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Erwachsene Nichtschwimmer : Unter Wasser ist die Welt zuende

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer eines Schwimmkurses im Kölner Agrippabad: Mit dem Wasser vertraut machen, Ängste überwinden Bild: Thomas Rabsch

Nicht nur Kinder, auch immer mehr Erwachsene können nicht schwimmen. In Kursen versuchen sie, ihre Angst vor dem Ertrinken zu verlieren. Wir haben einige bei ihrem Kampf begleitet, drei Monate lang.

          Dienstag Abend gehen sie ins Wasser, um zu kämpfen. Es ist ihr Kampf gegen die eigene Angst und das Alter, gegen das Nichtkönnen. Sie nehmen es auf mit einem fremden Element. Ihre Augen brennen dabei, sie schlucken Chlorwasser, keuchen. Neben ihnen, in der anderen Hälfte des Nichtschwimmerbeckens im Kölner Agrippabad, turnen zwei Jungs auf dem Rücken ihres Vaters, ein Liebespaar knutscht am Beckenrand. Katharina Cloßen, Tamasa Goswami und Dominique Fleckinger bekommen davon nichts mit. Sie sind mit sich selbst beschäftigt und damit, irgendwie an der Wasseroberfläche zu bleiben.

          Poolnudeln aus gelbem und grünem Schaumstoff klemmen unter ihren Bäuchen und helfen ihnen dabei. Sie strampeln mit den Beinen, kreisen die Arme, hektische Bewegungen. Ihre Gesichter verkrampfen. Zusammen mit den vier anderen Teilnehmern ihres Schwimmkurses für Erwachsene wollen sie in den kommenden 13 Wochen das schaffen, was in ihrer Kindheit nicht geklappt hat: Sie wollen schwimmen lernen.

          In Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Menschen schwimmen können und wie viele nicht. Es gibt Schätzungen und Umfragen. In einer repräsentativen Erhebung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft gab 2010 jeder Fünfte an, ein schlechter Schwimmer oder gar ein Nichtschwimmer zu sein.

          Deutsche schämen sich, nicht schwimmen zu können

          Und es zeigte sich: Je älter die Generation, desto höher der Anteil derjenigen, die nicht schwimmen können. Das hat tödliche Folgen. Im Wasser kommen deutlich mehr Erwachsene ums Leben als Kinder und Jugendliche. 2013 sind laut DLRG 446 Menschen in Deutschland ertrunken. Drei Viertel von ihnen waren älter als 30 Jahre.

          Sofia Prentki arbeitet jeden Tag daran, dass diese Zahlen sinken. Sie ist Schwimmlehrerin, mehrere hundert Kurse hat sie schon geleitet. Meistens bringt sie Kindern das Schwimmen bei, in den vergangenen Jahren kamen aber auch mehr und mehr Anfängerkurse für Erwachsene dazu. „Viele Teilnehmer sind Ausländer“, sagt sie, selten sei mal einer aus Deutschland dabei. „Die Deutschen schämen sich, wenn sie etwas nicht können. Man zeigt es hier nicht, wenn man etwas nicht leisten kann.“ Es gebe Teilnehmer, die noch nie jemandem erzählt haben, dass sie nicht schwimmen können, nicht einmal der Partner wisse es. Sie gehen heimlich ins Schwimmbad, um gegen ihr Defizit zu kämpfen.

          Woche eins: das Wasser kennenlernen, an Sicherheit gewinnen. Am Beckenrand festhalten, Beine ausstrecken, treiben lassen. Auftrieb spüren. Gesicht ins Wasser stecken. Sicher im Becken stehen, Ruhe bewahren. Auf Poolnudeln durchs Wasser paddeln. Erst Bein-, zum Abschluss Armtechnik fürs Brustschwimmen. „Da, wo ich herkomme, ist das Wasser verteufelt“, sagt Irenaeus Chukwuemeka. Er meint Buea, einen 50.000-Einwohner-Ort an der Westküste Kameruns.

          Ein Cousin von ihm sei ertrunken und andere Kinder aus der Gemeinde auch. „Das Meer hat viel Unglück gebracht. Wasser ist für viele bei uns etwas Böses.“ Seinen Eltern habe er nichts vom Schwimmkurs erzählt. „Das müssen sie nicht wissen, sie bekommen sonst Panik.“ Niemand aus seiner Familie könne schwimmen. Sein Bruder sage immer, die Chukwuemekas seien wie Steine, sie gingen im Wasser einfach unter. „Ich habe aber einen Traum“, sagt Irenaeus Chukwuemeka. Er wolle unbedingt mal an einem Triathlon teilnehmen: „Einen Marathon habe ich schon geschafft, und Radfahren kann ich auch. Jetzt muss ich Kraulen lernen.“

          Es wird noch eine Weile dauern, bis sich Chukwuemeka bei einem Triathlon in die Wellen stürzen kann. Er macht nur kleine Fortschritte. Langsam zieht er durchs Wasser, seine Finger klammern an einem Schwimmbrett. Er soll den Beinschlag üben. Elf, zwölf Meter schafft er, dann muss er mit der linken Hand nach dem Beckenrand schnappen. Er kann nicht mehr. „Mir fällt es schwer, locker zu bleiben. Ich kann das Schwimmen nicht genießen.“

          Mit der Angst im Wasser

          Wenn er im Wasser ist, denke er zu viel nach. Er könne sich dann nicht entspannen. „Das Nachdenken und diese Anspannung sind sehr anstrengend.“ Vier Stunden am Stück laufen - das sei für ihn kein Problem. „Aber nach den 45 Minuten beim Schwimmunterricht bin ich immer fix und fertig“, sagt Chukwuemeka.

          „Die Anstrengung kommt durch die Angst“, sagt Trainerin Sofia Prentki. Die Muskeln spannen sich an, das Gehirn arbeitet unentwegt, die Kursteilnehmer vergessen zu atmen. Ohne Sauerstoffzufuhr sind es ewige acht Meter von der einen Seite des Nichtschwimmerbeckens zur anderen. „Jeder Mensch weiß, dass es im Wasser gefährlich ist, wenn man nicht schwimmen kann“, sagt Prentki. Ihre Schüler können diesen Gedanken nicht zusammen mit ihren Klamotten in der Garderobe abschließen. Sie steigen mit Angst ins Becken.

          Woche drei: mit Poolnudeln über Wasser halten, Füße dazu strampeln. Ein- und unter Wasser wieder ausatmen. Auf dem Rücken treiben. Vom Beckenrand abstoßen, gleiten, mit Beinschlag fortbewegen. Armtechnik beim Brustschwimmen, mit Beinarbeit koordinieren. Viele Kursteilnehmer stoßen bei der Suche nach den Ursachen ihrer Ängste auf Situationen in ihrer Kindheit. Traumatische Erlebnisse. Dominique Fleckinger wurde von seinen Mitschülern ständig untergetaucht, wenn sie bei Klassenausflügen ins Schwimmbad gingen. Er hatte keine Chance gegen sie. Schwimmen hat er nie gelernt. „In der Grundschule hätte ich einen Kurs gehabt. Der fiel aber ersatzlos aus, weil zu der Zeit gerade das Bad saniert wurde.“

          Später nutzten die Mitschüler seine Schwäche aus, um ihn zu ärgern. „Einmal war ich eine Ewigkeit unter Wasser, ich hatte die Orientierung verloren und Panik bekommen.“ Das sei es dann gewesen mit ihm und dem Schwimmen: „Ich bin jahrelang nicht mehr ins Wasser gegangen.“ Der Schwimmkurs ist für Dominique Fleckinger Therapie. Er traut sich nicht, den Kopf unter Wasser zu tauchen. Bis zur Nase funktioniert es, dann setzt eine Blockade ein. „Da habe ich noch immer große Angst. Unter der Wasseroberfläche ist die Welt für mich zu Ende.“ Man könne nicht atmen, nicht gucken, nichts hören. „Wie tot. Nicht mehr auf dieser Welt.“

          Dem Schwimmen stehen psychische Probleme im Weg

          Trainerin Sofia Prentki sagt, sie müsse ständig mit der Furcht ihrer Schüler arbeiten. Im Kölner Schwimmbad versucht sie, die Kursteilnehmer an die fremde Umgebung zu gewöhnen. Sie sollen durchs Wasser gleiten, im Becken treiben, Blasen blubbern. „Vor lauter Angst können die meisten ihren Körper im Wasser nicht einschätzen.“ Sie müssen das neue Element erst mal kennenlernen.

          Prentki will ihnen die Angst nehmen. „Ich bin aber nicht in der Lage, psychische Probleme zu lösen.“ Sie sei keine Therapeutin. Stattdessen unterhält sie sich viel mit ihren Schülern. Sie quatschen, vor dem Training, danach. Sie sollen sich bei ihr wohl fühlen. Immerhin vertrauen sie ihr jeden Dienstag für eine Dreiviertelstunde ihre Gesundheit, ihr Leben an.

          Woche sechs: am Schwimmbrett festhalten und mit den Füßen strampeln. Unter Wasser gleiten, im Wasser ausatmen. Ringe vom Beckenboden hochholen. Beintechnik fürs Brustschwimmen, Koordination mit Armschlag. Armzug beim Kraulen. Der Kurs ist weitergezogen ins Schwimmerbecken. 1,80 Meter Tiefe, die Teilnehmer können nicht mehr im Wasser stehen.

          „Die anderen Studenten mussten mich retten.“

          In einer freien Ecke krallt sich Lucyna Milanowska am Beckenrand fest. Ausgerüstet mit Badekappe und Schwimmbrille, taucht sie für ein paar Sekunden ihren Kopf ins Wasser. Immer wieder. Rein, eins, zwei, drei, raus. Wieder rein, eins, zwei, drei, raus. Sie zwingt sich. Wenn sie schwimmt, hat sie Angst unterzugehen. Es ist ihr schon einmal passiert, früher, bei einem Schwimmkurs an ihrer polnischen Universität. „Die anderen Studenten mussten mich retten.“

          In der Woche darauf sei sie wieder hingegangen. „Ich bin rein ins Becken und konnte mich nicht mehr bewegen.“ Wie gelähmt stand Lucyna Milanowska im hüfthohen Wasser. Sie fing an zu weinen. Beim Kurs in Köln fühlt sie sich sicherer. Nach den ersten drei, vier Wochen scheint sie kaum noch Angst zu haben. „Dieser Prozess dauert bei manchen die gesamten drei Monate“, sagt Trainerin Prentki.

          Tamasa Goswami musste sich gedulden, bis es bei ihr voranging. Die Inderin besucht inzwischen zum zweiten Mal einen Anfängerkurs. Den kompletten ersten brauchte sie, um sich mit dem Wasser anzufreunden. Sie sagt, das Alter sei ihr großes Problem. Das mache es für sie so schwierig, Beinschlag, Armtechnik und die richtige Atmung zu lernen und alles zu koordinieren. Mit 60 Jahren ist sie die Älteste in der Gruppe. Als sie jünger war, sei sie zwar manchmal bis zu den Knien im Ganges gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig im Wasser, also mit dem ganzen Körper, war sie vor drei Jahren, mit 57. „Ich hätte nie gedacht, dass Schwimmen so schwierig ist“, sagt sie heute.

          Erwachsene, die man wie Kinder behandeln muss

          Woche zehn: Atmung beim Brustschwimmen, gemeinsam mit Arm- und Beinschlag. Im Sitzen vom Beckenrand ins Wasser fallen lassen. Kraulen. Auf den Rücken legen und im Wasser treiben, mit Beinarbeit vorwärtskommen. Armtechnik beim Rückenschwimmen. Im Schwimmerbecken in Köln jagen auf den Bahnen zwei und drei gerade die jugendlichen Vereinsschwimmer des SV Rhenania durchs Wasser. Kraulen, Rollwende, Schmetterling.

          Wellen schwappen rüber auf Bahn eins, auf der Tamasa Goswami versucht, beim Brustschwimmen nicht unterzugehen. Es klappt nicht so recht, sie kommt nicht voran, greift nach dem Beckenrand. „Tamasa, weiterschwimmen!“, ruft Trainerin Sofia Prentki. Tamasa Goswami macht erst mal Pause. „Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass ich Erwachsene wie Kinder behandeln muss“, sagt Prentki. Sie triezt die Teilnehmer, motiviert sie, damit sie weitermachen, sich was trauen. Ihre Ansagen sind deutlich: „Kopf runternehmen!“, „Unten ausatmen!“, „Schau zur Decke!“. Schwimmenlernen im Imperativ.

          Katharina Cloßen sagt, sie brauche diese Schärfe. „Wenn mir jemand sagen würde: ,Du musst nicht auf dem Rücken schwimmen, wenn du nicht willst, dann hätte ich mich das bis heute nicht getraut.“ Wieder steht sie vor so einer Aufgabe, bei der ihre Trainerin sie antreiben muss. Katharina Cloßen soll vom Beckenrand ins Wasser springen. Sie tippelt mit den Füßen, schwingt ihre Arme. „Na los, Katharina“, sagt Sofia Prentki. Cloßen springt. „Wahnsinn“, sagt sie stolz, als sie wieder aus dem Becken klettert, „ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals mache.“

          Motivation: Mit den Kindern im Meer baden

          Früher, als Jugendliche, habe sie tolle Momente verpasst, weil sie nicht schwimmen konnte, sagt Katharina Cloßen. „Wenn meine Freundinnen ins Freibad gegangen sind, habe ich immer gesagt, dass ich was anderes vorhabe.“ Sie lernt für ihre Kinder schwimmen. Im Sommer will sie mit ihnen im Meer baden können.

          Woche zwölf: nach Ringen tauchen. Vom Beckenrand abstoßen, auf dem Rücken gleiten, mit den Füßen strampeln. Erst mit Hilfe von Poolnudeln, später ohne. Arme kreisen. Koordination von Atem- und Armtechnik beim Kraulen. Im Stehen ins Wasser springen und anschließend weiterschwimmen. Cloßen und die anderen Kursteilnehmer hängen im Schwimmerbecken auf ihren Poolnudeln und atmen durch. Eine kurze Pause. Gleich geht es weiter mit Rückenschwimmen.

          Es ist die vorletzte Unterrichtsstunde, ihr Anfängerkurs ist bald zu Ende. Zeit für eine Bilanz: wofür die ganze Anstrengung, das Chlorwasserschlucken, der 13-wöchige Kampf? Katharina Cloßen hat in dieser Zeit die Voraussetzungen geschaffen, um sich einen Wunsch zu erfüllen: Im nächsten Urlaub wird sie Wellenreiten lernen. Für Dominique Fleckinger endet die Welt nun nicht mehr unter der Wasseroberfläche, seine Blockade ist verschwunden. Er traut sich, nach Ringen am Boden des Beckens zu tauchen.

          Lucyna Milanowska, die fast mal ertrunken wäre, hat ihre Angst zwar besiegt, den Kurs dann aber doch abgebrochen. Sie hatte keine Zeit mehr am Dienstagabend. Tamasa Goswami hat es trotz ihres Alters geschafft, sich sicherer im Wasser zu fühlen. Sie will jetzt ihre Schwimmtechnik verfeinern. Und Irenaeus Chukwuemeka, der Stein aus Kamerun, hat sich getraut, es mit dem Teufel aufzunehmen. Sie alle haben es mit dem Teufel aufgenommen. Sie haben ihn geschlagen.

          Quelle: F.A.S.

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