscheidend in einer funktionierenden Beziehung. „Daß die Probleme das Problem einer Ehe seien, ist ja falsch.“ In jeder noch so glücklichen Partnerschaft tauchten sie auf. Die Frage sei, wie man sich darüber austauscht und versucht, sie aus der Welt zu schaffen. Wer das nicht kann, glaubt nicht nur Klann, der häuft Sorgen und Ängste, Vorwürfe und Verletzungen an, bis es nicht mehr zu ertragen ist.

Und die Lösung? Könnte Verhaltenstherapie heißen. Während Tiefenpsychologen unbewußte Problemherde - meist Kindheitserlebnisse - in jahrelangen Gesprächen ans Licht zu bringen versuchen, gibt die pragmatischer orientierte Verhaltenstherapie Paaren die Chance, innerhalb weniger Monate eigene Kompetenzen zu entwickeln. Das Üben von Gesprächen und Konfliktbewältigung soll neue Nähe erzeugen. Es werden Regeln aufgestellt, Abläufe festgelegt und die Erfahrungen beim nächsten Termin mit dem Psychologen besprochen. Bei der Verhaltenstherapie soll nicht das Beseitigen unbewußter Probleme, sondern der bewußt veränderte Umgang damit die Besserung bringen.

Morgens schweigsam sein

„Erst wenn Sie jemandem nahe sind, merken Sie, wie sehr Sie ihn durch Ihr Verhalten verletzen können“, sagt Klann. Wie im Straßenverkehr, wenn jemand einem die Vorfahrt nimmt und man ihm dann den unrühmlichen Mittelfinger zeigt. „Wenn Sie aber sehen, das war jemand, der Ihnen viel bedeutet, schämen Sie sich für Ihre Reaktion.“ Daß es von der mehr als fünfzig Jahre alten Grundform der Verhaltenstherapie inzwischen viele Spielarten gibt, hat verschiedene Gründe.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse lautet: Manche Verhaltensmarotten lassen sich einfach nicht wegüben. In den neunziger Jahren haben die amerikanischen Paarforscher Andrew Christensen und Neil Jacobson deshalb ein Konzept entwickelt, das manche Probleme und Verhaltensmuster als Teil einer Beziehung akzeptiert. Der Mann muß also nicht lernen, beim Frühstück angeregte Unterhaltung zu führen. Sondern seine Frau sollte akzeptieren, daß er morgens schweigsam ist - ohne das Schweigen als Ablehnung zu interpretieren. Diese integrative Paartherapie ist für viele forschende Psychologen zur Basis moderner Beratung geworden.

Emotionale Blockaden

Dennoch: „Nach wie vor sind die tiefenpsychologischen Ansätze dominant“, sagt Kurt Hahlweg. Die auf der Freudschen Psychoanalyse aufbauenden Verfahren sind auch deshalb so verbreitet, weil sie zwar nicht für die Paartherapie, aber für viele andere psychische Probleme von den Kassen bezahlt werden. Inzwischen gehört auch die Verhaltenstherapie zum Leistungskatalog, sie erfordert über die Psychotherapeutenausbildung hinaus eine jahrelange Zusatzausbildung. Hahlwegs Ansicht nach kommt die Tiefenpsychologie bei Paaren nicht ohne verhaltenstherapeutische Bausteine aus.

„Wenn ein Paar beim Therapeuten sitzt und streitet, muß der erst einmal Regeln für eine vernünftige Kommunikation aufstellen.“ Die reine Tiefenpsychologie sucht und löst zwar weiterhin hauptsächlich persönliche Probleme, die im Kindesalter verwurzelt sind und im Erwachsenenalter zu emotionalen Blockaden führen. Moderne tiefenpsychologische Ansätze konzentrieren sich dabei inzwischen aber nicht mehr nur auf die Vergangenheit, sondern behandeln auch aktuelle Konflikte.

Erfolgsquote 70 Prozent

Werden krisengeschüttelte Beziehungen nun besser durch den Besuch beim Verhaltenstherapeuten gerettet als durch tiefenpsychologische Gespräche? Oder sollte man noch ganz andere Angebote suchen? Für krisengeschüttelte Paare ist das nicht so leicht zu erkennen. Wer echte Probleme hat, sollte sich in jedem Fall nicht an dozierende Promis mit Sendungsbewußtsein wenden. Doch wie findet man seriöse Beratung? Großangelegte Evaluierungsstudien gibt es für die Paarpsychologie kaum, und sie kommen fast alle aus der noch jungen Verhaltenstherapie.

„Unsere Erfolgsquote liegt etwa bei siebzig Prozent“, sagt der Psychologe Guy Bodenmann von der Universität in Freiburg in der Schweiz. Davon seien aber noch jene Fälle abzuziehen, in denen sich Hilfesuchende spontan zusammenraufen oder nach Therapieende neu verkrachen. Übrig blieben vierzig bis fünfzig Prozent.

„Ein partnerschaftliches Lernprogramm“

Wirklich ermutigend klingt das nicht. „Ein Problem ist sicher, daß viele Paare zu spät in die Beratung kommen“, meint Kurt Hahlweg. Die Verletzungen säßen dann oft schon so tief, daß nicht mehr viel zu retten sei. Hahlweg setzt, wie Bodenmann und andere Kollegen, deshalb auf eine andere Möglichkeit: die Prävention. Denn warum sollte man erst miteinander reden lernen, wenn die Krise in vollem Gange ist? Für Menschen, die heiraten wollen, bietet sich schon vor der Hochzeit ein Kommunikationstraining für Paare an - ein Ehevorbereitungskurs also.

Obwohl sich in der Tat gezeigt hat, daß Konzepte wie „Ein partnerschaftliches Lernprogramm (EPL)“ oder das Freiburger Stresspräventionstraining aus der Schweiz die Scheidungsrate der Teilnehmer senken - begehrt sind sie bislang nicht. Das ist auch kein Wunder: An Probleme oder gar Trennung mag am Anfang einer Liebe eben niemand denken. In einer Umfrage bei Gymnasiasten hielten siebzig Prozent der Schüler eine Prävention für überflüssig. Für die rund 500 Euro, die so ein Wochenende kostet, findet sich sicher eine amüsantere Verwendung. Und irgendwie klingt es spießig, einen Kurs für Eheleute zu besuchen.

Soziales Umfeld einbeziehen

„Aber was ist spießig? Man setzt sich doch auch nicht einfach in ein Auto und fährt los“, entgegnet Hahlweg. Einen etwas einfühlsameren Vergleich bietet sein Schweizer Kollege Bodenmann: „Die Liebe ist wie eine Pflanze - die muß man doch auch hegen und pflegen.“ Klann hält die Vorbereitung auf eine Partnerschaft sogar für „unabdingbar“. Können Liebe und Beziehung also ohne therapeutische Hilfestellung gar nicht dauerhaft funktionieren?

Bodenmann könnte sich gut vorstellen, daß man die hilfreichen Kurse einfach zur gesetzlichen Pflicht macht - ähnlich wie den Besuch beim Pfarrer vor einer kirchlichen Trauung. Man könnte den Besuch einer Eheberatung auch zu einer Bedingung für eine Scheidung machen. „Unsere Gesellschaft soll keine Beratungsgesellschaft werden“, erwidert Klann. Es gebe schließlich auch andere Ressourcen: „Wir dürfen zum Beispiel nicht vergessen, unser soziales Umfeld mit einzubeziehen.“ Freunde oder Verwandte hätten oft ein sehr gutes Gespür dafür, ob eine Beziehung sich in die falsche Richtung entwickelt. Darauf solle man dann ruhig hören. Vor allem aber auf seinen Partner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.05.2005, Nr. 19 / Seite 73
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