Home
http://www.faz.net/-gum-yf8j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Die Rückkehr des Sexismus Frauenquälen für die ganze Familie

Sexismus, so glaubte man, ist heute kein Problem mehr. Doch das ist ein Irrtum. Der Unterschied zu früher: Viele Frauen machen bereitwillig mit.

© dpa Antreten zur Demütigung: Casting zur 5. Staffel von „Germany's next Topmodel”

„Ich möchte es tun“, sagt Lauren, „damit meine Mama stolz auf mich ist.“ Lauren trägt ein bauchfreies gelbes T-Shirt und rote Hotpants. Sie ist eine von etwa einem Dutzend junger Frauen, die an diesem Abend im Londoner Mayhem-Nachtclub bei einem Talentwettbewerb mitmachen möchten - und zwar bei der „Babes on the Bed“- Show. Der Reihe nach begeben sie sich auf das auf der Bühne plazierte Bett, wo sie sich lasziv räkeln und ihre Körper verrenken. Im Blitzlicht der Handy-Kameras und unter dem Gejohle des aufgeheizten, angetrunkenen Publikums folgen sie den Kommandos der Moderatorin, sich von der ohnehin spärlichen Kleidung zu trennen. Lauren wird den Wettbewerb nicht gewinnen und daher auf den Preis verzichten müssen: ein freizügiges Fotoshooting für das Männermagazin „Nuts“. Ob ihre Mutter trotzdem stolz auf sie ist?

Jörg Thomann Folgen:

Die sechs jungen Damen, die sich ein Loft in Köln-Ehrenfeld teilen, werden ebenfalls von Kameras beobachtet, sind aber - noch - voll bekleidet. „Trauriger Abschied von Larissa“, sagt eine Männerstimme, „sie hat sich entschlossen, ihr Abitur zu machen, und verlässt die Wohngemeinschaft.“ Die verbleibenden Bewohnerinnen der „Model-WG“ des Privatsenders Pro Sieben hingegen dürfen weiter von der großen Karriere träumen. Vor den Augen der Fernsehzuschauer putzen sie die Wohnung und warten auf die Nachricht, wer von ihnen diesmal für die Fotosession ausgewählt wird, bei der viel Kristallschmuck und noch mehr nackte Haut präsentiert wird. Denise darf wieder nicht mitmachen. Dabei könnte gerade sie, schimpft Mitbewohnerin Tessa, „so viel aus sich machen“, etwa mehr Make-up auftragen. Das Bild Larissas, der angehenden Abiturientin, wird derweil von der Wand abgehängt.

Achtzehnjährige steckten ihr Erspartes in eine Brust-OP

„Sexismus ist ein altmodischer Begriff geworden“, hat vor kurzem die „taz“ geschrieben: „Er riecht streng.“ Als die britische Journalistin und Feministin Natasha Walter ihrem Verleger mitteilte, welchen Untertitel sie sich für ihr neues Buch wünsche, fragte dieser besorgt, ob das nicht ziemlich altmodisch wirke - „Die Rückkehr des Sexismus“. Den hat die Frauenbewegung doch längst niedergerungen, glauben viele. Auch Natasha Walter hat es geglaubt, als sie vor zwölf Jahren ihre optimistische Bestandsaufnahme „The New Feminism“ veröffentlichte. Die jungen, selbstbewussten Frauen, so ihre Beobachtung, wollten sich von niemandem, also auch nicht von anderen Frauen, mehr vorschreiben lassen, wie sie sich zu kleiden und wie sie zu leben hätten; statt auf den privaten Bereich sollte sich der Feminismus daher besser auf konkrete Verbesserungen in Politik, in der Gesetzgebung und in der Arbeitswelt konzentrieren. Heute ist Walter nicht mehr so zuversichtlich. „Ich habe mich, zumindest teilweise, geirrt“, sagt sie im Gespräch. Den Untertitel ihres neuen Buchs, das jetzt in Großbritannien erschienen ist, hat sie gegenüber dem Verlag durchgesetzt.

Als großen Erfolg kann der Feminismus für sich verbuchen, dass das weibliche Keuschheitsgebot gefallen ist, dass Frauen ihre Sexualität nicht mehr verleugnen müssen. Heute kann man sich von all der unverleugneten Sexualität um uns herum regelrecht erschlagen fühlen: In etlichen Sendern und Magazinen entblößen junge Frauen ganz selbstbestimmt ihren Busen. In Amerika sorgt die blutjunge Sasha Grey für Furore, die von ihrem befreienden und lustvollen Dasein als Pornodarstellerin erzählt. Poledancing, der in Striptease-Schuppen geborene Stangentanz, gilt nun als Lifestyle-Sport für Geschäftsfrauen wie für Popstars. „Jede Nacht kommen hier Mädchen rein, die nur Unterwäsche tragen“, erzählt der Besitzer des Nachtclubs, in dem Natasha Walter die eingangs beschriebene „Babes“-Wahl erlebt hat; Achtzehnjährige steckten ihr Erspartes nicht mehr in ein Auto, sondern in eine Brust-OP. Die Pornographie hat sich im Mainstream eingenistet und lockt im Internet auch die Jüngsten rund um die Uhr. Die „Hypersexualisierung“ der Gesellschaft sei als Zeichen der weiblichen Emanzipation und Macht verstanden worden, sagt Walter. Tatsächlich aber sei sie nicht nur verwurzelt in fortschreitender Ungleichheit, sondern produziere noch mehr Ungleichheit.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Germany’s Next Topmodel Bei Anruf Bombendrohung

Auf der Suche nach der Urheberin der Bombendrohung gegen die Show Germany’s Next Topmodel scheint die Polizei voranzukommen. Zumindest ist jetzt bekannt, woher der Anruf kam. Mehr

16.07.2015, 21:21 Uhr | Feuilleton
Mannheim Topmodel-Finale nach Bombendrohung abgebrochen

Nach einer Bombendrohung ist das live übertragende Finale von Germany’s Next Topmodel am Donnerstagabend abgebrochen worden. Sprengstoffverdächtiges Material konnten die Beamten jedoch nicht finden. Mehr

15.05.2015, 11:12 Uhr | Gesellschaft
Aufklärungsunterricht Neunzig Minuten sexuelle Vielfalt

Ein schwuler Biologielehrer redet im Aufklärungsunterricht an einer Potsdamer Gesamtschule über Normalität, Homosexualität und Identität. Nicht allen gefällt so ein offener Umgang mit Sexualität. Mehr Von Katrin Hummel

21.07.2015, 07:28 Uhr | Gesellschaft
It’s a girl William und Kate präsentieren ihre Tochter

Prinz William und seine Frau Kate haben in London ihre neugeborene Tochter präsentiert. Kate hielt die kleine Prinzessin, deren Namen noch nicht bekannt ist, in ihren Armen. Wenig später fuhr die junge Familie in einem schwarzen Geländewagen zu ihrer Residenz, dem Kensington-Palast. Mehr

03.05.2015, 12:50 Uhr | Gesellschaft
Youtuberin Marie Lopez Zwanzig Jahre und ein bisschen weise

Mit beunruhigend vernünftigen Ratschlägen stürmt die Youtuberin Marie Lopez die französische Bestsellerliste. Wer ist diese junge Dame? Mehr Von Annabelle Hirsch

14.07.2015, 17:58 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 08.02.2010, 10:04 Uhr

Stress mit der Polizei Snoop Dog will nie wieder nach Schweden

Der Rapper Snoop Dog zieht Konsequenzen aus einer vorübergehenden Festnahme, Kanzlerin Angela Merkel hat doch keine Probleme mit dem Kreislauf, und Surfer Mick Fanning lässt sich von einer Hai-Attacke nicht den Spaß verderben – der Smalltalk. Mehr 17



Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden