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Die Marke „Diesel“ Treibstoff für Designermode

12.02.2005 ·  Die italienische Marke Diesel zeigt auf der Fashion Week in New York erstmals eine Pret-a-porter-Linie.

Von Alfons Kaiser
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Das beste Argument für die Modemarke Diesel? Heißt Marie Bäumer und weiß nichts davon. Noch ehe sich die Ränge im Hammerstein Ballroom in der 34.Straße von Manhattan gefüllt haben, zu schweigen vom Parkett, wo die Wichtigkeit von der verspäteten Ankunft abhängt, noch ehe die überlange Schau auf der New Yorker Modewoche gelaufen ist, noch ehe die Küßchen und die Komplimente verteilt wurden, steht im Foyer plötzlich ein Diesel-Mädchen wie aus einem leider unveröffentlichten Lookbook: ausgewaschene Jeans, schwarze Lederjacke mit schönen Applikationen, blonde Haare und ein ungekünsteltes Lachen. Wenn Diesel den ersten großen Ready-to-wear-Auftritt so bestreitet wie die zu Werbezwecken aus Hamburg eingeflogene Schauspielerin ihren kleinen Auftritt im Foyer - dann muß man sich keine Sorgen machen um die italienische Mode.

Die Spannung ist groß am Donnerstag abend, als die achttägige "Olympus Fashion Week" mit den Entwürfen für Herbst und Winter schon fast vorbei ist und nur noch Außergewöhnliches aufrütteln kann. Denn Diesel zeigt erstmals die Gesamtkollektion für Männer und Frauen auf internationaler Bühne. Schon früher war die Marke auf dem Laufsteg. Aber "Diesel Style Lab", im Jahr 1998 gegründet und nun friedlich eingeschlafen, war wohl in Fachkreisen bekannter als unter Kunden und steht jetzt nur noch für Schuhe. Junge Designer konnten sich im Stil-Labor ausleben. In Japan und den Vereinigten Staaten war dieses Konzept erfolgreich. Aber in anderen Ländern wurde Diesel immer als Jeansmarke verstanden, die, bitte schön, auch nichts anderes sein solle.

Sieht ganz nach Upgrade aus

Nun will Renzo Rosso raus aus seinen Jeans. Sie sind ihm wohl zu eng geworden. Der Chef der Marke, der mit seinen Gründungskollegen wegen der internationalen Verständlichkeit den Namen Diesel wählte, will wieder einmal weiter. Dieser Auftritt soll die Richtung vorgeben hin zu einem neuen Genre, das Rosso "Casual Wear Pret-a-Porter" nennt. Nun muß er sich international messen lassen. Nichts anderes sollte man von ihm erwarten. Als Bauernjunge vom Dorf stieg er in die große Mode ein, gründete 1978 die Marke, die er 1985 seinen Mitgesellschaftern von der auch nicht ganz per Zufall so genannten "Genius Group" vollständig abkaufte und seitdem mit nicht nachlassendem Elan führt, läßt seit Jahren die althergebrachten Jeansmarken wie Levi's im wahrsten Sinne alt aussehen und verbucht Zuwächse, wo andere nur noch über die schlechte Lage auf dem Textilmarkt klagen. Gerade hat er ein neues Geschäft in Soho eröffnet, ganz unbescheiden zwischen Chanel und Burberry. In diesem Jahr werden weitere Geschäfte an den schönsten und teuersten Orten dazukommen, zum Beispiel auf Capri und in SaintTropez: Sieht ganz nach einem Upgrade aus!

Wer Renzo Rosso wirklich verstehen will, muß sich aber in die Psyche eines Mannes vertiefen, der lässige italienische Grandezza verkörpert, den typischen Geschäftsdrang aus dem Veneto und die Kombination aus beidem: das Streben nach einer Perfektion, die möglichst leicht und beiläufig daherkommt. Sein Sternzeichen sei Jungfrau, sagt Rosso, daher ziele er immer höher. Auf die Frage nach der besten Diesel-Kollektion sagt er also, logisch: "Die nächste!"

Rebell und Außenseiter

Gefühle zu verkaufen versteht der Kindskopf, der mit seinem Wuschelhaupt nur aussieht wie ein alternder Rockstar. So veranstaltete er zum 25.Geburtstag der Marke in Molvena, in der Nähe von Vicenza, eine Party mit sage und schreibe 40000 Gästen, viele von ihnen Kunden, die im Laden nach einer Einladung gefragt hatten. Der Größenwahn paart sich also mit einem Drang zur demokratischen Lebensform. Als Modemacher kann er beides ausleben. So gab er zu seinem vierzigsten Geburtstag das Buch "Forty" heraus, und im September, rechtzeitig zum fünfzigsten Geburtstag, erscheint das Buch "Fifty" mit genau fünfzig Kapiteln: Dann kann jeder an Leben und Werk des Modemachers teilhaben, der schon seit Jahren in den Überschriften geschäftsfördernd auf den "Nonkonformisten", den "Rebell", den "Außenseiter" festgelegt wird.

Dabei hält sich Rosso an Grundsätze, die in der Mode selbstverständlich sein sollten: "Wir helfen denen, die keine Uniform tragen wollen, um ihre Individualität auszudrücken." Fast insistierend macht er klar, daß Diesel nicht den herrschenden Designtrends folge, sondern sie, wenn schon, bestimme. Zu einem guten Teil hat die Marke das Nachbeten altbekannter Trends auch gar nicht nötig. Denn 27 Jahre Erfahrung in der Waschung, der Bearbeitung und dem Styling von Jeans gibt es nicht so häufig. Die Hosen wurden durchs individuelle Design bekannt, das sich von der Masse abhebt. Und nicht zuletzt ist der Verkauf in den Geschäften so organisiert, daß fast jeden Monat frische Ware in den Regalen liegt. Sein Erfolg aber, so sagt Rosso im Gespräch vor der Schau, basiere im Grunde auf der Fähigkeit der Marke, eine positive Botschaft auszusenden: "Wir verkaufen nicht nur Kleidung, sondern eine Lebenseinstellung."

Die Länge tendiert zum Minirock

Und deshalb müssen seine Leute ein Gefühl fürs Leben bekommen. Alle drei Monate machen sich die acht Designer um den niederländischen Kreativchef Wilbert Das auf große Reise. Dann verlassen sie die italienische Provinz, reisen zwei oder gar drei Wochen lang als Trendscouts in die Ferne und kommen vollbepackt mit Klamotten aus den Designerläden und vom Flohmarkt wieder. Vor etwa einem Jahr, das wird vor der Schau schon einmal verraten, waren sie kurz nacheinander in Rußland und in Amerika. Die Herbst-Winter-Kollektion, sagt Rosso, werde deshalb viele Details und Stickereien zeigen und die russische Atmosphäre mit Wildwest-Klischees überblenden.

Der Hammerstein Ballroom füllt sich langsam. Als es spät geworden ist und Missy Elliott endlich mit weißem Hut und schwarzem Schmollmund in der ersten Reihe sitzt (Marie Bäumer kommt nur in die zweite), beginnt die Schau vor New Yorker und Moskauer Kulisse. Schon das erste Model gibt den Rhythmus der Schau vor: Mit extrem kurzen Jeans-Hot-pants, Wildleder-Fransenstiefeln und einer großen Fellstola überm bauchfreien Hemd wird hier der ganz jungen Kundin gehuldigt. Rosso hatte gefragt: "Kommt's darauf an, ob man jung oder alt ist?" Nach diesem Beginn und der insgesamt zum Minirock tendierenden Länge muß man leider sagen: Ja!

Optische Gags

Das "mix and match" als Grundprinzip des zeitgenössischen Designs eröffnet aber auch andere Möglichkeiten: Ein Jeans-Überrock zu einem schwingenden knielangen Tüllrock in Bordeaux und Senf sieht nicht nur witzig aus, sondern gibt die jeansgerechte Antwort auf den großen Trend der vergangenen und auch der kommenden Saisons: den schwingenden und recht braven Rock a la Fünfziger. Auch der Tweedmantel mit Pepitamuster nimmt dieses Spiel auf. Die Korsage hingegen verschlägt einem - da durch häufigen Gebrauch auf allen Laufstegen entwertet - modisch nicht den Atem. Am besten ist Diesel da, wo sich mit raffiniert drapierten Jerseykleidern, mit olivfarbenen Wollmänteln und usbekisch inspirierten ethnischen Stickereien auf Blousons die freiheitliche Grundstimmung direkt im Design wiederfindet. Nicht so berauschend wird es dort, wo die Jeans-Volantröcke mit Schleppe den großen Auftritt ironisch brechen wollen: Saloon-Mode ist und bleibt in John-Wayne-Filmen gut aufgehoben.

Aber die optischen Gags, auch wenn sie in Kombination mit der zeitlichen Überlänge die Modekritikerin Suzy Menkes zu einem historisch wohl einzigartigen minutenlangen Lachanfall bewegten, stören nur etwas in einer Kollektion, die mit viel Schwarz, Oliv, Blau, Grau, mit erdigen Farben und einigen goldenen Effekten vielseitige, tragbare und vor allem gut zu kombinierende Entwürfe bringt. Die Hosen, an den Taschen mit vielen Details versehen, werden übrigens im wirklichen Leben noch besser aussehen als auf dem Laufsteg: Denn am richtigen Po für Jeans fehlt es den allermeisten Models ganz entschieden.

Bald auch in Deutschland

Die Männer geben sich genauso lässig. Mit gewaschenen Jeans und Zweiknopf-Jeanssakkos sehen sie locker formell aus. Mit olivfarbener Strickjacke über Jeanshemd über Business-Hemd mit Krawatte verkörpern sie genau jenen ironischen Zugang zur Welt, den man von der Marke erwarten muß. Der rauhe "working style" überrascht angenehm in der Kombination mit dem heute so dominierenden Pinstripe. All die exklusiven und teuren Stücke werden nur in die großen Flagship Stores kommen, die normale Kollektion wird in allen Läden hängen. Vom Sommer an wird sich dann zeigen, wie der neue Stil auch in Ländern wie Deutschland ankommt, wo das Formelle und das Informelle zwei verschiedenen Welten angehören.

Bei mindestens einer Kundin kommt die Kollektion jedenfalls so gut an, daß sie sich gleich mit Rosso fotografieren läßt. Nach der langen Schau steht Marie Bäumer im Gewühl der Lobby, das gleich, wenn Stühle und Laufsteg im Hammerstein Ballroom weggeräumt sind, nahtlos ins Partyvolk übergehen wird. "Gerade weil ich das aus Hamburg nicht so gewöhnt bin, gefällt mir, wie Diesel über Normen und Formen mit einem Augenzwinkern hinweggeht", sagt sie. "Das Freche, Verspielte, Humorvolle, Respektlose - das ist's." Das war's.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.02.2005, Nr. 6 / Seite 61
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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