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Die Hamptons bei New York Klassenkampf im Reservat der Reichen

31.07.2007 ·  Die Hamptons bei New York: Hier wohnen Filmstars als Nachbarn von Börsengiganten in einer Welt für sich - und müssen jetzt fürchten, ins Meer gespült zu werden. Denn die Einheimischen beginnen sich zu wehren. Jordan Mejias berichtet.

Von Jordan Mejias, New York
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Es hat etwas gedauert, aber schließlich ist doch ein Käufer aufgetaucht. Knapp siebzehn Millionen Dollar war ihm das Haus am Meer wert. Siebzehn! Geradezu ein Schnäppchen. Denn der Besitzer wollte für die gut zehn Jahre alte Villa mit den von der Salzluft eingedunkelten Zedernschindeln zwanzig Millionen haben. Aber den Sommertratsch löste weder der kräftige Rabatt noch die Tatsache aus, dass der Käufer Billy Joel und der Verkäufer Roy Scheider hieß, also der Piano Man und der Jäger des weißen Hais handelseinig wurden.

Solche Deals unter Prominenten sind an der Tagesordnung, wo die Elite der Wall Street mit dem Glamourpersonal Hollywoods ihren Sommer verbringt. Von Steven Spielberg bis Stephen Schwarzman, wie der aktuelle König der amerikanischen Finanzwelt heißt, will keiner seinen Auftritt in den Hamptons verpassen.

Nur die Jetsetter nennen sie „die Hamptons“

Auffällig ist die Transaktion eigentlich nur, weil siebzehn für ein Haus hingeblättert wurden, das bald in den Atlantik fällt. Mag sein, dass der Piano Man sich noch ein paar Jahre darin vergnügen kann, aber an diesem Küstenabschnitt östlich und westlich der Town Line Road, die East Hampton von Southampton trennt, wäre es nicht das erste Anwesen, das ins Meer gespült wird. Dennoch hat einer die Villa, die von einem zünftigen Nor'Easter ins Meer geblasen wurde, durch eine andere ersetzt, nachdem er für das leere und nun kleinere Grundstück ein paar Millionen bezahlt hatte. Ach Gott, wer wird sich schon über den möglichen Verlust eines Lustschlosses mit Meerblick groß aufregen, wenn allein eine Geburtstagsfeier, Schwarzman hat es kürzlich vorgemacht, mit drei Millionen zu Buche schlagen darf.

Die Hamptons, wie die in den Atlantik ragende Ostspitze von Long Island unter Jetsettern heißt, während die Einheimischen sie stur East End nennen, sind eine Welt für sich. Als Reservat der Reichen, die von Anfang Juni bis Ende August ihre Residenzen an der Park Avenue mit einem von der Ozeanbrise umspielten Holzpalast tauschen, sind die malerischen Ortschaften mit Weltruf gestraft. So krass wie heute war die Szene aber noch nie. Vor mehr als einem halben Jahrhundert fanden damals unbekannte Künstler wie Jackson Pollock und Willem de Kooning noch Farmhäuser, in denen sie billiger leben und malen konnten als in New York. Jetzt müssen Künstler mindestens den Kurswert eines Julian Schnabel, Robert Gober oder Chuck Close aufweisen, um hier unterzukommen. Der Nachwuchs kann sich nicht einmal mehr eine Hütte leisten.

... und 103 Millionen für das Nachbargrundstück

Wer sich heutzutage eine etwas bessere Bleibe gönnen will, muss sich mit achtstelligen Dollarbeträgen vertraut machen. Wie in Manhattan hat auch der Immobilienboom auf Long Island einen einzigen Grund: Wall Street. Die sagenhaften Gewinne, die dort eingefahren werden, haben jede Form von finanzieller Zurückhaltung in Urlaub geschickt. Zehn, zwanzig, dreißig Millionen Dollar für den Kauf einer Villa sind kein Schlagzeilenfutter mehr, 600.000 Dollar Miete für drei Monate auch nicht. Ein Großinvestor, der an der Further Lane von East Hampton seinen Sommertraum baut, hat gerade 103 zusätzliche Millionen lockergemacht, um das Grundstück nebenan zu erwerben. Das windzerzauste Anwesen, das einst Andy Warhol gehörte, wechselte vor nicht langer Zeit für dreißig Millionen den Besitzer.

Der Konsumrausch am Meer trägt allerdings auch sonderbar konformistische Züge. In ihrer Einfallslosigkeit eifern die als Statussymbole vorgesehenen Villen Plattenbauten nach. Nichts Individuelles und schon gar nichts Zeitgenössisches ist erwünscht. In ihrer Luxusausstattung, vom Sprudelbadebecken im manikürten Garten bis zum Heimkino und klimatisierten Weinkeller, gleichen sie einander ebenso wie in ihrer äußeren Gestalt, die sich ins vorletzte Jahrhundert zurücksehnt. Unverzichtbar sind Erker, Gauben, viktorianisch verspielte Spitzgiebel und Schornsteine, die signalisieren, dass auch kein Gästezimmer ohne offenen Kamin auskommen muss, und sich über die Dachlandschaft eines derart säkularen Tempel des Reichtums wie Minarette erheben. Neues Geld will nun halt im alten Rahmen funkeln, der so auszusehen hat, als befände er sich seit Generationen im Familienbesitz.

Jetzt mähen die Alteingesessenen den Rasen der Reichen

Für diese Monstrositäten hat sich der Begriff McMansions eingebürgert. Zusammen mit militärisch aufgerüsteten Geländewagen drohen sie, bei echten Hamptonites nicht aus der Mode zu geraten. Sie sind überall anzutreffen. War früher die Gegend südlich des zweispurigen Highway, der den Inselzipfel durchschneidet, den Luxusvillen vorbehalten, schießen nun überall McMansions aus dem Boden. Die Alteingesessenen, Nachkommen der Fischer und Farmer, die nun den Rasen mähen und den Pool reinigen, schauen nicht nur verwundert zu, wie im Zeitalter der Superreichen die Hamptons immer mehr in eine Zweiklassengesellschaft zerfallen.

Sehr gespannt kann sie sein, die Atmosphäre zwischen ihnen und den „summer people“, die in der Feinkostbaracke „Loaves & Fishes“ für einen Klacks Hummersalat hundert Dollar hinblättern, im „Dune“ für eine Jeroboamflasche Champagner 25.000 Dollar springen lassen und sich allabendlich auf Wohltätigkeitsgalas treffen, bei denen Entertainer wie Prince spielen. Dazu passt, dass Tom Wolfe soeben den neuen „Masters of the Universe“ bescheinigt hat, sie überträfen die alten an Niedertracht und Garstigkeit. Die Universumsmeister haben es indes nicht leicht. All die Hubschrauber, die sie für achthundert Dollar von der Wall Street in die Gin Lane von Southampton bringen, gehen sogar dem New Yorker Senator Charles E. Schumer dermaßen auf den Wecker, dass er sich für eine Beschränkung des Flugverkehrs starkmacht.

Der Gemeinderat beschränkt die Größe neuer Häuser

Wer im Hubschrauber kommt, setzt sich obendrein der Gefahr aus, von denen, die im Privatjet landen, bloßgestellt zu werden. Im endlosen Übertrumpfungswettbewerb der Hamptons kann es keinen endgültigen Sieger geben. Einer ist immer reicher, mächtiger, schnöder. Noch beim Rasenmähen ist Prestige im Spiel. Ein armseliger Tropf, dem der Rasen am Montag gemäht wird. Ihn deklassieren unweigerlich die Nachbarn, die es geschafft haben, sich das Gras am Freitag millimetergenau fürs Wochenende zurechtstutzen zu lassen. Selbst die mitgebrachten Kinder, von den Einheimischen als Spricks, als „spoiled rich kids“ gefürchtet, sind dem Erfolgsdruck ausgesetzt. Von ihren Eltern zur Einübung ins Geschäftsleben an den Straßenrand gesetzt, um Limonade zu verkaufen, schreien sie wie Wegelagerer hinter jedem Auto her. Wirft einer aus einem Bentley einen Fünfzigdollarschein ins Körbchen, ist die Erziehung gelungen.

Der kleine Ort Sagaponack, der bis vor kurzem zu Southampton gehörte, hat sich nun selbständig gemacht hat, um allein über seine Geschicke zu bestimmen. Zum großen Missbehagen der ständigen Ortsbewohner identifizierte die Boulevardpresse vergangenes Jahr die Postleitzahl von Sagaponack als „ritziest code“ im Land. Nirgendwo in Amerika sollen die Häuserpreise höher liegen. Diese Art von Magnetwirkung hat der Gemeinderat gar nicht geschätzt, der bald darauf beschloss, die Größe aller neuen Häuser zu beschränken. Den protestierenden Bauentwicklern, die auf gut Glück Landsitze für fünfzehn, zwanzig Millionen bezugsfertig errichten, schleuderte der Ur-Sagaponacker John White bei einer Gemeinderatssitzung entgegen: Es seien ja nicht die Häuser, die so schlimm sind, schlimmer seien die Arschlöcher aus der Stadt, die sie bewohnen.

Am 1. September kehrt der Zauber des East End zurück

Einheimische und Sommergäste, deren Villen neun Monate im Jahr unbewohnt sind, sind inzwischen aufeinander angewiesen. Farmer Pike, der einen Verkaufsstand nahe des Montauk Highway eingerichtet hat und dort Maiskolben, Tomaten und Beeren vom Feld verkauft, fürchtet um den gepachteten Acker, den er hinter der Freilufttheke bewirtschaftet. Für elf Millionen Dollar steht er zum Verkauf. Jim Pike und seine Frau Jen haben gleich eine Liste ausgelegt, in der sich jeder eintragen kann, der lieber Salatköpfe und Sonnenblumen als McMansions sieht. Seitdem haben die Pikes mehr als tausend Namen samt Adressen und Telefonnummern gesammelt. Sie hoffen nicht bloß auf moralische Unterstützung. Für viele ihrer Kunden wäre es ein Leichtes, den Acker zu erwerben und, gegen entsprechende Steuervergünstigungen, dem Gemeinwohl anzuvertrauen.

So sollen dieselben „summer people“, die Kartoffeläcker und Eichenwälder mit McMansions vollstellen, ihr möglichst üppig bemessenes Scherflein dazu beitragen, dass eine der reizvollsten Küstenlandschaften Amerikas nicht völlig zersiedelt wird. Jeder der wenigen verbliebenen Äcker, die in Baugrundstücke aufgeteilt werden, muss in Sagaponack nun zu zwei Dritteln als landwirtschaftliche Fläche erhalten bleiben. Wird ein McMansion verkauft, gehen zwei Prozent der Summe in den „Community Preservation Fund“, der das Geld für den Ankauf und die Bewahrung unbebauter Flächen verwenden kann.

Das bewahrt die Gegend nicht vor den Kaprizen des New Yorker Geldadels, wenn er sein Stadtleben in der Landluft fortführt. Aber wer davon genug hat, findet auch im Sommer noch einsame, im Gischtnebel sich auflösende Strände und wogende Maisfelder, die sich in strenger Geometrie bis an die Küste erstrecken. Und nach dem ersten Septemberwochenende, das mit dem Labor Day die Strandsaison offiziell beschließt, ist der ganze Society-Spuk ohnehin vorbei. Dann stört kein Tennismatch mehr den Sonnenuntergang, liefert keine Cocktailparty mehr die musikalische Untermalung für den rauschenden Ozean. Die McMansions stehen wieder leer, und der ganze Zauber des East End kehrt zurück.

Quelle: F.A.Z., 31.07.2007, Nr. 175 / Seite 40
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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