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Die Regie der Spiele Alles sehen, alles verstehen, alles bejubeln

 ·  Nicht nur die ausgelassene Eröffnungsfeier und die Schlusszeremonie am Sonntag unterliegen einer strikten Regie. Auch für die Wettbewerbstage der Olympischen Spiele gibt es ein verbindliches Drehbuch. In der Hand halten es zwei Deutsche.

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© Reuters Britischer Stolz: Im Olympiastadion von London herrscht eine besondere Stimmung

Die Atmosphäre im Olympiastadion von London ist überwältigend. Wie eine Wand türmen sich die Tribünen mit 82.000 Zuschauern um das Oval mit der roten Laufbahn. Das Herzstück der Sommerspiele 2012 ist nur ein temporäres Bauwerk - aber der „Roar“ von beeindruckender Solidität. „So eine Lautstärke habe ich noch nie erlebt“, staunt der Weitspringer Sebastian Bayer. „Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich mit Oropax angetreten.“

Olympiasieger Robert Harting machte der Jubel gar Schwierigkeiten, seinen Diskus auf eine meisterliche Flugbahn zu bringen: „Wenn du so ein Publikum nicht hinter dir hast, kriegst du Schwierigkeiten.“ Und als Mo Farah nach seinem Beitrag zum Super-Saturday der britischen Leichtathleten, dem Olympiasieg über 10.000 Meter, seine Tochter auf die Ehrenrunde mitnehmen wollte, weigerte sich das Kind: „Der Lärm machte ihr Angst“, verriet Farah. „Ich hatte so einen Enthusiasmus auch noch nie erlebt.“

Harting gewann das Publikum mit seinem Hürdensprint. Damit gelang ihm eine der wenigen Improvisationen und Zeitverzögerungen im straffen Programm der Olympischen Spiele. Nicht nur die ausgelassene Eröffnungsfeier und die Schlusszeremonie am Sonntag unterliegen einer strikten Regie. Auch für die Wettbewerbstage gibt es ein verbindliches Drehbuch. Es sorgt dafür, dass die Zuschauer alles sehen, alles verstehen und alles bejubeln können. In der Hand halten es zwei Deutsche.

„Keinen Moment verloren gehen lassen“

„Wir versuchen, keinen Moment verloren gehen zu lassen“, sagt Florian Weber aus München, der gemeinsam mit dem Kölner Arnd Heiken die Position des „producer one“ einnimmt. Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen. Sie geben die Einsätze zu allem, was in dem weiten Rund passiert. „Wir sind diejenigen, die am Ende die Entscheidungen treffen“, sagt Weber. „Aber wir sind nicht die Wichtigsten. Wenn auch nur ein Rädchen hakt, läuft das ganze Uhrwerk nicht.“

Die Regie hat ihr Pult an einem großen Fenster mit Blick in die Arena. Vor ihnen liegt das Ziel. Besser positioniert ist nur - einige Meter weiter links - die Königliche Loge, die es selbstverständlich auch in einem Londoner Stadion von heute geben muss. Über die Tribünenseite auf der Gegengeraden ragt der schräge Olympiaturm, der nicht nach seinen Gestaltern Anish Kapoor und Cecil Balmond, sondern nach seinem Finanzier Lakshmi Mittal, dem reichsten Mann Großbritanniens, benannt ist. In eine Ecke rechts unten ist das Olympische Feuer abgeschoben. Die Flamme wird auf riesigen Bildschirmen auf dem Stadionrand gezeigt, als liefe eine DVD mit Aufnahmen vom Kaminfeuer. „Das ist live“, sagt Weber. „Das können sie an den Zuschauern im Hintergrund erkennen. Wir haben eine eigene Kamera auf die Olympische Flamme gerichtet.“

Stadion-Atmosphäre plus Wohnzimmer-Komfort

Rechts von Heiken sitzen die beiden Stadionsprecher, auch draußen deutlich zu unterscheiden an ihrem Akzent. Garry Hall, der Kanadier im Hawaii-Hemd, spricht mit einem breiten nordamerikanischen Akzent. Es sind seine elften Olympischen Spiele, er ist die Stimme von sieben Weltmeisterschaften. Geoff Wightman ist unverkennbar Londoner. Er hat bisher den London-Marathon und das Sportfest in Crystal Palace kommentiert. Beide verfolgen die Wettbewerbe mit Ferngläsern und auf großen Flachbildschirmen. Was sie zu sehen bekommen, wird den Zuschauern draußen nicht vorenthalten: Zusätzlich zu den Zahlen und Namen, zu Startaufstellungen und Ergebnissen gibt es auf brillant klaren großen Bildschirmen die Wiederholung der wichtigsten Szenen, des Zieleinlaufs, des Jubels. Das Sportpublikum erwartet, dass es zusätzlich zur einmaligen Stimmung des Stadions den Komfort des Wohnzimmers bekommt: alles, was das Fernsehen zu bieten hat.

Konsequenterweise gehört eine eigene Fernsehproduktion zur Produktion, mit MAZ, Schnitt und Zeitlupe. Auch sie hat - wie die sportliche Leitung der Wettkämpfe, die Kampfrichter, welche die Athleten hereinrufen oder hinausführen lassen, die Zeitnehmer mit ihren Uhren und Computern - ihren Sitz in diesem dicht gefüllten Raum. Hinter einem schwarzen Vorhang ist ihr Studio eingerichtet. Die Zuschauer, die frühzeitig ihre Sitze einnehmen sollen, bekommen eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Wettbewerbe eine live produzierte eigene Fernsehsendung zu sehen, mit Studiogästen und Filmeinspielungen. Auch während der Wettkämpfe sind sie stets auf Ballhöhe.

Ein Geburtstagsständchen für Usain Bolt

Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im Olympiastadion von Berlin vor drei Jahren hatte Florian Weber seinen Platz noch am Mikrofon. Er, der als Berufsbezeichnung Sportmoderator angibt und hauptberuflich bei einer Social-Media-Agentur beschäftigt ist, war derjenige, der damals 60.000 Zuschauer dazu brachte, für Usain Bolt „Happy Birthday“ zu singen. Ob diese Einzelleistung oder der Gesamteindruck der neuntägigen Veranstaltung, bei der Arnd Heiken, ein Fernsehproduzent, Regie führte, den Ausschlag gab? Die beiden fanden sich jedenfalls zwei Jahre später als Berater bei der Weltmeisterschaft in Daegu wieder. Aus dem Entwicklungshilfeprojekt für eine in Asien weitgehend unbekannte Sportart machten sie ihren nächsten Erfolg. Und nun haben sie das Heft in der Hand, wenn die Heimat des modernen Sports Gastgeber der Olympischen Spiele ist.

Wichtig für den Erfolg ist der Sound. Die Eröffnung gab mit ihrer Feier der britischen Popmusik den Ton vor. Ein Tontechniker steht mit seinem riesigen Mischpult so am Fenster, dass er die Wettkämpfe überblicken kann. In die Stille vor dem Startschuss, in die Spannung vor dem großen Wurf spielt er schon mal einen mächtigen Herzschlag. Das Publikum nimmt ihn möglicherweise gar nicht wahr, doch er erhöht spürbar die Spannung. Diskjockey Peter Key gibt den Spielen einen Soundtrack. Mal blendet er nur ein rhythmisches Intro ein, mal ein lustiges Break, mal gibt es statt Klangschnipseln die Refrains großer Hits - auch er bringt mit seiner Auswahl aus der vom Organisationskomitee bereitgestellten digitalen Plattenkiste mit 2700 Titeln Hände, Füße und Herzen in Bewegung. Bei britischen Erfolgen, da hat er keine Wahl, spielt er das teutonisch angehauchte „Heroes“ von David Bowie, bei Siegerehrung den von Kitsch und Pathos durchtränkten Soundtrack von „Chariots Of Fire“ von Vangelis. Manchmal ist er spontan. Als er in die Kulmination der britischen Sporterfolge „All You Need Is Love“ von den Beatles spielte, sprang zu seiner Überraschung auf der Tribüne auch Paul McCartney auf und dirigierte die lauthals mitsingenden Zuschauer.

Und der Roar, dieser manchmal sogar im Kreis durch die Arena laufende Jubelschrei? Wird er, wie in manchen Fußballstadien, aus den Aufnahmen der Fans gemischt und verstärkt auf die Tribüne der Ehrengäste gespielt? „Wir haben hier akustisch das Beste, was es gibt“, sagt Weber. „Künstlichen Sound brauchen wir nicht. Alles, was man hört, ist echt.“

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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