09.12.2009 · In Züricher Clubs können Partygäste den Inhalt ihrer Drogen überprüfen lassen. Nicht selten sind Schmerz- und Streckmittel enthalten. Den Sozialarbeitern zufolge ist der Test anonym. Einzige Bedingung ist ein Beratungsgespräch. Die Polizei hält sich raus.
Von Anna Loll, ZürichDie Techno-Musik im oberen Stockwerk des T&M Clubs in Zürichs Altstadt drückt mit ihren Bässen gegen das Trommelfell, gleich hinter der Tanzfläche liegt der Darkroom. Eine schummrig-dunkle Partywelt, käme nicht wie von einem anderen Universum das grelle Licht aus der kleinen Künstlergarderobe. Zwischen Messgeräten und expliziten Safer-Sex-Anweisungen warten hier zwei Sozialarbeiter und ein Laborant. Die Aufschrift auf ihren karminroten T-Shirts kündigt ihre Mission an: „Saferparty.ch“.
Ein durchtrainierter Partygast im Trägerhemd nähert sich. Guckt. „Was ist denn das?“, fragt er schließlich. Drogentesten, umsonst. Der Mann macht ein skeptisches Gesicht, Alexander Bücheli, Sozialarbeiter von der Jugendberatung Streetwork Zürich, erklärt das Verfahren: Der Drogentest sei für die Partygäste anonym. Ein Viertel der Substanz werde von dem Laboranten an Ort und Stelle entnommen, der Rest gehe nach der Analyse an den Konsumenten zurück. Die Probe werde fotografiert, gewogen und auf ihren Inhalt geprüft. Bücheli verweist auf die Messinstrumente, Kanülen und Wattestäbchen, auf Laptop, Fotoapparat und Waage neben und hinter sich. Nach etwa 20 Minuten erfahre der Klient nicht nur, ob zum Beispiel in seiner Ecstasy-Pille tatsächlich der MDMA-Wirkstoff enthalten ist. Er wisse dann auch, was sonst noch an psychoaktiven Substanzen drinsteckt. Bedingung für den Test sei allerdings ein Beratungsgespräch, sagt Bücheli und greift nach einem vierseitigen Fragebogen. Der Partygast zögert kurz, nickt und zieht ein weißes Pulver aus der Tasche. Es ist ein besonderes Angebot, dass die Schweizer hier haben. Initiativen in Österreich und den Niederlanden waren Vorreiter für Drogentests auf Partys, in Deutschland gibt es sie nicht. In der Schweiz hingegen wird alles vom Staat finanziert, und die Polizei hält sich raus.
Das Pulver ist als Kokain verkauft worden
Während Bücheli sich mit dem Mann zurückzieht und ihn zu seinen Drogenkonsumgewohnheiten befragt, kann Daniel Allemann ungestört die Probe analysieren. Das Pulver ist als Kokain verkauft worden. Nach kurzer Zeit ist klar, dass es ziemlich wenig davon enthält. Zum Großteil sind Schmerz- und Streckmittel in dem weißen Stoff. „Da hätte er sein Geld besser anlegen können“, sagt Allemann spöttisch. Der Laborant der Berner Kantonsapotheke hat das Drogentesten in der Schweiz mitbegründet. 1997 schlugen seine Vorgesetzten vor, Drogentests auf Techno-Partys anzubieten. Sie hatten dies in Holland gesehen. Allemann wehrte das Verfahren der dort angewandten Schnelltests aber entschieden ab. „Sie sind nicht genau genug. Man muss wissen, wie viel von welchem Stoff in der Droge enthalten ist.“ Nur so könne man den Konsumenten wirklich qualifiziert über die Risiken aufklären. Also baute Allemann ein mobiles Laboratorium zusammen. Es besteht aus vier kleinen Regalen auf Rädern. In ihnen stehen weiße Boxen und Gläser, zum Teil sind sie mit Schläuchen versehen. In 45 Minuten ist alles aufgebaut.
1998 begannen die Berner mit den Tests auf Techno-Festivals und in Clubs. Drei Jahre später griffen die Züricher das Konzept auf und bauten es aus. „Mein Auftrag war, ein neues Konzept zur Drogenprävention in der Partyszene vorzulegen“, sagt Donald Ganci, der Leiter von Streetwork Zürich. „Das Problem war, dass wir einfach nichts über sie wussten.“ Mit dem Drogentesten in den Clubs hat sich dies geändert. Bei 400 anwesenden Leuten in einer Nacht fänden im Schnitt 15 bis 20 Analysen und mindestens doppelt so viele Gespräche statt. Das Interesse der Partygäste hat selbst Ganci und seine acht Mitarbeiter bei Streetwork überrascht. Etwa zehn Mal pro Jahr gehen die Streetworker mit ihrem Labor aus.
Nicht alle Züricher Clubs machen mit
Ganci sagt, die Konsumenten müssten nicht zu einer Beratungsstelle gehen, auch könnten sie anonym bleiben. „Für viele ist es das erste Mal, dass sie mit einer professionellen Beratung in Kontakt kommen. Und unter anderen Bedingungen würden die meisten sie wahrscheinlich nicht aufsuchen“, sagt der Sozialarbeiter. In den Drogentests könnten die Leute wohl einen unmittelbaren Nutzen für sich erkennen. Dass das obligatorische Gespräch dann den einen oder anderen zum Nachdenken anrege, sei der gewollte Effekt.
Als Ganci und seine Mitarbeiter 2001 die Idee des Drogentestens in Clubs hatten und mit der Stadt Zürich eine halbjährige Pilotphase vereinbarten, fanden sich für die festgeschriebenen sechs Tests kaum Clubs. Die Betreiber sagten nur: Bei uns werden keine illegale Drogen genommen. Schließlich ist der Konsum in der Schweiz nach wie vor eine Straftat. „Lange konnte man als Clubinhaber nicht sagen, was man über Drogen dachte. Dabei war klar, dass Substanzen bei einer Party unterwegs sind“, sagt Markus Kappeler, der Inhaber und Geschäftsführer von x-tra, dem größten Club in Zürich. Aber als man bei x-tra sah, dass die Behörden das Projekt unterstützen, stieg der Club 2002 als einer der ersten ein. „Das bedeutet ja nicht, dass man alles zulässt“, sagt Kappeler. „Ein vernünftiger Weg zwischen Repression und Prävention muss das Ziel sein.“ Ein Verbot allein habe noch nie viel gebracht.
Das sehen nicht alle so. Besonders konservative Politiker wenden sich gegen die Drogentests. Mit ihnen würden Drogen von staatlicher Seite verharmlost und bekämen einen legalen Anschein. Die Jugendberatung Streetwork und die Berner Kantonsapotheke sind schließlich öffentliche Einrichtungen. Auch machen nicht alle Züricher Clubs mit. Von den wichtigen seien es vier oder fünf, sagt Markus Kappeler.