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Duisburgs Güterbahnhof Das Terrain der geplatzten Träume

31.07.2010 ·  Seit 15 Jahren schon wartet das 35 Hektar große Gelände des Güterbahnhofs in Duisburg darauf, städtebaulich entwickelt zu werden. Getan hat sich seither nichts. Alle Pläne und Modelle scheiterten.

Von Andreas Rossmann, Dusiburg
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Als am 12. September 1996 in Oberhausen das Einkaufszentrum „CentrO.“ eröffnet wurde, schellten nebenan in Duisburg laut die Alarmglocken. Denn das „neue Glanzlicht für unser Land“, so der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau bei der Eröffnung, drohte die mehr als doppelt so große Halbmillionenstadt in den Schatten zu stellen. Dass der neue Konsumtempel, der, mit einer Verkaufsfläche von 70.000 Quadratmetern, auf das abgeräumte Areal der HOAG, der Hüttenwerke Oberhausen AG, gesetzt worden war und die „Neue Mitte“ der erst 1929 aus Alt-Oberhausen, Osterfeld und Sterkrade gebildeten Großstadt beanspruchte, „auch positive Auswirkungen“, wie der Landesvater hoffte, auf die Nachbarstädte haben würde, glaubte hier niemand. Im Gegenteil: Wie Bottrop, Dinslaken, Mülheim und sogar Essen befürchtete Duisburg einen Abfluss von Kaufkraft, der die schon damals klamme, vom Strukturwandel gebeutelte „Stadt-Montan“ weiter schwächen würde.

Doch die Stadtoberen wollten nicht klagen, sondern die Konkurrenz annehmen und - beim Geld hört auch heute noch die Vision von der Ruhrmetropole auf - zum Gegenschlag ausholen. Was Oberhausen vorgemacht hatte, wollte Duisburg nachmachen und übertreffen: Das größte innerstädtische Einkaufszentrum Deutschlands mit 160.000 Quadratmetern und damit mehr als doppelt so viel Verkaufsfläche wie im „CentrO.“ sollte entstehen. „Erst machen wir Düsseldorf platt, dann nehmen wir uns Paris vor“, strotzte Stadtplanungschef Jürgen Dressler vor mit Ironie unterlegtem Selbstbewusstsein, hatte die Stadt doch zwei Trümpfe zu bieten: Einmal ihr Einzugsgebiet, in dem nicht mehr als eine Stunde entfernt elf Millionen Menschen leben, zum anderen das Grundstück des Güterbahnhofs, den die Deutsche Bahn damals gerade aufgegeben hatte. Eine citynahe, 35 Hektar große Freifläche, die verkehrstechnisch anzubinden war. Ein trendiger Name war schnell zur Hand: „MultiCasa“ sollte die neue Einkaufs- und Erlebniswelt heißen. Getan hat sich auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände seitdem fast nichts: Es ist das Areal, an dessen Zugängen es zur Katastrophe der Love Parade kam.

Der Ehrgeiz, es allen zu zeigen, war größer

Die hochfliegende Vision beunruhigte nicht nur die Nachbarstädte, sondern auch viele Geschäftsleute in Duisburg. „MultiCasa“ könnte, so warnten sie, zum Moloch werden und die zentrale Einkaufsmeile Königstraße so weit veröden, dass sich Ramsch- und Ein-Euro-Läden ansiedeln. Doch der Ehrgeiz, es allen zu zeigen, war größer. Eine Projektgemeinschaft wurde gegründet, jahrelang verhandelt, getagt, begutachtet, geplant und 1999 bei den Hamburger Architekten Bothe Richter Teherani ein Entwurf bestellt, der, strahlend und aufsehenerregend, die räumliche Inszenierung einer stabilen und beweglichen Innenstadterweiterung vorschlug: Wellenartige Metallschuppen gaben im Wechsel mit transparenten Glasbändern die Hülle für einen geschwungenen Innenraum ab, der sich abschnittweise gliedern und flexibel nutzen lassen sollte. Das Signetgebäude ließ die Stadtoberen von der Metropole träumen, im Volksmund hieß es das „Gürteltier“.

Nicht ganz so spektakulär nahm sich der Entwurf des japanischen Architekten Shin Takamatsu aus, der im Jahr 2002 das Gutachterverfahren gewann: Ein 65 Meter hoher, von innen beleuchteter Pylon bildete das Markenzeichen eines Komplexes, in dessen Inneren, so der Pressetext, zwei Erlebnisräume („Unicorn Plaza“ und „Capricorn Circus“) „Freizeit, Shopping und Familie auf ganz neue Weise definieren“ sollten.

Die Eyecatcher schafften es nur bis in die Hochglanzbroschüren der Projektentwickler und Wirtschaftsförderer, mit mehreren Investoren wurde verhandelt, doch sagte, von Trizek Hahn bis ECE, einer nach dem anderen ab. Das waren Verzögerungen, die auch auf andere Standorte investitionshemmend wirkten. Erst 2005, unter dem im Jahr zuvor gewählten CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der sich weiter für „MultiCasa“ starkmachte, kippte der Rat der Stadt gegen die Stimmen von SPD und FDP das Vierhundert-Millionen-Euro-Projekt. Stattdessen wurde eine Nummer kleiner das „Forum Duisburg“ in der Stadtmitte realisiert und nach nur anderthalb Jahren Bauzeit im September 2008 eröffnet: Mit Karstadt, dessen Haus mit anderen Gebäuden weichen musste, als Ankermieter nimmt es am König-Heinrich-Platz, an der zentralen Kreuzung der Fußgängerzone, auf 57.000 Quadratmetern 80 Geschäfte auf. Eine goldene Leiter, die 65 Meter hoch in den Himmel steigt, ist sein Wahrzeichen.

Das Gelände des Güterbahnhofs blieb weiter brachliegen. In dem Masterplan, den Norman Foster für die Innenstadt erarbeitet und im Februar 2007 vorgelegt hat, ist es nicht berücksichtigt, da es östlich der die Stadt längs durchschneidenden Autobahn 59 liegt. Der britische Star-Architekt, der schon für den Innenhafen den Masterplan entwickelt und - bis auf das abschließende Eurogate - erfolgreich umgesetzt hat, ist der „shrinking city“ seit fast 20 Jahren verbunden: Hier hatte er 1993 mit dem „Haus für Wirtschaftsförderung“ sein Entree in Deutschland. So war es naheliegend, sein Büro 2008 mit einem Rahmenplan für das Güterbahnhofsgelände zu beauftragen, dessen Eigentümerin nicht die Stadt, sondern die ehemalige Bahntochter Aurelis ist. Die Pläne für einen neuen Stadtteil für Duisburg, die Fosters Mitarbeiter David Nelson im Mai 2009 präsentierte, sehen statt eines einzigen Großbaukörpers eine kleinteilig durchmischte Bebauung vor: Sowohl an der Bahntrasse wie auch entlang der A 59 sollen mehrere, höchstens sechsgeschossige Wohn- und Bürokomplexe und im Innenbereich ein Park mit Wasserflächen entstehen, der als Oase der Ruhe zum Abschnitt eines vom Rhein bis zum Sportpark Wedau laufenden Grünzugs werden soll. In die Infrastruktur wollte Aurelis 15 Millionen Euro stecken und Folgeinvestitionen von rund 600 Millionen auslösen. Die „Bild-Wort-Marke“ dafür wurde, womöglich weil die Stadt mit dem größten Binnenhafen Europas es mit Hamburg aufnehmen will, aus der Luft gegriffen: „Duisburger Freiheit“. Bis Mitte dieses Jahres sollte das Bauleitverfahren abgeschlossen sein.

Ein Ort, an dem Träume geplatzt sind

Doch auch daraus wurde nichts. Denn ohne die Kommune zu informieren, hat Aurelis zwei Drittel des Geländes kurzerhand an ein Großhandelsunternehmen veräußert, das statt eines hochwertigen Wohn- und Büroquartiers ein Möbelhaus mit Hochregallager und Logistikzentrum errichten will und einen Bürgerpark als Zugabe verspricht. Vollmundig waren die Ankündigungen, ernüchternd sind die Aussichten - auf triviale statt anspruchsvolle Architektur und auf nicht bis zu 7800, sondern wenige hundert neue Arbeitsplätze. Noch hat der Möbelmogul kein Baurecht, doch die besseren Karten. Die Stadt muss mit ihm verhandeln, denn ihr bleibt nur ein fünf Hektar großer Abschnitt, für den sie noch aus der Zeit, als hier eine - ebenfalls gescheiterte - Bundesgartenschau stattfinden sollte, Vorkaufsrecht hat. Große städtebauliche Impulse lassen sich damit nicht mehr setzen. „Die vorliegende Planung“, so der Duisburger Architekt Peter A. Poelzig, der auch Sprecher des Beirats für Stadtgestaltung ist, „wird durch solch ein Unterfangen ad absurdum geführt.“

Die Zwischennutzung des Geländes durch die Love Parade stellt so auch einen Versuch dar, sich an einem Ort, an dem schon mehrere Träume geplatzt sind, der Welt zu präsentieren und ihn damit schlagartig aufzuwerten. Ihre fahrlässige Durchführung und ihr tragischer Ausgang werfen ein letztes, grelles, trauriges Licht auf eine Kommunalpolitik, die in einer Mischung aus Größenwahn und Überforderung die Chancen der Stadt über Jahre hinweg falsch eingeschätzt und sie um große Entwicklungsmöglichkeiten gebracht hat.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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