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Diesel-Affäre : Vin Tesla und die Diesel-Dussel

Noch ohne Vin: Ein Tesla-Geschäft in Santa Monica, Kalifornien Bild: AFP

Mit dem geplanten Software-Update hat der Diesel nur eine Gnadenfrist erhalten. Sein Wandel zum Paria der Straße ist nicht zu stoppen. Wie es mit ihm weitergeht, zeigt ein Rückblick aus dem Jahr 2020.

          Sie liegen noch gar nicht so lang zurück, jene Tage im Spätsommer 2017, und doch scheint es schon ewig her. Vom „Dieselgipfel“ sprachen damals alle, und wie es nun mal so ist, wenn man auf einem Gipfel steht: Hinterher geht es unweigerlich bergab.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit einem „Software-Update“ wollte man einen Teil der Dieselbesitzer ruhigstellen, denn die alte Software hatte nicht überzeugend genug geschummelt. Viele, die ihren Diesel in die Werkstatt brachten, erlebten dann aber eine böse Überraschung. Wer seinen Audi A8 starten wollte, der musste künftig jedes Mal gut dreißig Minuten warten, bis das System hochgefahren war. Der VW Polo fuhr plötzlich nur noch im Kreis, und in den Autoradios sämtlicher Mercedes-Modelle ließ sich plötzlich einzig der Sender Hit Radio FFH einstellen, womit auch diese Fahrzeuge unbrauchbar geworden waren. Riefen die Kunden bei der IT-Notrufnummer an, die man ihnen ausgehändigt hatte, dann hieß es stets, die Kollegen machten Mittagspause. Egal, ob morgens, abends oder nachts.

          Noch härter traf es die Besitzer älterer Dieselmodelle, denen man allenfalls „Umstiegsprämien“ angeboten hatte – bei denen es sich in Wahrheit um Prämien für die Hersteller handelte, welche die Chance bekamen, teure Neuwagen zu verkaufen, zu einem minimal reduzierten Preis. Wer sich darauf einließ, sah sich rasch als „Diesel-Dussel“ gebrandmarkt. Die Forderung nach einer Nachrüstung älterer Modelle saßen die Konzerne aus. Nur wenige Fahrzeughalter ließen sich auf das einzige Angebot ein, in ihrem Diesel den Motor ausbauen und durch Tretlager, Kette und Pedale ersetzen zu lassen.

          Auf den rasanten Niedergang des Diesels reagierte auch die Kulturindustrie. 2018 kam der neueste Teil der „The Fast and the Furious“-Reihe ins Kino, nun unter dem Titel „The not so Fast anymore and the Furious“: Wütend waren sie noch immer, aber nicht mehr ganz so schnell. Die legendären Verfolgungsjagden zumindest waren nun deutlich verkürzt und endeten an der nächsten Steckdose, wo die Helden die E-Autos, auf die sie umgestiegen waren, aufladen mussten. Wenigstens auf den vertrauten Anblick sich überschlagender und in einem Feuerball aufgehender Wagen musste der Zuschauer nicht verzichten, dank der Explosivität einiger der Akkus. Kritisiert indes wurde der Hauptdarsteller Vin Diesel wegen seiner vermeintlich populistischen Entscheidung, seinen Künstlernamen in Vin Tesla zu ändern.

          Zu einem sensationellen Kino-Comeback kam es im gleichen Jahr in Deutschland: Mike Krüger und Thomas Gottschalk, die „Supernasen“ aus den Achtzigern, kehrten als „Die Dieselnasen“ auf die Leinwand zurück. Darin spielten sie Mike und Tommy, zwei Kontrolleure des Umweltbundesamtes, die aufgrund ihrer markanten Riechorgane im Umkreis von zwanzig Kilometern wittern konnten, wenn verbotenerweise ein Diesel unterwegs war. Nachdem sich Tommy indes in eine Truckerin verliebte (Christine Neubauer als kernige „Diesel-Liesel“), wechselten beide die Seiten und waren im Fortsetzungsfilm „Zwei Nasen tanken Diesel“ (2019) auf der Flucht vor den alten Kollegen. Für Irritationen sorgte die Schlussszene, in der sich das Duo in seinem alten Diesel („Es hat ja alles keinen Sinn mehr“) wie weiland Thelma & Louise in einen Abgrund stürzte.

          "Ich hab dich mit meiner Stickoxid-Schleuder getroffen!“

          Auch die Kleinsten bekamen mit, was vor sich ging. Die Kinder kreuzten nicht mehr die Laserschwerter, sondern wählten neue Waffen: „Da, ich hab dich mit meiner Stickoxid-Schleuder getroffen!“ – „Gar nicht, ich hab ’nen Partikelfilter.“ Die Kinder, die abseits saßen und nur zuschauen durften, waren im Spiel nicht etwa tot, sondern Vierer-Diesel; sie hatten Fahrverbot. Auch die Auto-Quartette wandelten sich, statt Drehzahl und PS zählte nun zum Beispiel der NOx-Ausstoß, und da waren Elektroroller und Bobby-Car jedem Maserati und Porsche überlegen.

          Der Marktwert der Diesel-Autos sank unaufhaltsam. Nachdem neue Werbeaktionen („In jedem siebten Ei ein Diesel-Schlüssel mit dabei“) erfolglos blieben, wichen die Hersteller auf andere Geschäftsfelder aus; Mercedes etwa hatte einen Achtungserfolg mit hübschen Häkeldeckchen. Verzweifelte Diesel-Fahrer gingen dazu über, kleine laminierte Kärtchen an den Fensterscheiben dubioser Gebrauchtwagenhändler zu befestigen, auf denen sie um den Abkauf ihres Fahrzeugs baten, doch anderntags fanden sich diese Zettel stets nur achtlos auf dem Boden verstreut: Die Händler waren zwar dubios, aber eben nicht doof.

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          So begannen mehr und mehr herrenlose Diesel das Stadtbild zu prägen, oft ausgeschlachtet bis auf den Motor, von Blattwerk überwuchert. Jugendliche entdeckten eine neue Mutprobe für sich: Statt sich wie früher illegale Straßenrennen zu liefern, setzten sie sich ans Steuer eines der ausrangierten Diesel und wagten sich trotz Fahrverbots in die Innenstadt.

          Anfang 2020 bildeten ein paar wenige Dieselfreunde eine militante Gruppierung namens DISIS, zogen sich ins Hinterland des Kaukasus zurück und kurvten in ihren geächteten Vehikeln über die Hügel. Nachdem die Vereinten Nationen den ganzen Kaukasus kurzerhand zur Umweltzone erklärten, war auch da Ruhe.

          Und dann, gänzlich unerwartet, fand sich doch noch ein Abnehmer für die längst zum Gefahrgut erklärten Diesel. Kein Geringerer als Donald Trump wandte sich an die letzten deutschen Dieselbesitzer („Let’s make a Deal!“) und kaufte die Wagen zum Stückpreis von einem amerikanischen Cent. Mit der Drohung, sämtliche Diesel über dem Land abzuwerfen, zwang er im Sommer 2020 Nordkorea in die Knie.

          Quelle: F.A.S.

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