Im Südwesten von Kansas, mitten im amerikanischen Nirgendwo, liegt Haskell County. Endlos läuft das Land dort in die Ferne, der Horizont ist wie mit dem Lineal gezogen. In dieser Einöde ließ sich 1885 ein Arzt nieder: Dr. Loring Miner, ein Südstaatler aus Athens, Georgia. Groß und breit war er, im Gesicht wuchs ihm ein dichter Schnauzbart. Er trank zu viel und brüllte dann manchmal. Er hatte eine Leidenschaft fürs Altgriechische, und er betrieb ein Labor, in dem er an Erregern forschte, an Keimen. Ein Fach, für das sich damals kaum jemand interessierte. Miner muss ein eigenartiger Mann gewesen sein, aber auch ein guter Arzt, seine Patienten sagten: Lieber Miner besoffen als einen anderen nüchtern.
Im Januar und Februar 1918 wehten eisige Winde über Kansas, und eine seltsame Krankheit tauchte auf in Haskell County. Erst waren es nur ein paar Kranke, zu denen Miner gerufen wurde, dann wurden es immer mehr. Am Ende waren es so viele, dass er nur noch von Farm zu Farm fuhr und sich nachts zum Schlafen hinten in seine Kutsche legte, während die Pferde durch die Kälte trabten. Die Symptome ließen auf Grippe schließen, aber der Krankheitsverlauf war ungewöhnlich heftig. Die Leute fielen plötzlich einfach um, auch und gerade die jüngsten, gesündesten und stärksten. Oft starben sie. Miner hatte so etwas noch nicht erlebt. Besorgt schrieb er an das Gesundheitsministerium in Washington. Antwort kam nie.
Ende Februar wurden ein paar junge Männer aus Haskell County in die Armee eingezogen. Sie kamen in ein Ausbildungslager im Nordosten von Kansas - und sie trugen die Krankheit mit sich. Als Ersten erwischte es einen Koch, drei Wochen später waren schon 38 Soldaten in Fort Riley gestorben und 1100 schwer krank. „Die Patienten hatten Atemnot und liefen blau an. Nachdem sie für einige Stunden nach Luft gejapst hatten, fielen sie in ein Delirium, wurden inkontinent, viele starben im vergeblichen Bemühen, die Atemwege von einem blutigen Schaum zu befreien, der ihnen bisweilen auch aus Mund und Nase schoss. Es war entsetzlich“, schrieb ein junger Arzt.
“Knock-me-down-fever“ nannten die Soldaten die Krankheit, die sich bald auch in anderen Ausbildungslagern ausbreitete und von dort in ganz Amerika, die im April plötzlich in der französischen Hafenstadt Brest grassierte, wo amerikanische Soldaten von Bord gegangen waren, dann in Paris, dann in den Schützengräben in Flandern. Wie ein Feuer raste die Krankheit um die ganze Welt, bis nach Indien und auf verlorene Archipele im Pazifik.
Das Sterben dauerte zwei Jahre an. Ende 1920 verschwand die Krankheit. Heute ist sie berühmt als die Spanische Grippe, als ein Influenza-Virus, das die verheerendste Pandemie des 20. Jahrhunderts auslöste. Mindestens 50 Millionen Menschen starben, unter ihnen der deutsche Soziologe Max Weber, zwei der Kinder, denen die Madonna im portugiesischen Fatima erschienen war, eine Tochter von Sigmund Freud, der Dichter Guillaume Apollinaire. Die Pest des 20. Jahrhunderts, sagen einige; schlimmer als die Pest, meinen andere.
Der Amerikaner mit dem merkwürdigen Akzent tauchte das erste Mal 1951 in Brevig Mission auf, einer verlorenen Inuitsiedlung im Westen von Alaska. Johan Hultin, in Schweden geboren, in die Vereinigten Staaten ausgewandert, Student der Medizin und Mikrobiologie, wollte mit den Ältesten der Gemeinde sprechen. Er hatte eine Frage, die mit einer alten Geschichte zusammenhing, aus dem Winter 1918. Damals, am 15. November, war der Postschlitten nach Brevig Mission gekommen und mit ihm das Influenza-Virus. Fünf Tage später lebten nur noch acht Menschen in Brevig Mission, die anderen 72 waren vom Virus hinweggerafft worden. Die Toten wurden tief im Permafrost begraben.
Hultin wollte die Ahnen aus ihren Gräbern holen. Er hoffte, in den Toten das lebende Influenza-Virus zu finden. Er war überzeugt, dass es irgendwann wiederkehren würde, aber wenn er es isolieren könnte, ließe sich vielleicht ein Impfstoff dagegen entwickeln. Zwei Wochen lang suchten Hultin und seine Kollegen, bevor sie auf ein Grab stießen. Sie zogen sich Handschuhe und Gesichtsmasken über. Vier Leichen entnahmen sie Lungengewebe.
Zurück in Iowa, legte Hultin die Gewebeproben unter ein Mikroskop. Es ging für ihn um einen wissenschaftlichen Traum und um eine existentielle Angst. Hultin fürchtete sich nicht nur vor der Natur, er fürchtete sich auch vor biologischer Kriegsführung, vor Terror (fürchtet sich bis heute, besitzt eine Fluchthütte in den Bergen von Nevada, vollgestopft mit Proteinriegeln und Dosenobst). Doch die Alaska-Reise war umsonst gewesen, das Virus fand sich nicht mehr in den Gewebeproben. Hultin gab seinen Traum auf.
26 Jahre später, im März 1997, erschien allerdings ein Artikel in der Wissenschaftszeitschrift „Science“, der ihn elektrisierte. Autor war Jeffery Taubenberger, Sohn eines deutschen Eiskunstläufers, geboren auf der Army Base in Landstuhl. Taubenberger arbeitete als Pathologe am „Armed Forces Institute of Pathology“ (AFIP), einer schon unter Abraham Lincoln gegründeten Institution, die dem Pentagon unterstand. Zunächst hatte Taubenberger dort an der Entwicklung von Verfahren gearbeitet, mit denen man aus dem Gewebe verendeter Tiere Viren isolieren konnte. Als dem AFIP Budgetkürzungen drohten, sah er sich nach anderen, spektakuläreren Anwendungsmöglichkeiten für seine Forschung um - und erinnerte sich an das Archiv.
In den Beständen des AFIP lagerten zahllose menschliche Gewebeproben, einige davon mehr als hundert Jahre alt, in Formaldehyd konserviert, mit Wachs versiegelt. Taubenberger fand darunter auch sieben von amerikanischen Soldaten, die an der Spanischen Influenza gestorben waren. Das Virus hatte sich in den Gewebeproben aufgelöst, Taubenberger und seinen Kollegen blieben nur noch Fragmente des Codes - wie Scherben einer zersprungenen Vase. Der Bauplan der Spanischen Grippe besteht aus etwa 13 000 Basen. Die Scherben, die die Forscher am AFIP entdeckten, waren höchstens 150 Basen lang. Dennoch gelang es Taubenberger und seinen Kollegen, daraus etwa 15 Prozent der genetischen Sequenz zusammenzupuzzeln. Das reichte für die Veröffentlichung in „Science“ im März 1997.
Taubenberger erhielt bald darauf einen Brief von Johan Hultin. Ob er an weiteren Gewebeproben interessiert sei, wollte der Mann aus San Francisco in seinem höflich formulierten Schreiben wissen. Natürlich war Taubenberger interessiert. So unternahm Johan Hultin, mittlerweile über siebzig, eine zweite Reise nach Alaska.
Dieses Mal war er alleine, er hatte nur einen Spaten dabei und die Gartenschere seiner Frau. Drei Tage lang grub er im Frost. Dann stieß er auf eine Leiche, die Überreste einer untersetzten Frau, die im November 1918 gestorben war. Das Körperfett hatte ihre Lungen vor dem Frost geschützt. Hultin schnitt mit der Gartenschere das Organ aus der Leiche, verteilte es auf vier Spezialkisten und schickte die an Taubenberger.
Acht Jahre später, im Oktober 2005, wurden fast gleichzeitig zwei wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Einer in „Nature“: Taubenberger verkündete, das Virus sei nun komplett entschlüsselt, alle 13 000 Basen, dank der Toten aus dem Eis. Der zweite Artikel erschien in „Science“, Autor war Terrence Tumpey, ein Grippeforscher aus Atlanta, Georgia, Co-Autor Taubenberger.
Tumpey schrieb, sein Team habe auf Taubenbergers Forschungen aufgebaut. Mit Hilfe seiner Sequenz habe man das Virus nachbauen können. In ihren Labors befinde sich eine funktionierende Version der Spanischen Grippe.
Vor der Veröffentlichung von Tumpeys Arbeit hatte es in der Redaktion von „Science“ Diskussionen gegeben. Was Tumpey beschrieb, war wissenschaftlich hochinteressant, und was er geschaffen hatte, dieses rekonstruierte Virus, ein molekularbiologisches Meisterstück. 2005 gab es vielleicht drei, vier Labors auf der Welt, die eine solche Arbeit hätten leisten können.
Zugleich war nicht zu leugnen, dass die Arbeit detailliert erklärte, wie man ein entsetzliches Virus herstellen konnte. Was, wenn es aus den Labors entkam? Was, wenn ein Terrorist es nachbaute oder klaute? Wenn das Virus ausbräche, schätzten damals einige Wissenschaftler, würde es in einem Jahr so viele Tote fordern wie Aids, Krebs, Alzheimer, Herzkrankheiten und Schlaganfälle zusammen. Abermillionen.
Kurz bevor die Ausgabe von „Science“ auf den Markt kam, schickten die Redakteure Tumpeys Arbeit daher an das NSABB - das amerikanische „National Science Advisory Board for Biosecurity“. Die Organisation hat eine besondere Geschichte, ihre Gründung im Jahr 2004 war eine späte Reaktion auf den September 2001, in dem der Terror erst aus der Luft, dann eine Woche später in der Post gekommen war. Mehrere amerikanische Senatoren und Nachrichtenredaktionen erhielten Briefe, in denen sich ein merkwürdiges Pulver befand. Es waren Anthraxbazillen. Fünf Menschen starben, nachdem das Pulver in ihre Atemwege gelangt war.
Woher die Briefe kamen, konnte nie ganz geklärt werden. Sicher ist nur, dass die Bazillen in Labors gezüchtet worden waren, sehr wahrscheinlich zu Forschungszwecken. Der Hauptverdächtige, Bruce Edwards Ivins, hatte selbst jahrelang an einem Institut der Army in Maryland geforscht. Doch Ivins nahm sich kurz vor Anklageerhebung 2008 das Leben, so dass kein Richter abschließend beurteilen konnte, ob es sich bei ihm tatsächlich um die wahr gewordene Gruselfigur gehandelt hat: den Wissenschaftler, der wahnsinnig wird und den Tod aus dem Labor entfesselt.
Das NSABB wurde gegründet, weil die amerikanische Regierung sich nach den Briefen eine Institution wünschte, die über Gefahr und Nutzen von diesen Forschungsbereichen der Mikrobiologie entscheiden sollte. „Dual Use“ heißt der zentrale Begriff. Forschung, die zum Wohle der Menschheit betrieben wird, die in den falschen Händen aber zur Katastrophe führen kann.
Das NSABB stimmte der Veröffentlichung von Tumpeys Arbeit schließlich zu. Gefährlich ja, aber für die Impfforschung so wichtig, dass man die Arbeit nicht zurückhalten wollte.
Die öffentlichen Reaktionen auf die Entscheidung waren zurückhaltend. Die einzige laute, gewichtige Stimme kam damals von Raymond Kurzweil, einem Computerwissenschaftler und Wissenschaftsautor, der davon träumt, menschliche Hirne in Computer zu laden und unsterblich zu machen. „Um in Erfahrung zu bringen, wie dieses Virus sich evolutionär entwickeln konnte“, schrieb Kurzweil in der „New York Times“, „hat das amerikanische Gesundheitsministerium das komplette Genom des Influenzavirus von 1918 im Internet in die Datenbank GenBank gestellt. Das ist ausgesprochen töricht. Das Genom ist im Prinzip die Blaupause für eine Massenvernichtungswaffe.“ Für Kurzweil gab es zwischen Tumpeys Arbeit und einer Atombombe nur zwei Unterschiede. Das Virus, schrieb er, sei leichter zu bauen und es würde mehr Todesopfer fordern.
Der 12. September 2011 war mild und sonnig. Im Hotel Intercontinental am Hafen des Städtchens San Giljan auf Malta fand eine internationale Konferenz von Grippefachleuten statt. Für den frühen Morgen war der Vortrag des niederländischen Virologen Ron Fouchier angesetzt. Nach
dem Frühstück strömten die Gäste in den abgedunkelten Konferenzsaal „Eden“. Nur das Podium war beleuchtet, ein paar Scheinwerfer warfen buntes Licht an die tonnenförmige Decke. Draußen blinkte die Sonne auf dem Mittelmeer.
Ron Fouchier, ein Schlaks, grauhaarig und mit tiefen Ringen unter den Augen, trat auf die Bühne, richtete den Blick ins Publikum und überbrachte der Welt furchtbare Neuigkeiten. Er hatte ein Grippevirus gesehen, das alles Gewesene in den Schatten stellte, das eine Pandemie auslösen konnte, viel schrecklicher als jede jemals zuvor.
Er hatte das Virus gesehen, weil er es selbst gebaut hatte.
Wie sonst hätte er beweisen können, dass er im Recht gewesen war, fragte Fouchier später. Es hatte nämlich schon länger einen wissenschaftlichen Streit unter den Grippeforschern gegeben. Fouchier gehörte zu denen, die meinten, dass die asiatische Vogelgrippe eines Tages lernen könnte, von Vögeln auf Menschen überzuspringen und sich dann auch per Tröpfcheninfektion zu verteilen. Andere glaubten das nicht.
Also hatte Fouchier sich einen Vogelgrippestamm aus Indonesien kommen lassen, einen, den man aus einem toten Menschen isoliert hatte, der dieser Krankheit erlegen war. Er musste mit dem Blut oder Kot infizierter Vögel in Kontakt gekommen sein, leicht ist es nicht, sich anzustecken. Ist man aber infiziert, ist die Überlebenschance nicht mal fifty-fifty. Das Virus ist fast dreißig Mal so tödlich wie die Spanische Grippe. Mit diesem Virus hatte Fouchier zu experimentieren begonnen.
Um den Kollegen zu beweisen, dass er recht hatte, musste er selbst Evolution spielen, das Virus verändern. Fouchier wollte dafür sorgen, dass das Virus lernte, sich in den Atemwegen von Säugetieren festzusetzen. Möglichst weit oben, nicht tief in den Eingeweiden, sondern im Rachen, im Mund, in der Nase. So könnte es ansteckender werden. Er musste es an die Oberfläche locken und dann noch hinkriegen, dass es sich in den kühleren oberen Atemwegen auch stark vermehrte, um auf andere Körper überspringen zu können.
Der Forscher begann, das Erbgut des Virus zu manipulieren. Die Stellen im Code, die für das Andocken an Körperzellen und für die Vermehrung zuständig sind. Immer, wenn eine neue Version dieser künstlich erzeugten Viren fertig war, ging er im Labor an einen Käfig und setzte die Krankheit einem Frettchen in die Nase. „Die Atemwege des Frettchens“, berichtete Fouchier, „funktionieren auf die exakt gleiche Weise wie die Atemwege des Menschen. Grippeviren reproduzieren sich dort an den gleichen Stellen, sie verursachen die gleichen Symptome, sie verbreiten sich in ähnlicher Art und Weise.“
Fouchier fand wirklich eine Mutation, die sich in den Nasen und oberen Atemwegen der Frettchen festsetzen konnte. Und diese synthetische Version war gegenüber dem ursprünglichen Virus nur an drei Stellen im Code mutiert. Nicht viele Schritte für die Evolution. Allerdings übertrug sich das Virus noch nicht. Die infizierten Frettchen gingen zwar zugrunde, steckten sich aber nicht gegenseitig an.
Also weiter. Er „mutierte das Virus, was das Zeug hielt“, sagte Fouchier vor dem Publikum in Malta. Doch der Erfolg blieb aus.
Schließlich verfiel er auf etwas „sehr, sehr Dummes“. Dumm meinte er im Sinne von: wissenschaftlich wenig elegant. Wieder fing er damit an, dass er den Frettchen Viren in die Nase setzte. Sobald ein Tier Symptome zeigte, entnahm er ihm diesmal eine Probe und implantierte die in einem anderen Tier. Er züchtete; so wie Menschen das seit Jahrtausenden tun. Aber er züchtete kein Haustier, sondern ein Horrorvirus.
Zehn Mal wiederholte er diese Prozedur. Es war ein Nachmittag im Juli 2011, erzählte Fouchier später der „New York Times“, an dem sein Assistent Sander Herfst in sein Büro in Rotterdam stürmte und den Sieg meldete. Die Frettchen steckten sich gegenseitig an. Das Virus hatte begonnen, von Käfig zu Käfig zu springen. Fouchier und Herfst genehmigten sich ein Bier, „auf den Schock“. Der war aber nur der erste. Der zweite Schock bestand in der Aggressivität des Virus. Drei Viertel der Frettchen seien krepiert, sagte Fouchier in Malta.
Den Konferenzteilnehmern in Malta konnte der Forscher berichten, dass dieses fliegende Virus nur zwei weitere Mutationsschritte getan hatte. Insgesamt, schloss er seinen Vortrag, seien es also lediglich fünf Mutationen gewesen, die aus der bekannten Vogelgrippe das schlimmste Virus gemacht hatten, das die Welt je gesehen hat. „Und das sind nun wirklich schlechte Nachrichten“, sagte Ron Fouchier. Im September 2011, im Saal Eden.
Es brauchte eine Weile, bevor alle begriffen, was der Mann da eigentlich gerade gesagt hatte. Erst als Fouchier seine Ergebnisse im November noch einmal öffentlich wiederholte und dabei erklärte, er wolle die Details der Mutationen auch bald in „Science“ veröffentlichen, kam es zum Aufschrei. Die Welt verstand nun, was noch immer gilt: Dass in einem Rotterdamer Labor eine neue Vogelgrippe liegt, ein apokalyptisches Virus, das die Spanische Grippe wie einen Spaziergang aussehen lassen könnte, übertragen durch die Luft, über Hände, einen Kuss.
Paul Keim, der Chef des NSABB, sagte, er mache den Leuten nicht gerne Angst. „Aber ich kann mir einen schlimmeren Krankheitserreger gar nicht vorstellen. Anthrax ist nichts im Vergleich.“ Der Epidemiologe Donald Henderson sagte, wenn die Wirkung auf die Frettchen wirklich so verheerend gewesen sei, wäre das Virus auch „der ultimative Killer“ für Menschen. Der Chemiker und Biowaffenexperte Richard Ebright schimpfte, diese Forschung hätte niemals betrieben werden dürfen. Er erinnerte an die vielen bekannten Fälle, in denen Viren und Bazillen aus Labors in die Welt geraten seien. Innerhalb der nächsten zehn Jahre würde das Virus ausbrechen, prophezeite er. Journalisten wiederholten Kurzweils Sorge, dass eine Veröffentlichung des genetischen Bauplans als Blaupause für Biowaffen dienen könnte.
Ein heftiger Streit über Forschungsethik und die Wichtigkeit von Veröffentlichungen entbrannte. Andere Wissenschaftler, vor allem aus der Grippeforschung, sprangen Fouchier bei und sagten, mit Hilfe seiner Ergebnisse könne man sich auf die potentiellen Gefahren der Vogelgrippe nun besser vorbereiten. Fouchier selbst zeigte sich mal gelassen, mal verwundert. Er habe das so erwartet, sagte er oder: Es sei sehr schade, dass es in dem Streit so weit gekommen sei. Er erinnerte sich nun plötzlich auch anders: die über die Luft erkrankten Frettchen seien gar nicht gestorben an dem Virus. Der Streit über die Frage, wie man mit Fouchiers Arbeit umgehen sollte, endete am 29. März, als das Direktorium des NSABB über den Abdruck des Textes abstimmte. Die Befürworter betonten die Wichtigkeit für den Rest der Forschung. Die Kritiker sagten, die Veröffentlichung würde das Risiko eines Ausbruchs erhöhen.
Knapp zwei Wochen nach der Abstimmung geriet ein wütender Brief des Epidemiologen Michael Osterholm an die Öffentlichkeit. Die Tagesordnung der Zusammenkunft und die Auswahl der Redner, schrieb das NSABB-Mitglied an die amerikanische Regierung, seien so manipulativ gewesen, dass nur ein Ergebnis möglich war.
Das Resultat der Abstimmung hatte bei sechs zu zwölf gelegen. Sechs Stimmen gegen, zwölf für eine Veröffentlichung. „Science“ hat noch nicht bekanntgegeben, in welcher Ausgabe Fouchiers Arbeit gedruckt wird.