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Düstere Prognose Immer mehr Drogensüchtige

06.11.2008 ·  Der Kokain-Konsum nimmt in Europa zu. Besonders verbreitet ist die Droge in Großbritannien, Spanien und Italien. Als neuer Drogen-Umschlagsplatz gilt Westafrika.

Von Daniel Deckers
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Die Europäische Beobachtungstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) rechnet nicht mehr damit, dass der Gebrauch von Heroin in Europa in den kommenden Jahren spürbar sinken wird. Zwar gebe es trotz eines Überangebots an Heroin keine Anzeichen für eine Heroinepidemie, wie sie in den neunziger Jahren in vielen Teilen Europas zu beobachten gewesen sei, schreibt die in Lissabon ansässige EU-Agentur in ihrem jüngsten Bericht, der am Donnerstag in Brüssel vorgestellt wurde. Jedoch sei die Zahl der neuen Gebraucher noch immer hoch. So ist Heroingebrauch nach wie vor die Ursache für einen Großteil der in die Milliarden gehenden Kosten, die Rauschgiftgebrauch im Gesundheits- und Sozialwesen der EU-Länder verursacht: Wolfgang Götz, der Direktor der EBDD, sprach von mindestens 28, möglicherweise sogar 40 Milliarden Euro.

Auch für die Übertragung des HI-Virus spielt der Heroingebrauch nach Erkenntnissen der EDBB noch immer eine nicht zu unterschätzende Rolle, vor allem in den baltischen Ländern, aber auch auf der Iberischen Halbinsel und in Italien. Ein neues Phänomen sind Vergiftungen mit aus der Pharmazie abgezweigten oder illegal hergestellten synthetischen Opioiden – allein in Estland wurden im Jahr 2006 siebzig tödliche Vergiftungen mit einer aus der Schmerztherapie von Krebspatienten bekannten Substanz namens Fentanyl registriert. Kaum bemerkbar in Europa macht sich bis jetzt die seit Jahren stetig steigende Produktion von Opiaten und Heroin in Afghanistan. Einiges spricht dafür, dass die Überproduktion von mehreren tausend Tonnen Rauschgift in neue Märkte in Asien geht, vor allem in China.

Im Osten liegt Heroin an der Spitze der Todesursachen junger Männer

Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer des Rauschgiftgebrauchs in Europa stagniert zwischen 7000 und 8000, obwohl noch zu Beginn dieses Jahrzehnts vieles darauf hindeutete, dass sie sinken werde, weil tödliche Vergiftungen besser vermieden werden könnten. Nach Erhebungen der EU-Agentur ist vor allem in Mittel- und Osteuropa die Zahl junger Heroinsüchtiger und auch der Todesopfer im Zusammenhang mit Heroin gestiegen. In Ländern wie Rumänien, der Slowakei, Estland, Bulgarien, aber auch Österreich steht Heroingebrauch mittlerweile an der Spitze der Todesursachen junger Männer.

Die EBDD rät daher den EU-Staaten, besser zu erforschen, warum es zu Überdosierungen kommt und ob die Präventionsmaßnahmen auch wirksam sind. Nach Einschätzung der Beobachtungsstelle stützen sich manche Staaten auf falsche Annahmen und verschlimmern mit ihren Vorkehrungen die Lage, statt sie zu verbessern. Zur Vermeidung tödlicher Vergiftungen mit Heroin sei es vor allem geboten, Hochrisikogruppen zu identifizieren und aufzuklären. Besonders gefährdet seien rauschgiftsüchtige Strafgefangene nach ihrer Entlassung und Personen, die eine Entzugsbehandlung durchlaufen haben. „Jede Stunde stirbt in Europa ein junger Mensch nach Rauschgiftgebrauch einen vermeidbaren Tod“, so Götz.

Cannabisgebrauch geht zurück

Der Cannabisgebrauch stabilisiert sich nach den jüngsten Daten und geht in einigen Ländern sogar zurück. Unter Schülern und jungen Erwachsenen ist Cannabis zwar nach wie vor weit verbreitet, und die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit Cannabis stieg zwischen 2001 und 2006 im Durchschnitt der EU-Länder um 34 Prozent. Dennoch: Über mehr Cannabisgebraucher berichten immer weniger EU-Länder. Worauf die Stagnation oder gar der Rückgang der Prävalenzraten vor allem in jüngeren Altersgruppen zurückzuführen ist, wird dabei nicht ersichtlich. Cannabis ist nicht weniger verfügbar als früher und auch nicht teurer. Die EBDD vermutet einen Zusammenhang mit der Durchsetzung des Rauchverbots. Auch könne die mittlerweile beträchtliche Zahl Cannabissüchtiger abschreckend wirken.

Gleichwohl gebrauchen nach Berechnungen der EBDD etwa vier Millionen oder ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung der EU-Länder täglich oder fast täglich Cannabis. Drei Viertel von ihnen sind zwischen 15 und 34 Jahre alt. Unter älteren Schülern ist Cannabis nach Alkohol und Tabak nach wie vor das Rauschgift der Wahl. Wer kifft, greift im Übrigen auch häufiger und intensiver zu anderen Suchtstoffen. Daher seien „spezielle Strategien“ erforderlich, „um diese besonders gefährdeten jungen Menschen zu schützen“, heißt es in dem Bericht der EBDD.

Ecstasy ist aus der Mode

Der Kokaingebrauch steigt vielerorts in Süd- und Westeuropa. Dagegen nimmt der seit Jahrzehnten zu beobachtende Gebrauch von Amphetaminen in vielen Ländern Mittel-, Nord- und Osteuropas ab. Das vor allem in den Vereinigten Staaten, Australien und Südostasien weit verbreitete Methamphetamin spielt in den meisten EU-Ländern nach wie vor keine Rolle, und der Gebrauch von Ecstasy stagniert oder ist rückläufig. Manches deutet nach Erkenntnissen der EBDD darauf hin, dass die Konsumenten mittlerweile Amphetamine oder Ecstasy durch das verfügbarere und billigere Kokain ersetzen. So ließe sich erklären, dass 2007 der Anteil der jungen Kokaingebraucher in England, Irland, Spanien oder Italien schon zwischen drei und mehr als fünf Prozent lag.

Die Zahl der Personen, die sich wegen Kokaingebrauchs therapieren ließen, stieg in Europa von 2002 bis 2006 um mehr als das Doppelte auf etwa 30.000. Im Jahr 2006 wurden etwa 500 Todesfälle offiziell mit Kokain in Verbindung gebracht – die wirkliche Zahl dürfte um ein Mehrfaches höher liegen. In den vergangenen Jahren wuchs auch die Zahl der Sicherstellungen und die Menge des beschlagnahmten Kokains, nicht nur entlang der „klassischen“ Schmuggelrouten aus der Karibik heraus und an europäischen Flughäfen. Immer wichtiger wird eine Route, die über Venezuela und Westafrika nach Europa führt. Die EBDD befürchtet, dass der Kokainschmuggel und seine Begleiterscheinungen wie die Unterwanderung der Justiz und die Korruption die prekäre Lage in vielen Staaten Westafrikas noch verschärfen werden.

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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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