23.11.2006 · In Europa wird nach wie vor Cannabis am häufigsten konsumiert. Kokain ist die zweithäufigste Droge geworden - und liegt somit vor Amphetaminen und Ecstasy. Dennoch ist die Überdosierung mit Opioiden wie Heroin eine der häufigsten Todesursachen.
Von Daniel DeckersDie europäischen Gesellschaften sehen sich nach Einschätzung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) einem „immer komplexeren Bild chronischer Drogenprobleme“ gegenüber. Die aus den achtziger und neunziger Jahren vertraute, um Heroin und intravenösen Drogengebrauch zentrierte Wahrnehmung des Themas Rauschgift müsse erheblich erweitert werden, schreibt die Behörde in ihrem jüngsten Jahresbericht.
Nach ihren Erhebungen scheint die Gruppe der Personen, die zur Zeit einen problematischen Umgang mit Rauschgift entwickelt, „zumindest hinsichtlich der konsumierten Substanzen heterogener zu sein als in der Vergangenheit“. Ursächlich für diese Entwicklung ist nach Angaben der EBDD das Aufkommen synthetischer Rauschgifte, die illegale Verwendung von Arzneimitteln, ein zunehmender Gebrauch von Kokain sowie die weite Verbreitung von Haschisch und Marihuana.
Überdosierung mit Opioiden häufige Todesursache
Die stärksten Belastungen für das Gesundheitswesen gehen nach wie vor von Heroingebrauchern aus, heißt es in dem Bericht der in Lissabon ansässigen Behörde, die sich auf ein Netz von „Knotenpunkten“ in allen 25 EU-Mitgliedstaaten, in Norwegen sowie den Beitrittskandidaten Bulgarien, Rumänien und der Türkei stützt. So würde in vielen Ländern eine wachsende und alternde Gruppe von Heroinpatienten betreut, die wahrscheinlich noch für viele Jahre im Therapiesystem verbleibe und beträchtliche Ressourcen in Anspruch nehme. Gleichzeitig seien Überdosierungen mit Opioiden eine der häufigsten Todesursachen junger Menschen in Europa, vor allem unter jungen Männern in städtischen Gebieten. Insgesamt, so die Behörde, trage der Gebrauch von Opioiden in einem Umfang von zehn bis 23 Prozent zu der „Gesamtmorbidität“ von Erwachsenen im Alter von 15 bis 49 Jahren bei.
Nicht mehr in der Mehrheit sind Heroingebraucher indes unter den Personen, die sich erstmals wegen Problemen mit Rauschgift in ambulante oder stationäre Behandlung begeben. Auf der Basis der nationalen Berichte für das Jahr 2004 hat die EBDD ermittelt, daß mittlerweile nur noch 42 Prozent der „neuen Patienten“ hauptsächlich wegen Heroingebrauchs Hilfe suchten. Nahezu jeder dritte neue Patient wandte sich vorrangig aufgrund von Problemen im Umgang mit Cannabis an eine Hilfseinrichtung. Auch der Anteil neuer Kokainpatienten ist mittlerweile deutlich höher als unter den Patienten, die sich seit längerem in Behandlung befinden.
Cannabis ist in Europa weit verbreitet
Auch dieses Bild ist unvollständig. Es läßt außer acht, so die EBDD, daß einzelne Rauschgiftgebraucher häufig mehrere sowohl illegale als auch legale Substanzen, allen voran Alkohol, benutzten. Dieser „polyvalente“ Gebrauch von mehr als zwei Drogen im selben Zeitraum ist offenbar weit verbreitet, auch wenn er das Gesundheitsrisiko stark erhöht. Eine genauere Erforschung dieses „problematischen Drogenkonsums“ steht in Europa indes ebenso noch aus wie die Schärfung des Bewußtseins für die besonderen Risiken, die damit einhergehen.
Von den einzelnen Rauschgiften vermittelt der Jahresbericht 2006 ein im großen und ganzen vertrautes Bild. Intravenöser Gebrauch von Heroin geht weiterhin mit der Verbreitung des HI-Virus und Hepatitis B und C einher, wenn auch dank Präventionsprogrammen wie der Bereitstellung sauberer Spritzbestecke in den meisten Ländern nicht mehr in dem Umfang wie in den neunziger Jahren. Die Behörde spricht daher von einem insgesamt „recht ermutigenden Bild“. Cannabis ist nach wie vor das Rauschgift, das in Europa mit Abstand am häufigsten gebraucht wird. Gestiegen, so die Behörde, ist der Gebrauch von Haschisch (Cannabisharz) und Marihuana (Cannabiskraut) seit Beginn der neunziger Jahre vor allem unter Jugendlichen und Schülern. „Extrem zugenommen“ hat der intensive Cannabisgebrauch: Täglich oder fast täglich wird Cannabis in Europa von etwa einem Prozent der erwachsenen Europäer geraucht.
2004 wurden 380.000 Cannabisabhängige behandelt
Die Auswirkungen dieses Phänomens auf die Gesellschaft und die Gesundheit der Bürger sind nach Angaben der Behörde noch kaum erforscht. Eindeutig belegt, wenn auch noch nicht hinreichend erklärt, ist ein Zusammenhang zwischen intensivem Cannabisgebrauch und psychischen Erkrankungen. Dieser Zusammenhang scheint sich auch in der Nachfrage nach professioneller Hilfe wegen Cannabisabhängigkeit niederzuschlagen. Insgesamt wurden im Jahr 2004 etwa 380.000 Personen in der EU wegen Problemen mit Cannabis behandelt - eine geringe Zahl angesichts der mindestens zehnmal so großen Gruppe Cannabisabhängiger.
Am zweithäufigsten nach Cannabis und damit häufiger als Amphetamine und Ecstasy wird nach Erhebungen der EBDD Kokain gebraucht. Signifikanter Kokainkonsum ist indes auf wenige Länder vornehmlich in Westeuropa beschränkt, scheint sich aber dort auf einem historischen Höchststand stabilisiert zu haben. Einen Anlaß zu Entwarnung sieht die Behörde darin nicht. Vielmehr sei das „übliche Muster“ zu erkennen, daß sich die Zunahme des Gebrauchs im Abstand einiger Jahre in der Zunahme drogenbedingter Probleme niederschlage. Als Beleg dieses Musters führt die Behörde den Umstand an, daß sich die Zahl der Personen, wie sich erstmals wegen Kokaingebrauchs in Behandlung begäben, zwischen 1999 und 2004 in Gesamteuropa annähernd verdoppelt habe. In Spanien und den Niederlanden spiele Kokain mittlerweile bei mehr als einem Viertel der Patienten eine Rolle.
Rauschgifte in der EU so billig wie nie
Anzeichen für eine über den relativen Bedeutungsverlust von Heroin hinausgehende Trendwende in der europäischen Rauschgiftszene sind dem Jahresbericht nicht zu entnehmen. Zwar lobte der Direktor der EBDD, Wolfgang Götz, die Regierungen für die „enormen Anstregungen“ zugunsten eines europaweit abgestimmten und vor allem ausgewogenen Vorgehens auf dem Feld der Rauschgiftpolitik. Nach seinen Worten ist es in Europa vielleicht mehr als irgendwo anders auf der Welt nicht bei Rhetorik geblieben. Doch zu Selbstzufriedenheit bestehe bei der Betrachung aller zur Verfügung stehenden Informationen kein Anlaß. Die EBDD hat auch errechnet, daß in den meisten Ländern der EU Rauschgifte noch nie so billig zu erwerben waren wie zur Zeit.
Sehr gut mit kleinen Schwächen
Steffen Pawelczack (Pawelczack)
- 23.11.2006, 21:44 Uhr
Haschischverblödung
Franz Wildner (Feluske)
- 24.11.2006, 12:27 Uhr
"Haschischverblödung"
Jan Thiele (multitroc)
- 30.11.2006, 20:22 Uhr
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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