02.03.2002 · Die Puzzleteile fügen sich allmählich zu einem Bild zusammen: T-Rex war kein begnadeter Jäger.
Von Harald ZaunNoch vor über 100 Jahren, unmittelbar nach dem ersten Fund eines T-Rex, herrschte bei den Paläontologen Einigkeit darin, dass die Riesenechse das wohl monströseste irdische Raubtier aller Zeiten gewesen war. Doch im Jahr eins nach Jurassic-Park im Kino bedarf dieses Bild wohl einer gründlichen Revision. Der T-Rex war mit seinen 6.000 Kilogramm Lebendgewicht weder ein flinker Sprinter noch ein wendiger Jäger, geschweige denn ein guter Dauerläufer.
"Nein, der T-Rex konnte gar nicht jagen", behauptete unlängst der US-Dinoexperte Jack Horner aus Montana. "Er war ein Aasfresser, der sich von den übrig gebliebenen Beuteresten richtiger Jäger ernährte", so das überraschende Fazit des Forschers. Ein wichtiges Indiz hierfür seien die kleinen Vorderarme des Dinos, die im Kampf völlig untauglich gewesen wären. Wäre die Riesenechse etwa umgefallen, hätten die schmächtigen Arme den Sturz weder abbremsen noch abfangen können. Jeder Sturz hätte den Saurier in eine hilflose Situation manövriert.
Zu schlecht ausgebildet war nach Horner aber auch das Gehirn des Giganten. Ausgestattet mit einem kleinen Seh-, aber einem großen Geruchszentrum, konnte das Urviech zwar schlecht sehen, dafür aber außerordentlich gut riechen. Zur aktiven Beutejagd nicht fähig, musste T-Rex daher seinen guten Geruchssinn bemühen, um weit entlegenes Aas aufzuspüren. Außerdem waren, so Horner, die Hinterbeine des Sauriers auf keinen Fall für kürzere Sprints, sondern eher für lange Wanderungen geschaffen. Darauf weise der Oberschenkelknochen hin, der viel länger war als das Schienbein. Zweifüßige Sprinter haben dagegen lange Schienbeinknochen und kurze Oberschenkelknochen.
Beinmuskulatur zu schwach für Sprints
Diese Ergebnisse haben jetzt die beiden US-Biologen John R. Hutchinson von der University of California-Berkeley und Mariano Garcia von der Stanford University bestätigt. In der aktuellen Nature-Ausgabe berechnete das Forscherduo mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms, dass der furchterregende Tyrannosaurus Rex im Gegensatz zu seinen virtuellen Leinwand-Kollegen entschieden schwächer auf den Beinen gewesen war.
Für ihre Berechnungen berücksichtigen die Biologen zahlreiche Parameter, wie etwa die Position der Gliedmaßen, die Länge der Muskelfasern und die geschätzte Muskelmasse. Um die dabei gewonnenen Daten auf ihre Plausibilität zu prüfen, übertrugen die Wissenschafter die Ergebnisse auf zwei noch lebende Artverwandte der zweibeinigen Dinosaurier: auf Alligatoren und Hühner. Bei den Computersimulationen stellte sich heraus, dass Alligatoren, die bekanntermaßen nicht auf zwei Beinen laufen können, nur die Hälfte der benötigten Muskelmasse in ihren Beinen besitzen, während Hühner sogar die doppelte Masse der nötigen Muskeln dort aufweisen.
Aus dem Ergebnis des hochgerechneten Muskelvolumens der Hinterbeine des Tyrannosaurus glauben die Forscher nunmehr ableiten zu können, dass der Ur-Riese zwar gemächlich wandern, aber wohl kaum gazellenartig durch die Gegend laufen konnte. "Die Maximalgeschwindigkeit des Dinos wird zwischen 16 bis 40 Kilometer pro Stunde betragen haben", erläutert Hutchinson. Um die erforderlichen Kräfte für einen Sprint zu entwickeln, seien die Beinmuskeln des T-Rex einfach nicht groß genug gewesen.
Lauftempo: 29,2 Stundenkilometer
Die aktuelle Analyse bestätigt zugleich auch die Ende Januar ebenfalls im Nature veröffentlichte Studie britischer Paläontologen, die im Kalksteinbruch Ardley in Oxfordshire einen 163 Millionen Jahre alten versteinerten Dino-Trampelpfad entdeckten, auf dem eine bis zu 180 Meter lange Sammlung von Fußabdrücken von Theropoden zu sehen war, also aufrecht gehende fleischfressende Dinosaurier, wozu auch T-Rex zählte. Aus dem Verhältnis von Schrittlänge zur Hüfthöhe, die wiederum anhand der Fußlänge geschätzt wurde, errechneten die Forscher ein durchschnittliches Lauftempo von 29,2 Stundenkilometern.