09.09.2009 · In Dubai eröffnet die erste U-Bahn am Golf. Das Emirat fährt seinen reichen Nachbarn wieder einmal voraus. Allerdings sind die Bauarbeiten nur zum Teil abgeschlossen. Das Design der Bahn ist einer Muschel und ihrer Perle nachempfunden.
Von Rainer HermannDie Krise hat Dubai nicht den Sinn für große Inszenierungen genommen. An diesem Mittwoch setzt der Emir, Scheich Muhammad Bin Rashid Al Maktoum, mit einem Knopfdruck die neue U-Bahn in Betrieb. Mehr als 100 Tage haben die Uhren auf dieses magische Datum zugesteuert: 09-09-09 um 09-09 - so heißt das Zauberwort in der Werbesprache des Emirats. Dann bricht nicht nur für Dubai eine neue Zeitrechnung an, sondern für alle Ölmonarchien des Golfs.
Dubais Metro ist erst das vierte U-Bahn-Netz im Nahen und Mittleren Osten, nach Haifa (1959), Kairo (1987) und Teheran (1999) - und das erste am Golf. Gebaut haben es nicht die reicheren Nachbarn Abu Dhabi und Doha. Pionier war wieder einmal Dubai - wo die Inseln in Form von Palmen ins Wasser wachsen und das höchste Gebäude der Welt in den Himmel ragt.
Das Ziel ist eher bescheiden
Von dort oben zeichnet sich unten am Boden ein Netz von Muscheln ab. In der zu einer Stadt gewordenen Wüste verknüpfen sie die geschwungenen Kurven der neuen Metrolinien. Auf Tonnen von Papier hätten sie Ideen skizziert und verworfen, erinnert sich Boran Agoston. Der Chef des britischen Architekturbüros Aedas und seine Kollegen suchten ein Design, das Dubai verkörpert. Die Schwingen des Falken wurden es nicht, auch nicht die Segel des Holzschiffs. Zum Muster wurden die Muschel und ihre Perle, nach denen die Vorfahren von Scheich Muhammad einst noch im Golf tauchten.
Die 47 Stationen entlang der beiden Linien, der roten und der grünen, sind die Muscheln. Die Perlen der Gegenwart aber sind die Züge, die im Minutentakt in sie hinein- und wieder hinausfahren. Sie sollen die autoverliebten Einwohner von Dubai in öffentliche Verkehrsmittel locken und damit verhindern, dass sich in Dubai jene Staus wiederholen, die die Stadt bis zum Ausbruch der Krise jeden Tag fast in den Infarkt und die Autofahrer in den Wahnsinn getrieben hatten. Das Ziel ist eher bescheiden. Langfristig soll die Metro für lediglich 17 Prozent der Einwohner das wichtigste Verkehrsmittel werden. Dazu müssen sie aber zur nächsten Metrostation laufen oder zum Shuttlebus, der sie zur nächsten Station bringt.
„My City, my Metro“
Überzeugungskraft ist also gefragt - oder eine Werbeagentur. Damit seine Untertanen eine Liebesbeziehung zur neuen Metro aufbauen und auch stolz werden auf sie, hat der Emir die kreativen Ideenfinder der britischen Werbeagentur Saatchi & Saatchi geholt. „My City, my Metro“ haben sie sich ausgedacht. Der Spruch hängt bereits an nahezu allen Laternenmasten. Die Werbetexter verbreiten diesen und andere flotte Sprüche auch auf Postkarten, über Youtube, Facebook und Twitter. Dubai ist eben noch immer auch ein PR-Erfolg. Aber auch mehr.
Denn die Metro ist technisch anspruchsvoll. Die Werbetexter preisen sie als das größte automatische Metrosystem der Welt an: Sie kommt ohne Fahrer aus. Betreiben wird es für die ersten zehn Jahre das Unternehmen Serco, das im Osten Londons die ebenfalls fahrerlose Bahnlinie „Docklands Light Railway“ betreibt. Die Technologie des französischen Herstellers Alcatel-Lucent, die in Dubai zum Einsatz kommt, ist schon in Paris und Berlin in Betrieb, in Schanghai und in Großbritannien.
Baukosten betragen 7,6 Milliarden Dollar
Spurlos ist die Krise an dem Metro-Projekt nicht vorübergegangen. Von den beiden Linien wird an diesem Mittwoch erst die 52 Kilometer lange rote eröffnet. Die 24 Kilometer lange grüne Linie folgt am 21. März 2010. Auch von den 29 Metrostationen der roten Linie sind am magischen Datum 9. 9. 2009 erst zehn fertiggestellt worden. Die anderen folgen bis Februar, so dass sich ihre Bauzeit von 49 auf 54 Monate erhöht. Selbst dann werden nicht einmal fünf Jahre seit der Unterzeichnung des Vertrags mit dem japanischen Bauunternehmen Mitsubishi Heavy Industries vergangen sein. Von den 76 Kilometern mussten die Japaner fast 13 Kilometer als Tunnel graben.
Der Festakt an diesem Mittwoch findet in der Metrostation „The Mall of the Emirates“ statt. Zufall ist das nicht. Dubai ist ja eine Stadt des Kommerzes. Und so hatten die Stadtväter die Idee, die Namensrechte der einzelnen Stationen an Unternehmen zu versteigern, was ihnen eine halbe Milliarde Dollar eingebracht hat. Das war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn die Baukosten sind von den geplanten 4,2 Milliarden Dollar auf 7,6 Milliarden Dollar geklettert. Fast in den Hintergrund drängt die effektvoll inszenierte Euphorie die Auswirkungen der Metro auf die Lebensqualität der Menschen und die Umwelt. Mehr interessiert offenbar, wie sich das Einkaufsverhalten ändern wird, was die Metro für die großen Malls bedeutet, auch für Dubais Shopping Festivals. Die großen Malls, die an den Metrostationen liegen, stellen sich auf mehr Käufer und auf mehr Kunden ein. Sie haben kräftig in Erweiterungen investiert. Dubai bleibt Dubai, auch nach der Krise.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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