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Discountjuristerei Die Anwälte der Dumpingpreise

27.07.2004 ·  In Deutschland formieren sich preiswerte Rechtsanwaltsketten. In Fußgängerzonen, sogar in Kaufhäusern, wartet man auf Laufkundschaft. Alteingesessene Advokaten reagieren mißtrauisch.

Von Volker Hagemeister
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In dem Ladenlokal am Berliner Wittenbergplatz, nur ein paar Meter vom Kaufhaus des Westens entfernt, riecht es neu. Die Büromöbel sind noch unbenutzt, die Wände frisch in knalligem Hellgrün gestrichen. Werden hier Sportschuhe verkauft? Mobiltelefone? Nein, im Juni ist eine Rechtsanwaltskanzlei eingezogen. "JuraXX" steht auf dem Schild über dem Eingang. Das ist die Marke der Eugen Boss Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, die sich zu einer in Deutschland tätigen Rechtsanwaltskette entwickeln will.

Neun Filialen, vor allem im Ruhrgebiet, gibt es schon; weitere fünfzehn Eröffnungen sind für dieses Jahr geplant. "Wir mieten ebenerdige Ladenlokale in guten Lagen in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern, weil wir möglichst viel Laufkundschaft ansprechen wollen", sagt der Gründer, Rechtsanwalt Eugen Boss aus Dortmund. Dem Verbraucher will man die Schwellenangst nehmen: "Man kann nach dem Einkaufen mal eben schnell zum Rechtsanwalt gehen, wenn es ein juristisches Problem gibt." Im Schaufenster hängen die Pauschalpreise für die Erstberatung. Das soll Transparenz schaffen.

"Servicecenter Recht"

Ein ähnliches Konzept hat die Medienport AG aus Hamburg entwickelt, eine Gesellschaft, die hauptsächlich Internetdienstleistungen für freie Berufe anbietet. Sie will die Rechtsberatung in Kaufhäusern und Einkaufszentren etablieren: Möglichst billige Anwälte sollen das Massengeschäft abdecken. Dazu hat sie in Filialen von Karstadt und Kaufhof in mehreren deutschen Städten - darunter Berlin, Duisburg und Chemnitz - Räume gemietet, die sie als "Servicecenter Recht" ausstattet, vermarktet und an selbständige Rechtsanwälte weitervermietet.

Ein erster Versuch vor einem Jahr scheiterte, weil die damals als Anbieter auftretende "Müller-Dieckert-Rechtsanwaltsgesellschaft mbH" keine gültige Zulassung zur Rechtsberatung hatte, den Betrieb wegen einer von der Rechtsanwaltskammer Berlin erwirkten einstweiligen Verfügung einstellen mußte und schließlich zahlungsunfähig war. "Aber das Interesse der Kunden war groß, sonst würden wir es nicht noch einmal versuchen", sagt Ulrike Gramlich von der Medienport AG.

Mißtrauen der Etablierten

Im Berliner Karstadt am Hermannplatz hängen die neuen Werbeplakate schon an der Wand. Von Anfang August an sollen die Rechtsanwälte mit der Beratung beginnen. Auf bunten Plastikstühlen werden die Mandanten dann ihren Beratern gegenübersitzen, in einem offenen Raum, der an das Bürgerbüro einer Stadtverwaltung erinnert. Um der Verschwiegenheitspflicht zu genügen, soll noch eine Tür zur Trennung von Beratungs- und Einkaufsbereich eingebaut werden.

Kämpfen müssen Kaufhausanwälte und Ketten wie "JuraXX" vor allem gegen das Mißtrauen von Rechtsanwaltskammern und Anwaltskollegen. "Wir fürchten uns nicht vor Konkurrenz, aber es gibt Regeln für Anwälte, die nun einmal auch für alle neuen Konzepte gelten", sagt Wolfgang Gustavus, Vizepräsident der Berliner Rechtsanwaltskammer. Der Name "JuraXX" sei nach der Berufsordnung nicht zulässig. Außerdem sei die Zweigniederlassung nicht in das Handelsregister eingetragen. Daher soll der Berliner Filiale per einstweiliger Verfügung der Betrieb untersagt werden.

Grundsätzlich könne er sich auch einen Rechtsanwalt in einem Kaufhaus vorstellen, solange die Verschwiegenheitspflicht durch abgetrennte Räume gewahrt werde und der Anwalt jederzeit, auch außerhalb der Kaufhausöffnungszeiten, Zugang zu Mandantenakten habe. Aber es geht wohl um mehr: Jann Fiedler, ebenfalls Vizepräsident der Berliner Kammer, spricht von "dramatischem Verlust an Rechtsanwaltskultur". Denn wichtig seien, so Gustavus, Vertrauen und ein persönliches Verhältnis.

"Die Kammern erinnern mich ein wenig an die Gewerkschaften“

Umstritten sind auch die Pauschalpreise für die Erstberatung. Zwar dürfen Rechtsanwälte für die Erstberatung je nach Schwierigkeit des Falls zwischen einem Zehntel und einer vollen Gebühr verlangen, die vom Streitwert abhängig ist und höchstens 180 Euro beträgt. Sie können diesen Rahmen im Einzelfall sogar unterschreiten. "JuraXX" wirbt aber mit Pauschalpreisen je Fachgebiet und etwa zehn bis 50 Euro Erstberatungsgebühr im Arbeitsrecht. Das Essener Landgericht hielt das wettbewerbsrechtlich für unzulässig; das Bremer Landgericht kam zum gegenteiligen Schluß. Allerdings dürfen in zwei Jahren die Preise für das außergerichtliche Verfahren ohnehin frei ausgehandelt werden, und in allen anderen Fällen sind auch die neuen Kanzleien an die Gebührensätze gebunden.

"Die Kammern erinnern mich ein wenig an die Gewerkschaften: So wie die auch nur die Interessen der Arbeitsplatzbesitzer und nicht die der Arbeitslosen vertreten, vertritt die Kammer nur die alteingesessenen Kanzleien", sagt Rechtsanwalt Stefan von Zdunowski aus der Berliner Filiale von "JuraXX". Vier Jahre hat er als angestellter Anwalt in einer kleinen Kanzlei in Berlin-Tempelhof gearbeitet, doch Partner konnte er dort nicht werden. "Ich wollte selbständig sein, aber einfach ein Kanzleischild an die Tür zu machen und auf Kunden zu warten, funktioniert bei vielen Rechtsanwälten in Berlin nicht mehr."

Herumhüpfende Zebrafinken

Auch außerhalb von Filialen und Kaufhäusern entstehen daher neue Kanzleitypen. Die drei jungen Anwälte von "Die Rechtsberatung" haben in Berlin-Kreuzberg ein Ladenlokal neben Szenekneipen und Dönerbuden gemietet. Grauer Teppich, Sofas aus den Siebzigern, dazu zwei im Käfig herumhüpfende Zebrafinken - das ist das Wartezimmer. Anwalt Arnold Lehmann-Richter trägt Jeans und Pullover. Menschen aus dem sozial schwachen Kiez werden mit günstigen Erstberatungspreisen und einem angenehmen Ambiente angelockt. Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es die Kanzlei, und der Anteil der Laufkundschaft unter den Mandanten ist hoch. "Aber es ist noch zu früh zu sagen, ob man von diesem Konzept leben kann", sagt Lehmann-Richter, der wie seine Kollegen noch eine andere Arbeitsstelle hat.

Parallelen zum Einzelhandel?

Mehr als 126 000 Anwälte gibt es zur Zeit in Deutschland, und jährlich kommen etwa 6000 hinzu; vor zehn Jahren waren es noch insgesamt 70 000. Das Interesse an neuen Konzepten dürfte daher auch von Verzweiflung genährt werden. Die Anwälte gehen zudem immer noch ein hohes Risiko ein: Um etwa bei "JuraXX" Gesellschafter zu werden, muß ein Darlehen an die Gesellschaft in Höhe von 50 000 Euro geleistet werden, ist zu hören.

Eugen Boss von "JuraXX" sieht für die Zukunft der Rechtsanwälte Parallelen zum Einzelhandel: "Die Tante-Emma-Läden verschwinden, und das Geschäft wird in den großen Supermärkten und in spezialisierten Edelboutiquen gemacht." Letztlich werden wohl die Mandanten entscheiden, ob sie Rechtsberatung als normale Ware betrachten und wie eine Packung Tiefkühlpizza möglichst im Sonderangebot einkaufen wollen. Oder eben nicht: Im Geschäftshaus der Berliner "JuraXX"-Filiale gibt es oben eine weitere Kanzlei. Es ist ein Einzelanwalt, ganz traditionell mit Messingschild an der Tür.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2004, Nr. 173 / Seite 7
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