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„Die Partei“ in NRW Bierernst zur Wahl

30.03.2010 ·  „Die Partei“ macht auf Satire. Aber sie ist auch ein Sammelbecken für Politikverdrossene. Manche nehmen sie so ernst, dass es schon wieder lustig ist. So auch beim Wahlkampfabend unter dem Motto „Trinker fragen - Politiker antworten“ in Düsseldorf.

Von Marie Katharina Wagner
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Ronald Klemptner ist kein Satiriker. Auch wenn er Mitglied einer Satirepartei ist. Und auch wenn er aussieht wie die Karikatur eines Politikers. Allerdings eines Politikers, wie es sie in Italien und in Südamerika gibt: Sein langes Haar hat er zum Pferdeschwanz gebunden, am linken Ohr baumelt ein Papagei, an den Fingern trägt er dicke Ringe, am Gürtel eine Pistole. Klemptner steht in einer Düsseldorfer Raucherkneipe, vor sich ein Schild: „Ronald Klemptner – Landtagskandidat. Einzelgespräch möglich – 10 Euro (oder Bier)“, eine Anspielung auf die bezahlten Parteitags-Treffen des CDU-Landesvaters Jürgen Rüttgers.

Klemptner macht Wahlkampf für die Partei „Die Partei“ des ehemaligen „Titanic“-Chefredakteurs Martin Sonneborn, die zuletzt in den Schlagzeilen war, weil der Bundeswahlleiter sie aus formellen Gründen nicht zur Bundestagswahl zuließ. Wenn Sonneborn über Politik spricht, ist jedes Wort ironisch bis zynisch. Wenn Ronald Klemptner über Politik spricht, hört man vor allem Verbitterung. Zehn Jahre lang war er „leidenschaftlicher Nichtwähler“. Dann wurde er Mitglied der „Partei“. Nun steht er auf Platz acht der Landesliste für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai.

Dieses Mal darf „Die Partei“ antreten. Also hat Klemptner an diesem Abend die Parteiuniform angelegt: billiger grauer Anzug, rote Krawatte. Er verteilt Kugelschreiber an die Gäste, die zu dem Abend unter dem Motto „Trinker fragen - Politiker antworten“ nach Düsseldorf-Bilk gekommen sind. Klemptner ist Kurierdienstunternehmer in Altersteilzeit und lebt in Neunkirchen-Seelscheid im Bergischen Land. Die Waffe, eine Schreckschusspistole, trägt er „privat“, aus Sicherheitsgründen. Aber nur der Anzug ist Maskerade. Klemptner will nicht den Mafioso spielen. Er will womöglich gar nicht spielen, denn er nimmt die Sache ziemlich ernst.

Den Ärger „kanalisieren“

Der volle Name der Partei lautet: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Nach eigenen Angaben hat sie schon mehr als 8000 Mitglieder. Ziel der Partei ist es, die Mauer wieder aufzubauen und „das Angie“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel) dahinter zu verstecken. In der „Partei“, sagt Klemptner, könne er seinen Ärger „kanalisieren“. In all dem Spaß stecke auch eine große Ernsthaftigkeit. Konkret muss man sich das wahrscheinlich so vorstellen, wie es in dem Pseudodokumentarfilm „Die Partei“ gezeigt wurde, der 2009 im Kino lief. Da errichteten der Bundesvorsitzende Sonneborn und seine Gefolgsleute unter empörtem Protest der Bürger an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen eine kleine Probemauer.

Man konnte auch sehen, wie die Partei eine Delegation grau gekleideter Männer nach Georgien entsandte, die sich als Bundestagsfraktion ausgab und nach ausgiebigem Feiern ein nichtssagendes Kooperationsabkommen mit dem georgischen Rechtspopulisten Schalwa Natelaschwili unterzeichnete. Sonneborn bezeichnet die Gruppierung selbst als „obskur“, „populistisch“ und „schmierig“, aber weil sie dazu eben stehe, auch als hochseriös. Jedenfalls seriöser, so meint er, als die „Pornopartei“ der Piraten oder die unseriöseste aller Parteien, die FDP.

Das würde Klemptner wohl sofort unterschreiben. Alle anderen Parteien und Politiker sind für ihn korrupt und machtversessen, nur diese nicht. Dass er die Sache vermutlich einen Tick zu ernst nimmt, fällt in der Düsseldorfer Eckkneipe zunächst gar nicht auf. Im Rampenlicht stehen Sonneborn und Leo Fischer, der aktuelle Chefredakteur der „Titanic“ und Vertreter der „verfassungsfeindlichen Plattform“ innerhalb der Partei. Zu Beginn seiner Rede begrüßt Fischer die Gäste herzlich „in Dings“, bevor er das Anliegen seiner Plattform erklärt: Sie arbeite darauf hin, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, um nach der geplanten Machtübernahme eine „fachlich saubere Dokumentation sämtlicher Partei-Aktivitäten“ zu haben.

Nur wenige echte Trinker im Publikum

Dann fordert Sonneborn die „Trinkerinnen und Trinker“ auf, Fragen zu stellen. Echte Trinker jedoch sind nur wenige da, genau genommen ein einziger, der mit seiner neonblonden Freundin an der Theke sitzt. Als er, schon leicht lallend, eine verworrene Frage zur Zukunft der Wuppertaler Schwebebahn stellt, bedankt sich Sonneborn „für die erste Frage eines Trinkers heute Abend“. Und er antwortet: „Was immer uns Ihre Stimme bringt, dafür setzen wir uns ein. Sie sind uns willkommen als billiges Stimmvieh.“ Wenn jemand der anderen Gäste - die meisten sehen aus wie Studenten oder in die Jahre gekommene „Titanic“-Leser – eine Frage zum Parteiprogramm stellt, sagt Sonneborn: „Ich bedanke mich für diese Frage, die ich vorhin auf der Herrentoilette gekauft habe.“

Der Unterschied zwischen einem schlagfertigen und brillanten Komiker wie Sonneborn und Parteimitgliedern wie Klemptner fällt später auf. Da sammeln noch einige andere Direktkandidaten ihre Unterstützerunterschriften beim Kneipenpublikum, etwa die 22 Jahre alte Politikwissenschaftsstudentin Vanessa Philippsen. Auch bei ihr glaubt man anfangs noch an Satire, als sie sagt, dass sie der „Partei“ angehöre, weil man sonst „nirgends so schnell aufsteigen kann“. Aber dann erklärt sie, dass sie den Studenten, die sie um ihre Unterschrift bitte, erst einmal nichts von dem Mauerbau-Programm erzählt, sondern nur, dass sie sich vor allem um Hochschulthemen kümmern wolle.

„Sie kenne ich doch aus dem Fernsehen!“

Später ziehen die Herren und wenigen Damen in Grau noch weiter durch die Kneipen Düsseldorfs. Getrunken wird Kölsch, und zwar reichlich. Sonneborn, der dafür bekannt ist, in der Öffentlichkeit seine Rolle als Parteivorsitender nie abzulegen, hält die Fassade aufrecht. Er muss sich dafür allerdings nicht anstrengen. Seine Rolle wird von den Leuten eingefordert. In einer Kneipe sitzt eine ältere Runde, die Männer bei Bier, die Frauen bei Filterkaffee, und bevor Sonneborn hingeht mit seinem Unterschriftenzettel, sagt er noch: „Da hole ich mir jetzt mal eine Abfuhr“. Aber als er gerade seinen Spruch aufsagt: „Würden Sie, ohne dass ich viel reden muss, für eine extrem obskure Partei unterschreiben?“ dröhnt der eine schon in breitem Rheinisch: „Sie kenne ich doch aus dem Fernsehen!“ Am Ende unterschreiben drei von ihnen, der vierte ist kein deutscher Staatsbürger. Die Studenten fragen garnicht erst, was sie da unterschreiben. Wichtiger ist ihnen ein Autogramm. In der alkoholumwölkten Altstadt zeigen junge Frauen mit dem Finger auf Sonneborn.

Wie lange funktioniert eine Satirepartei, die alle lustig finden? Über die sich niemand mehr empört? Natürlich sei die Empörung das Lustigste an der Satire, sagt Sonneborn. Aber so lange man die Leute noch überraschen könne, mache es ihm weiter Spaß. Kürzlich hat er für die Deutschen in der Schweiz, die über „Unfreundlichkeiten“ klagten, wenn sie in Eile an einer Schlange Schweizer vorbeizögen, eine Auslandsorganisation der „Partei“ gegründet. In Belgien plant er eine Aktion zur Reklamation eines ehemals deutschen Landstrichs. Trotzdem: Dass er schon in der tiefsten Provinz Verbündete hat, müsste ihm eigentlich Sorgen bereiten.

Der Ortsverband, den Ronald Klemptner in Neunkirchen-Seelscheid gegründet hat, umfasst bislang fünf Mitglieder. Das sind er, seine Frau, drei Freunde und Nachbarn. Den anderen Dorfbewohnern erzählt er lieber nichts von seinem Engagement. Die würden es nicht verstehen, sagt er. Es falle ihm ja schon schwer, es seiner Frau zu erklären. Warum also macht er das? Da sagt er doch noch etwas, das ein bisschen nach Satire klingt: „Ich hab’ eben viel Zeit“.

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

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