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Tim Bendzko & Co. : Ich trag dich irgendwie nach Haus

Sag mir, wo die Blumen sind: Tim Bendzko, Mark Forster und Andreas Bourani (v.l.n.r.) Bild: André Laame

Man singt deutsch – ganz melancholisch zur Gitarre. Woher kommen all diese gefühlvollen jungen Männer, und warum lieben so viele ihre Musik?

          Jedes Genre hat seine Phrasen. Im Schlager sind es die tausend Gefühle, im Pop die time of my life, im Rock meistens was mit fire und desire. Die Sänger, um die es hier gehen soll, sind da schon deutlich trauriger unterwegs: Kaltes Grau, verlassene Straßen - das ist die Welt, in die Tim Bendzko und seine Kollegen in ihren Texten Sonnenstrahlen bringen, ein bisschen Glück, dein Lächeln. Ihre Musik ist die neue Melancholie, sie kommt mit Akustikgitarren und Klavieren, und sie ist überall.

          Aus jedem Radio, aus jedem Fernseher fließt die Musik der neuen Melancholiker. Sie heißen Tim Bendzko, Max Giesinger, Mark Forster, Andreas Bourani, Johannes Oerding, Philipp Poisel, Max Prosa und seit neuestem auch Matthias Schweighöfer. Sie orientieren sich an Vorbildern wie Xavier Naidoo und Herbert Grönemeyer. Sie alle sind um die dreißig, sympathische Kerle, die sich keinen Männlichkeitsklischees verpflichtet fühlen. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie je ein Selfie mit einem Fan ablehnen oder schlecht über ihre Exfreundinnen reden würden. Manche waren auf der Popakademie in Mannheim, das dürften jene sein, deren Eltern sich mit dem Hinweis „Du musst doch was Richtiges lernen, Junge“ durchgesetzt haben. Es gibt keinen Grund, sie nicht zu mögen. Es sei denn, es graut einem vor Zeilen wie „Lach und wein und tanz dich frei“.

          Wer sich ihren immensen Erfolg erklären will, kann auf Youtube mit der Suche beginnen. Dort schwärmen Kommentatoren unter den Liedern, sie seien so ehrlich, schmerzvoll und berührend. Dabei geht es kaum um die Musik, sie ist fast nebensächlich. Die neue Melancholie lebt von ihren Texten. „Ich trag dich durch den Sturm irgendwie nach Haus / Wo immer das auch ist, das finde ich schon noch raus“, singt Schweighöfer. Der Schauspieler hat gerade mit „Lachen Weinen Tanzen“ sein erstes Album veröffentlicht - und nach seinen ersten Fernsehauftritten damit drängte sich die Frage auf, ob eigentlich schon mal jemand Schweighöfer und Bendzko im selben Raum gesehen hat.

          Schweighöfer ist in Anklam geboren, da gibt es genug aufzuarbeiten für fünf triste Alben. Inzwischen wohnt er aber in Berlin, wo fast alle neuen Melancholiker zu Hause sind. Und er hat von einem der Besten gelernt: 2011 sang er ganz leise bei Poisels Lied „Eiserner Steg“ mit. Poisel ist in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Er wohnt in Tübingen und interessiert sich so wenig für seine äußere Erscheinung, dass man ihn in seinen ausgeleierten Pullovern nicht jederzeit als Schwiegersohn präsentieren möchte. Außerdem wagt er gesanglich etwas mehr - und es gelingt ihm. Seit 2008 ist er bei Grönemeyers Plattenfirma Grönland unter Vertrag. Auf seiner aktuellen Single „Erkläre mir die Liebe“ singt er zu einem hüpfenden Keyboard: „Wann kommst du mich holen / Im heißen Julischnee? / Zweimal Sommer und zurück / Erkläre mir das Leben / Ich weiß nicht, wie es geht“. Erklär mir, Liebe: Ingeborg Bachmann winkt aus der Ferne.

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