07.11.2005 · Was den Nachwuchs den lieben langen Tag beschäftigt, hat selten ein Ziel, aber immer einen Zweck. Regeln gibt es dabei allerdings nur für die Eltern.
Von Sigrid TinzBlumen pflücken, Igel streicheln, im Bach herumplanschen und vom Holzschuppen springen - Britta, Inga, Lasse, Bosse und die übrigen Kinder aus Bullerbü spielen den ganzen Tag. Die Geschichten von Astrid Lindgren sind besonders für viele Erwachsene der Inbegriff von Kindheit.
Wenn Bullerbü Kindheit ist - ist Kindheit dann vor allem Spielen? Was ist Spielen überhaupt? Nach einer Antwort suchen die Gelehrten seit der Antike. Über folgende Definitionen ist man sich mittlerweile einig: Erstens gibt es das kulturelle Spiel, mit dem sich Erwachsene die Zeit vertreiben. Sie spielen nach festen Regeln beispielsweise Schach oder Fußball, sie spielen mit Form und Farbe, Tönen und Worten und nennen es Kunst. Und zweitens gibt es das evolutionäre Spiel, mit dem sich, egal ob Eichhörnchen oder Giraffe, alle höheren Säugetiere in ihrer Jugendzeit viele Stunden pro Tag beschäftigen. Warum?
Die Welt erkunden
Je nach Zeitalter, Gesellschaftsbild und Blickwinkel galt Spielen mal als Spaß oder Entspannung, mal schien es dienlich zum Abbau überschüssiger Energien, mal als Selbstzweck. Heute ist weitgehend unbestritten: Spielen ist die Art des Kindes, die Welt zu erkunden, zu erfahren und zu verstehen. Spielen ist Leben lernen.
Doch sollte man den Begriff Lernen nicht allzu eng auslegen. "Viele Eltern und Erzieher sind viel zu sehr darauf fixiert", sagt Rainer Korte von der Arbeitsstelle für Spielforschung und Freizeitberatung an der Fachhochschule Dortmund. Auf Dinge also, die den Kleinen später in der Schulzeit gute Noten bringen und im Beruf das Vorankommen erleichtern sollen: Gut sprechen und logisch denken sollen sie lernen, Wissen sammeln, Sozialkompetenzen trainieren und motorische Fähigkeiten. Und so würden Inga und Lasse heute wohl zur musikalischen Frühförderung gehen, die kleine Britta bereits Zahlen und Farben lernen, am Lerncomputer schwedische Grammatik üben oder an einem Brettspiel Teamgeist trainieren. Hinterher würden dann alle chinesische Lieder singen.
"Kinder spüren solchen pädagogischen Impetus und verlieren leicht den Spaß", warnt Rainer Korte. Besonders wenn sie dabei mit ihren Schwächen konfrontiert werden. Sein Ratschlag: "Lieber die individuellen Stärken fördern. Wer Erfolg hat, behält seine Freude am Tun und kann selbstbewußter mit seinen vermeintlichen Defiziten umgehen."
Die grauen Zellen verschalten
Spielen bedeutet, wie gesagt, Leben lernen. Aber auch Entwicklung und Entfaltung. Das ist gerade am Anfang recht wörtlich zu nehmen: Das Gehirn eines Neugeborenen ist zwar fertig angelegt, aber die grauen Zellen müssen sich noch verknüpfen und verschalten. Dazu müssen sie gefordert werden. Ob beim Schauen, beim Betasten, Hören oder Laufen, beim Lesen, beim Essen oder Schuhe anziehen - immer reift eine bestimmte Fähigkeit heran, die das Kind trainiert.
Lieblingsspielzeug in den ersten Wochen und Monaten sind erst einmal die Eltern. Bei diesem sozialen Spiel lernt das Kind, daß Mama und Papa auf ein bestimmtes Verhalten wie Schreien, Lächeln oder Lallen immer wieder auf ähnliche Art reagieren. Ein paar Monate später ist dann die Umwelt dran: Das Kleine steckt alles in den Mund, schaut es an und betastet es auf Form, Konsistenz und Geschmack. Es folgt die "Behälter-Phase". Was nichts anderes heißt als hartnäckiges Aus- und Einräumen von Legokiste, Portemonnaie oder Sockenschublade.
Mit anderthalb Jahren dann fangen die Kinder an zu stapeln, bauen Türme und werfen sie wieder um. Ein bißchen später werden Rollenspiele wichtig, je nach Fantasie und eigenen Erfahrungen beim Einkaufen, beim Arzt oder in der Familie. So sagt ein Kind "bitte" und "danke" und "hallo" und "gute Nacht", ein anderes schmeißt den Teddy ins Bettchen und schickt ihm ein strenges "und gefälligst keinen Mucks mehr" hinterher. Deshalb läßt sich auch die ewige Frage, ob "typisch Junge" und "typisch Mädchen" angeboren oder anerzogen ist, trotz aller Forschungen auf diesem Gebiet nicht eindeutig beantworten. Vielleicht ist es so, daß Mädchen genetisch bedingt fürsorglicher sind und sprachbegabter, Jungen dagegen analytischer und wilder. Aber solange die Mütter sich um Essen, Kleidung, Kuscheln und Sauberkeit kümmern und die Väter die Glühbirnen wechseln, bauen Jungs eben eher ihre Spielzeugautos auseinander, während Mädchen sie abends warm zudecken.
Im Kindergartenalter wollen die Kinder dann vor allem rennen, toben, singen und sprechen. Von den Erwachsenen wollen sie erklärt bekommen, wie man Schleifen bindet und den eigenen Namen schreibt. Mit drei Jahren werden richtige Spiele wie Mau-Mau oder Wettlaufen interessant. So lernen Kinder, sich an Regeln zu halten und nach dem Vorbild der Mitspieler gute oder schlechte Gewinner und Verlierer zu sein.
Phasen sind unterschiedlich lang
Je nach Persönlichkeit und Umwelt sind die einzelnen Phasen selbstverständlich unterschiedlich lang und intensiv. Das Schema aber ist universell, ob in Bullerbü oder auf der anderen Seite des Erdballs. Schon die kleinen Germanen haben wohl Steine gestapelt; in Afrika wird das Behälter-Spiel mit Hirse und Kalebassen geübt.
Ausschließlich fürs Kinderspiel hergestellte Gegenstände sind weltweit und historisch gesehen eine Ausnahme und weniger für die kindliche Entwicklung nötig als für die Ankurbelung der Wirtschaft. Die mit blinkendem Plastik vollgestopften Supermärkte kalkulieren mit den niederen Instinkten der Kinder, die wie kleine Elstern nach allem gieren, was glitzert und laut ist und alle anderen Kinder auch haben. Die Fachgeschäfte voller zart lackierter Holzfiguren setzen eher auf den Geschmack der Eltern. Sie verkaufen Gummiflugzeuge, die nichts kaputtmachen, oder Seifenblasen, mit denen man nicht herumsauen kann. Vieles davon ist angeblich "leicht" oder "platzsparend" und natürlich "pädagogisch wertvoll". Da steckt allerhand Erzieherisches drin, von der Puppe für die Selbstfindung über das Echtholz-Laufrad fürs Gleichgewicht oder Fädelspielen für das Üben in Geduld bis zum Werkzeugkasten fürs technische Verständnis. Im Angebot sind außerdem zahllose Spiele, bei denen das Kind nebenbei noch an Uhr, Zahlen, Farben oder Phänomene wie das Wetter "herangeführt" werden soll.
Welche dieser in Fachkreisen "Spiel- und Lernmittel" genannten Dinge brauchen Kinder wirklich? "Eigentlich keine", sagt Ingetraut Palm-Walter vom Ulmer "Spielzeugsiegel Spielgut". Anfangs genügen die eigenen Fingerchen und die Grimassen der Eltern. Singen, Lallen, Kuscheln, Toben sind allein schon babygerecht. Dazu vielleicht eine Rassel, ein Schmusetier, später drei, vier Bauklötze, ein Ball, ein Buch, ein Auto. Später Klassiker wie Sandspielzeug, Eisenbahn, Puppen und Lego. Aber besser nicht die ganze Palette wertvoller Geburtstagsgeschenke durcharbeiten. Krabbelt das Kind schon herum, ist eine gefahren- und konfliktfreie Wohnung die beste Spielwiese. Schließlich will es seine Welt entdecken, und die besteht nun mal aus Zeitschriften, Hausschlüsseln, Schuhen, Kochtöpfen und Telefon. Und zwar das echte Telefon, und nicht eines aus Plüsch, das Kinderlieder spielt und vielleicht noch Räder untendran hat. "Eltern sollten beobachten, womit das Kind sich gern beschäftigt, und dieses Thema erweitern und abwandeln", sagt Ingetraut Palm-Walter. Also die Puppe noch mit Wiege, Tragetuch, Buggy und Badewanne ausstatten, statt eine ganze Puppensammlung anzulegen. Oder die Holzeisenbahn mit Tunnel und Häusern und Fähre und Landschaft erweitern und nicht noch eine elektrische besorgen.
Das beste Spielzeug kann man nicht kaufen
Und was ist mit Kriegspielen? Computern? Den berüchtigten Barbiepuppen? In Maßen ist alles okay, sagen die meisten Experten. Mit Plastikgewehren und Gummischwertern üben Kinder ohnehin nicht das Töten, sondern in erster Linie, mit Macht und Hierarchien umzugehen. Am besten natürlich als Cowboy und Indianer im Stadtpark, denn dann müssen sie sich bewegen, sich mit ihren Kameraden auseinandersetzen und merken dabei schnell, daß es weh tut, wenn man dem anderen den Tomahawk überbrät. Statt dessen im Kinderzimmer Star-Wars-Figuren aufeinanderzuhetzen oder am Computer rumzuballern ist nur ein schlechterer Ersatz.
Und wenn die Wünsche gar zu abgeschmackt sind? "Wollen Eltern partout irgend etwas nicht kaufen, dann sollten sie ihrem Kind auch erklären, warum", empfiehlt Ingetraut Palm-Walter. Und sich von den Kindern erklären lassen, wieso es unbedingt Barbie und Ken sein müssen. Lassen sich die Eltern überzeugen - okay. Wenn nicht, auch. Beim Thema Zähneputzen wird ja auch nicht diskutiert.
Das beste Spielzeug kann man sowieso nicht kaufen. Die kleine Ada beispielsweise spielte wochenlang mit einem ausrangierten Küchensieb; Joschuas Schaumstoffetzen ist mal Bett, mal Boot, mal Hindernis; und Julia schleppte monatelang eine alte Baumwurzel mit sich herum. Das war Tommy, der Hund.
In solchem Krempel finden sich natürlich auch Glasscherben und kleine Schräubchen, Kordeln, scharfe Ecken und Kanten - alles Gefahrenherde, die Sicherheitsexperten nach und nach in mühsamer Kleinarbeit aus Kinderspielzeug verbannt haben, bevor sie sich dem aktuellen Kampf gegen Weichmacher im PVC, giftige Lacke, formaldehydhaltigen Leim und hörschädigend laute Spieluhren zugewandt haben. Umsicht und Vorsicht sind zwar gut, übertriebene Ängstlichkeit allerdings ist auch hier fehl am Platze.
Im Grunde also ist das Kinderspiel wirklich kinderleicht. Vor Spielbeginn sollten Eltern noch ihre Rolle festlegen und dazu die ihres Kindes. Sonst macht es schnell keinen Spaß mehr. Marschieren die Kleinen gern im Regen durch den matschigen Herbstwald? Oder sitzen sie lieber gemütlich drinnen und zünden ein paar Kerzen an? Marmelade in der Frühstücksmilch oder zwanzig Löffel Zucker im Tee - ist das Schweinerei oder sind das vielleicht erste chemische Experimente? Ruhe oder Trubel, Basteln oder Ballspiele, psychomotorische Bewegung oder Bilderbücher - was liegt ihnen mehr?
Kleine Regelkunde für Eltern
Regeln gibt es dabei nur für die Eltern. Regel Nummer eins: Das ganze Leben ist ein Spiel für Kinder. Statt im Kinderzimmer zu verschwinden, wollen sie im Alltag mitmachen. Aber nicht in Zack-zack-Erwachsenenmanier. Sondern: Jacke anziehen heißt die Hände verschwinden und - "guck mal!" - wieder auftauchen zu lassen. Und das achtmal hintereinander. Schmutzwäsche wird nicht einfach in die Maschine gestopft, sondern Stück für Stück benannt und hineingelegt. Beim Aufhängen wird für jedes T-Shirt eine farblich passende Klammer aus dem Korb gesucht. Betten machen wird zur Kissenschlacht, Abwaschen zur Sintflut, und beim Obstabwiegen müssen mindestens acht Etiketten ausgedruckt werden, die erstaunlicherweise alle gleich sind und sehr schön auf der Nase kleben.
Regel Nummer zwei lautet: gewähren lassen. Nicht unterbrechen, wenn das Kind bereits seit zwanzig Minuten versucht, die Händchen zu falten, oder mit Hingabe einen alten Katalog zerfetzt. Ihm nicht etwas vermeintlich Sinnvolleres anbieten - unter anderem trainiert es nämlich gerade seine Konzentrationsfähigkeit. Auch beim quengeligen, lustlosen Herumwandern kommen ihm oft die besten Ideen. Bittet es um Hilfe, etwa durch Blicke, Laute oder Wutausbrüche, braucht man nur den kleinsten Stein geradezurücken, damit der Turm weiterwachsen kann. Das Kind findet mit der Zeit schon selber heraus, wie es am besten klappt, dazu gehören auch Fehlschläge und Umwege. Wer ständig angeleitet, verbessert und getadelt wird, kann keine eigenen Strategien entwickeln, sondern lernt nur, daß es andere sowieso besser können.
Deswegen gilt Regel Nummer drei: Die besten Mitspieler sind andere Kinder. Gleichaltrige sowieso, aber auch jüngere, um Rücksicht zu lernen, und ältere, um sich mal was abzuschauen. Und da man fürs Leben auch streiten lernen muß, sollten die Erwachsenen Konflikte nicht unnötig klein halten und möglichst nicht selber schlichten.
Regel Nummer vier heißt: Abwechslung. Nicht jeden Tag zum immergleichen Rutsche-Schaukel-Wackelpferd-Spielplatz, sondern auch mal in den Wald; wer den ganzen Tag im Schwimmbad getobt hat, kann sich anschließend auch mal drei Stunden Zeichentrickserien anschauen; Krippen- und Kindergartenkinder brauchen neben allem Laufen und Raufen und Lärmen irgendwann Muße für ein Bilderbuch oder einfach Ruhe, um Steinchen zu sammeln, Käfer zu betrachten, dem Regen zu lauschen.
Ziel des Spiels ist es übrigens nicht aufzuräumen. Das gehört allerdings noch dazu. Wer bringt in fünf Minuten die meisten Legosteine vom Flur ins Kinderzimmer zurück? Kinderspiel hat selten ein bestimmtes Ziel, aber immer Sinn und Zweck.