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Dokumentarfilmerin Bettina Renner : Ein Sioux in Sachsen

Verklärtes Karlmaytum: Edward Two Two und ein Stammesbruder spielen für Hagenbeck Indianer Bild: Hagenbeck-Archiv

Was macht das Grab eines Häuptlings der Oglala auf einem Friedhof in Dresden? Die Antwort auf diese Frage führte die Dokumentarfilmerin Bettina Renner auf eine weite Reise.

          Nein, Karl May hat mit dieser Geschichte ausnahmsweise einmal nichts zu tun, obwohl sie ihren Ursprung vor gut 100 Jahren hat. Doch geht es hier um einen „echten“ Indianer: Sioux-Häuptling Edward Two Two lebte von 1851 bis 1914, so jedenfalls steht es auf seinem Grabstein mitten auf dem Neuen Katholischen Friedhof in Dresden und darunter in Lakota-Sprache die Inschrift „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“. Es ist ein schlichtes, in Sandstein eingefasstes und mit Grün überwuchertes Grab, in dem - mit Sondergenehmigung des Friedhofs - eine kleine amerikanische Flagge steckt.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auf diese wurde die Regisseurin Bettina Renner aufmerksam, als sie 2007 auf dem Friedhof einen Film drehte. Die Siebenunddreißigjährige, die in Dresden und Ohio Amerikanistik studiert und einst ihre Magisterarbeit über das Rollenbild der Indianer in indianischen Filmen schrieb, war elektrisiert. Die Frage, warum ein Indianer-Häuptling hier fernab der Heimat und Tradition seines Volks seine letzte Ruhe fand, hielt mehr Antworten bereit, als sie zunächst dachte.

          Die Suche führte sie fünf Jahre lang über Akten und Archive bis nach Amerika, ins Pine Ridge Reservat in Süd-Dakota, wo Nachfahren Edward Two Twos leben. Diese wussten, dass es der Wunsch ihres berühmten Urahns war, in Dresden begraben zu werden, aber einfach mal darüber reden wollten sie nicht. „Sie sagten: ‚Es ist unsere Geschichte, und wir entscheiden, wem wir sie erzählen‘“, berichtet Bettina Renner, die erst verdutzt war, aber heute dafür Verständnis hat. „Mir wurde dadurch erst bewusst, wie selbstverständlich wir Autoren uns oft an den Geschichten anderer bedienen.“

          Zeit des beginnenden Umbruchs

          Mit Bedenkzeit erwärmten sich Two Twos Nachfahren dann doch für die Idee. Gut sechs Wochen lang lebten Bettina Renner und ihr Team schließlich mit in einem Trailer im Reservat, und sie erfuhren dabei nicht nur Two Twos Geschichte, sondern auch, wie sehr das Leben der Indianer in Pine Ridge heute noch dem gleicht, zu dem weiße Siedler ihre Vorfahren, die Ureinwohner Nordamerikas, vor gut 100 Jahren zwangen: In eine vom Staat abhängige Existenz und einen ständigen Kampf um Land.

          Fernab der Heimat: Das Grab von „Häuptling“ Edward Two Two
          Fernab der Heimat: Das Grab von „Häuptling“ Edward Two Two : Bild: Hagenbeck-Archiv

          Edward Two Two wurde in der Zeit des beginnenden Umbruchs in der Prärie geboren. Er gehörte zu den Oglala, einem Stamm der Lakota Sioux, die in den Weiten des mittleren Westens zu Hause war. Die Männer, Krieger, beschützten und ernährten ihr Volk, das nicht sesshaft in Tipis und von Büffeln lebte. Der Zug der weißen Siedler nach Westen und erste Goldfunde aber schränkten das Stammesgebiet der Indianer so sehr ein, dass sie kämpften, unterlagen und verfolgt wurden. Diese Zeit prägte auch Two Two, dessen Familienname ursprünglich Nupalla lautete, was in der Sprache der Lakota soviel wie „Einer von zwei“ bedeutet, und den die Weißen bei der Registrierung, als sie die Indianer in Reservate zwangen, profan ins Englische übertrugen.

          Two Two, dem seine Vorfahren den Stolz als Krieger und Ernährer vermittelt hatten, versuchte das ihm verordnete sesshafte Leben anzunehmen; er wurde Soldat und diente in der Reservatspolizei, aber glücklich machte ihn das nicht. Einmal in der Woche, am „Ration Day“ ließ die Regierung Lebensmittel ausgeben, die Indianer mussten nun in Hütten statt Zelten leben und Englisch sprechen. Lakota, ihre Sprache, war verboten. Die Folgen der radikalen und rapiden Umstellung und Umerziehung ertränkten viele Sioux in Alkohol, der auch heute trotz oder gerade wegen des strikten Verbots durch die indianische Selbstverwaltung noch immer zu den Hauptproblemen im Reservat zählt. Wer alkoholisiert erwischt wird, muss für acht Stunden in Arrest; im vergangenen Jahr etwa traf das rund die Hälfte der knapp 30.000 Einwohner.

          Die Chance, der zu sein, der er war

          Two Two aber versuchte, seine Würde zu wahren, und das brachte ihm unverhofft eine Reise nach Europa ein. Im Gegensatz zu Amerika hatten jenseits des Atlantiks Ende des vorletzten Jahrhunderts idealisierte und romantische Vorstellungen vom freien und wilden indianischen Leben Konjunktur. Da jedoch die wenigsten selbst reisen konnten, brachten pfiffige Geschäftsleute kurzerhand auch Indianer nach Europa. Legendär waren die Völkerschauen des Hamburger Zoos Hagenbeck, der eines Tages auch einen Abgesandten nach Pine Ridge schickte, um Lakota Sioux für eine Schau zu requirieren. Das katastrophale Lager-Leben aber entsprach nicht seinem Bild vom Indianertum, nur wenige Bewohner kamen für ihn überhaupt in Frage, unter ihnen auch Two Two, der so mit Frau und Enkelin 1910 erstmals nach Deutschland gelangte, wo sie aus einem extra angelegten Fundus mit Indianerkleidung und Federschmuck ausgestattet wurden.

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