22.02.2012 · Nicht einmal in den europäischen Museen sind Nashörner noch sicher: Räuber griffen im Offenburger Stadtmuseum zu. Auf dem Schwarzmarkt könnten die Täter 50.000 Euro mit dem Diebesgut machen.
Von Rüdiger SoldtDie vier Täter brachten einen Vorschlaghammer mit. Zwei lenkten die Museumsmitarbeiterin im Offenburger Stadtmuseum ab. "Wo ist denn das Museum Frieder Burda", fragten sie die Frau am Empfang höflich und beflissen. Draußen vor dem Rathaus feierten die Offenburger Fasnet. Während der Museumsmitarbeiterin der Überwachungsmonitor aus dem Blick geriet, waren zwei weitere Täter im dritten Stock des im späten 18. Jahrhundert gebauten Hauses, einst Sitz des mediatisierten Adels, schon dabei, ein Rhinozeros-Kopfpräparat abzuhängen. Das Präparat wiegt 80 Kilogramm, und es hing vier Meter hoch.
"Die Täter waren sehr dreist", sagt Wolfgang Gall, der Leiter des Museums. "Sie schleppten das Präparat in den Nebenraum, wo es eine Ausstellung zur alten Stadtgeschichte gibt, und schlugen die Nashörner ab. Zum Glück war die Mitarbeiterin im dritten Stock gerade auf der Toilette." Vermutlich hätten die Täter das Kopfpräparat in einen Jacke gewickelt, um möglichst wenig Lärm zu machen. Das zerstörten Präparat ließen sie im Museum zurück.
Auf dem Schwarzmarkt lässt sich Nashorn zu astronomischen Preisen verkaufen. Allein mit dem Offenburger Diebesgut kann die in ganz Europa agierende Bande mindestens 50.000 Euro einnehmen. Europol gibt die Preise für Nashörner, je nach Größe, mit 25.000 bis 200.000 Euro an. Nashornpulver wird in der "Traditionellen Chinesischen Medizin" als Mittel gegen Fieber, Malaria und auch Vergiftungen empfohlen. In einigen Ländern ist es auch als Potenzmittel gefragt.
Vergleichbare Nashorn-Diebstähle hat es in Bamberg, Hamburg und vielen europäischen Nachbarstaaten gegeben, zum Beispiel in Frankreich, Portugal oder auch Schweden. Alle deutschen Museumsdirektoren waren gewarnt. Fast alle großen Naturkundemuseen haben ihre Original-Exponate aus Furcht vor der "Nashorn-Mafia" mittlerweile in die Magazine geschafft und in den Ausstellungsräumen durch Repliken ersetzt. Auch Wolfgang Gall war gewarnt. "Wir wurden 2011 informiert. Wir haben uns aber entschieden, die Exponate in dem gut besuchten Ausstellungsraum hängen zu lassen", sagt Gall.
Eine spezielle Alarmanlage oder einen Infrarotmelder ließ der Museumsleiter nicht installieren. Wegen der Fasnets-Feier waren am Samstagmittag kaum Besucher im Museum - ideale Bedingungen für Diebe. "Die Täter sind ganz normal zur Tür raus", sagt ein Beamter der Offenburger Polizei. "Als es bemerkt wurde, war es zu spät." In der belebten Innenstadt der badischen Stadt in der Ortenau wäre wahrscheinlich auch eine Verfolgung zwecklos gewesen.
Obwohl die Diebstähle seit mehr als einem Jahr gehäuft vorkommen, gibt es nach Auskunft des Bundeskriminalamtes bislang noch keine länderübergreifende Ermittlungsgruppe oder gar eine entsprechende Sonderkommission.
Johanna Eder, Leiterin des Stuttgarter Naturkundemuseums und Vorsitzende des Dachverbandes der deutschen Naturkundemuseen, sagt, sie habe seit einiger Zeit überall die "Buschtrommeln gerührt", um vor der Nashorn-Mafia zu warnen. "In den großen Museen sind die Nashörner nicht mehr in den Ausstellungen. Gefährdet sind jetzt die vielen kleinen Museen, die kleinen Schlösser, die Jagdvillen, alle Häuser mit kleineren Sammlungen." Mittlerweile werde alles geraubt, was aus Nashorn gefertigt sei, auch Kunstgegenstände.
Das Offenburger Rhinozeros-Kopfpräparat stammt aus der Jagdtrophäensammlung Cron, zu der etwa 80 Objekte gehören. Zumeist sind es Großwildpräparate des Ehepaares Hermann und Gretchen Cron. Die Hamburger Reederstochter hatte mit ihrem Mann in der Zwischenkriegszeit Safaris in Afrika, Indien und Indochina unternommen. In Offenburg hatten die Sammler die Trophäen in ihrem Jagdhaus im Stadtwald ausgestellt. "Der Anblick des gefällten Riesen, der uns noch vor wenigen Augenblicken in seiner majestätischen Kraft überragt hatte, erfüllte mich mit Bedauern, das mich zeitweilig den Stolz über Hermanns ausgezeichneten Schuss vergessen ließ", schrieb Gretchen Cron über eine der Großwildjagden. Die Sammlung passt gut zum Schwerpunkt des Museums, der Kolonialgeschiche.
Die Polizei fahndet nun nach vier Tätern. Die Frau und der Mann, die das Museumspersonal ablenkten, sollen 28 oder 30 Jahre alt gewesen sein. Er soll eine graue Schildkappe getragen haben, sie eine Jeans und einen rosafarbenen Blazer. Der dritte Täter könnte afrikanischer Abstammung gewesen sein, der vierte Täter war möglicherweise französischer Herkunft. Museumsleiter Wolfgang Gall will nun schnell an einer neuen Sicherheitskonzeption arbeiten. "Eigentlich hätte ich jetzt lieber die Rolling Stones gehört - wir bereiten gerade eine Ausstellung über lokale Bands in Offenburg in den Sechzigern und Siebzigern vor." Und nun gibt es noch ganz andere Misstöne in der Ortenau.
In asiatischen Ländern wie China und Vietnam gibt es eine Reihe von Tierprodukten, die als Mittel zur Steigerung der männlichen Potenz eingesetzt werden. So gilt das Horn des Rhinozeros - neben Tigerhoden und Ochsenpenis - als potenzfördernd. Fachleute streiten sich allerdings darüber, ob es in der langen Geschichte der chinesischen Heilkunde wirklich einen verbürgten Einsatz von Nashorn-Pulver als Aphrodisiakum gab. Sicher ist, dass in der traditionellen chinesischen Medizin Nashorn-Pulver als fiebersenkendes und schmerzstillendes Mittel eingesetzt wurde.
Die Nachfrage dürfte in letzter Zeit noch zugenommen haben, als sich die Nachricht verbreitete, Nashorn könne auch als Mittel gegen Krebs verwendet werden. Die medizinische Wirksamkeit von Nashorn ist umstritten. Es besteht vorwiegend aus Keratin, dem gleichen Material wie Fingernägel und Haare. Demnach müsste das Kauen von Fingernägeln die gleiche Wirkung haben. Tierschützer haben seit der Erfindung von Viagra ihre Hoffnung darauf gesetzt, dass das preiswerte synthetische Mittel bald den teuren tierischen Produkten den Rang ablaufen würde. Doch bislang hat auch Viagra die Nachfrage nach „natürlichen“ Potenzmitteln nicht mindern können.
Ein Kilogramm Nashorn kann auf dem Schwarzmarkt den Preis von 57 000 Dollar erzielen. Immer wieder wird berichtet, dass chinesische Banden in Afrika Nashörner wildern. In China gibt es keine wild lebenden Nashörner. Das Java-Nashorn, das früher auch in Südchina vorkam, ist dort inzwischen ausgerottet. (P.K.)
Unwahrscheinlicher Tathergang....
Michael Meier (never1)
- 23.02.2012, 09:51 Uhr