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Die Rückkehr des Sexismus Frauenquälen für die ganze Familie

 ·  Sexismus, so glaubte man, ist heute kein Problem mehr. Doch das ist ein Irrtum. Der Unterschied zu früher: Viele Frauen machen bereitwillig mit.

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„Ich möchte es tun“, sagt Lauren, „damit meine Mama stolz auf mich ist.“ Lauren trägt ein bauchfreies gelbes T-Shirt und rote Hotpants. Sie ist eine von etwa einem Dutzend junger Frauen, die an diesem Abend im Londoner Mayhem-Nachtclub bei einem Talentwettbewerb mitmachen möchten - und zwar bei der „Babes on the Bed“- Show. Der Reihe nach begeben sie sich auf das auf der Bühne plazierte Bett, wo sie sich lasziv räkeln und ihre Körper verrenken. Im Blitzlicht der Handy-Kameras und unter dem Gejohle des aufgeheizten, angetrunkenen Publikums folgen sie den Kommandos der Moderatorin, sich von der ohnehin spärlichen Kleidung zu trennen. Lauren wird den Wettbewerb nicht gewinnen und daher auf den Preis verzichten müssen: ein freizügiges Fotoshooting für das Männermagazin „Nuts“. Ob ihre Mutter trotzdem stolz auf sie ist?

Die sechs jungen Damen, die sich ein Loft in Köln-Ehrenfeld teilen, werden ebenfalls von Kameras beobachtet, sind aber - noch - voll bekleidet. „Trauriger Abschied von Larissa“, sagt eine Männerstimme, „sie hat sich entschlossen, ihr Abitur zu machen, und verlässt die Wohngemeinschaft.“ Die verbleibenden Bewohnerinnen der „Model-WG“ des Privatsenders Pro Sieben hingegen dürfen weiter von der großen Karriere träumen. Vor den Augen der Fernsehzuschauer putzen sie die Wohnung und warten auf die Nachricht, wer von ihnen diesmal für die Fotosession ausgewählt wird, bei der viel Kristallschmuck und noch mehr nackte Haut präsentiert wird. Denise darf wieder nicht mitmachen. Dabei könnte gerade sie, schimpft Mitbewohnerin Tessa, „so viel aus sich machen“, etwa mehr Make-up auftragen. Das Bild Larissas, der angehenden Abiturientin, wird derweil von der Wand abgehängt.

Achtzehnjährige steckten ihr Erspartes in eine Brust-OP

„Sexismus ist ein altmodischer Begriff geworden“, hat vor kurzem die „taz“ geschrieben: „Er riecht streng.“ Als die britische Journalistin und Feministin Natasha Walter ihrem Verleger mitteilte, welchen Untertitel sie sich für ihr neues Buch wünsche, fragte dieser besorgt, ob das nicht ziemlich altmodisch wirke - „Die Rückkehr des Sexismus“. Den hat die Frauenbewegung doch längst niedergerungen, glauben viele. Auch Natasha Walter hat es geglaubt, als sie vor zwölf Jahren ihre optimistische Bestandsaufnahme „The New Feminism“ veröffentlichte. Die jungen, selbstbewussten Frauen, so ihre Beobachtung, wollten sich von niemandem, also auch nicht von anderen Frauen, mehr vorschreiben lassen, wie sie sich zu kleiden und wie sie zu leben hätten; statt auf den privaten Bereich sollte sich der Feminismus daher besser auf konkrete Verbesserungen in Politik, in der Gesetzgebung und in der Arbeitswelt konzentrieren. Heute ist Walter nicht mehr so zuversichtlich. „Ich habe mich, zumindest teilweise, geirrt“, sagt sie im Gespräch. Den Untertitel ihres neuen Buchs, das jetzt in Großbritannien erschienen ist, hat sie gegenüber dem Verlag durchgesetzt.

Als großen Erfolg kann der Feminismus für sich verbuchen, dass das weibliche Keuschheitsgebot gefallen ist, dass Frauen ihre Sexualität nicht mehr verleugnen müssen. Heute kann man sich von all der unverleugneten Sexualität um uns herum regelrecht erschlagen fühlen: In etlichen Sendern und Magazinen entblößen junge Frauen ganz selbstbestimmt ihren Busen. In Amerika sorgt die blutjunge Sasha Grey für Furore, die von ihrem befreienden und lustvollen Dasein als Pornodarstellerin erzählt. Poledancing, der in Striptease-Schuppen geborene Stangentanz, gilt nun als Lifestyle-Sport für Geschäftsfrauen wie für Popstars. „Jede Nacht kommen hier Mädchen rein, die nur Unterwäsche tragen“, erzählt der Besitzer des Nachtclubs, in dem Natasha Walter die eingangs beschriebene „Babes“-Wahl erlebt hat; Achtzehnjährige steckten ihr Erspartes nicht mehr in ein Auto, sondern in eine Brust-OP. Die Pornographie hat sich im Mainstream eingenistet und lockt im Internet auch die Jüngsten rund um die Uhr. Die „Hypersexualisierung“ der Gesellschaft sei als Zeichen der weiblichen Emanzipation und Macht verstanden worden, sagt Walter. Tatsächlich aber sei sie nicht nur verwurzelt in fortschreitender Ungleichheit, sondern produziere noch mehr Ungleichheit.

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