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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die ewige Frage Es fühlt sich richtig an und schön und perfekt

 ·  Er ist ein Ritual, das nach Gestern klingt, nach Kitsch, nach peinlicher Situation. Trotzdem finden Paare: Ein Heiratsantrag muss sein. Und so sucht jedes nach der Form, die passt. Hoffentlich.

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© Disney/Cinetext „Selbst ist die Braut“ - manchmal auch beim Antrag: Sandra Bullock und Ryan Reynolds

Den Ring hat er noch in Deutschland ausgesucht und sich den ganzen Flug gesorgt, dass der Koffer verlorengehen könnte: Weißgold, mit Steinen. Seit Beginn ihrer Andalusien-Reise nun trägt er das gute Stück in sein Brillenputztuch gewickelt mit sich herum. Er will den richtigen Moment erwischen, allein mit ihr, ganz intim. Am Vorabend war ihr plötzlich kalt, da musste sie schnell ins Hotel. Tagsüber bogen ständig neue Touristengruppen um die Ecke. Er ist aufgeregt. Hoffentlich friert sie jetzt nicht. Hoffentlich geht alles gut. Er spürt einen Kloß im Bauch. Wie oft hat er solche Szenen im Film gesehen, und doch wird er später sagen: „Es gibt ja keine Anleitung dazu.“ Eine ganze Flasche Wein hat er getrunken. Manche Dinge tut man, hoffentlich, nur einmal im Leben.

Ein herrlicher Urlaubstag liegt hinter ihnen. Stundenlang sind sie durch die Alhambra gestreift, haben in den Gärten gepicknickt und viel fotografiert. Abends dann ein Essen in einem arabischen Restaurant, Hühnchen mit Zimt und Rosinen und zweieinhalb Stunden gute Gespräche. Nach einem heißen Tag ist die Luft jetzt lau. Er schlägt vor, sich noch auf eine Bank am Fluss zu setzen, über ihnen die angestrahlte Burg. Zwei Straßenmusiker spielen Evergreens.

Einen Heiratsantrag braucht heute keiner mehr – eigentlich

Dann bittet er sie, den Namen eines Restaurants am Ufer vorzulesen. Sie ist verwirrt, die Leuchtlettern sind schließlich riesig. Trotzdem folgt sie seiner Bitte und sieht nur aus den Augenwinkeln, wie er an seiner Tasche herumnestelt. Da hält er schon ihre Hand. Er sagt, dass er sie liebe und dass er sein Leben mit ihr verbringen wolle. Als er fragt, ob sie ihn heiraten will, steckt er ihr den Ring an den Finger.

Sie muss lachen, sie prustet einfach los. Aus Überraschung. Vor Staunen. Wegen der Erleichterung, weil sich etwas in ihr löst: Wie lange hat sie auf diesen Moment gewartet! Und dann lässt er ihr nicht einmal die Zeit für eine Antwort! Jetzt kommt die Freude, reine Freude, Wahnsinnsfreude. Sie kichert den Rest des Abends und ist so überdreht, dass sie ihn überredet, den Berg bis zum Hotel zurück zu Fuß hinaufzustapfen, anstatt ein Taxi zu nehmen. Das war vergangenen Sommer. Im Juli werden sie heiraten.

Keiner braucht heute mehr einen Heiratsantrag. Eigentlich. In einer Zeit, da Liebe und Ehe entkoppelt sind und Versorgungsfragen auf anderem Weg geregelt werden, könnte ein Paar doch gemeinsam beschließen, dass es reif für die Hochzeit sei - beim Sonntagsfrühstück vielleicht oder beiläufig vor dem Einschlafen. Das aber tun die wenigsten.

Im Gegenteil: Als gäbe es einen Wettbewerb um den originellsten, spektakulärsten Antrag, schreiben Männer die Frage aller Fragen auf Transparente, die sie per Boot den Rhein hinauf rudern lassen. Sie buchen Fallschirmsprünge, mieten Pferdeschlitten und planen exotische Reisen, deren eigentliches Ziel darin besteht, Kulisse für einen denkwürdigen Antrag zu sein. In Amerika hat es diese Woche ein Mann in die Talkshows geschafft, der seinen Ehewunsch in eine mitreißende Tanzperformance sämtlicher Freunde und Nachbarn gekleidet hat: „Isaac’s Live Lip-Dub Proposal“ bekam bei Youtube mehr als elf Millionen Klicks in neun Tagen. Die Medien vermelden derweil Promi-Verlobungen: Brad Pitt und Angelina Jolie. Fußballer Sami Khedira und Klum-Model Lena Gercke. Heiratsabsichten als Nachricht.

Keine Ringe, kein Plan, keine Floskeln

“Sich so nackig zu machen ist wahnsinnig romantisch“, sagt die Grafikerin, die an einem lauen Abend mit ihrem Freund auf einem Berliner Dach beim Picknick saß, während das gemeinsame Kind unten in der Wohnung schlief: Champagner und Babyphon.

“Ich wollte, dass er sich zu mir und dem Kind bekennt“, sagt die Pädagogin, die schwanger war, als ihr Partner auf einem viel zu langen Spaziergang um ihre Hand anhielt.

“Es ging darum, einen Startschuss zu geben“, sagt der Fotograf, der die Mutter seines zweiten Kindes an ihrem Geburtstag zum Essen ausführte. Molekularküche. Anschließend, auf einer Brücke mitten in der Stadt, nahm er ihre Hand und fragte. Er hatte keine Ringe. Er hatte nicht wirklich einen Plan. Aber es war schön. Natürlich. Authentisch. Die Worte, die er fand, waren weder Floskeln noch Formeln. Die verhassten Bilder in seinem Kopf, rote Rosen, Helikopterflüge, Kerzenlicht - plötzlich alle weg.

Der Fotograf ist Anfang vierzig und stammt aus einer Generation, die es im Nachgang der Achtundsechziger als Freiheit begriff, auf Dauer zusammenzuleben, ohne heiraten zu müssen. Die freudlose Ehe der Eltern stieß ihn ebenso ab wie aufgeladene Inszenierungen von Traumhochzeiten à la Linda de Mol. „Der Moment des Fremdschämens hat damals schon begonnen“, sagt er. Vorläufiger Höhepunkt: der Heiratsantrag der sichtbar versehrten Sportmoderatorin Monica Lierhaus vor dem Millionenpublikum einer Fernsehgala.

Öffentliche Anträge setzen unter Druck

Erst als der Fotograf in seiner neuen Beziehung ein Zeichen setzen wollte, das die Liebe von vorherigen Partnerschaften unterschied, begann seine Suche nach einer stimmigen Form: eine coole Location für die Hochzeit, eine echte Party ohne Reden und programmierte Rührseligkeit. Sein Antrag, sagt er, war der Auftakt zu einer Heirat fern von Kitsch und Klischees.

Ganz gleich, ob der Snowboarder mit seiner Snowboarderin im Urlaub einen Gipfel besteigt oder der Serviceberater aus dem Autohaus während einer Karibik-Kreuzfahrt unter dem Sternenhimmel die Ringe zückt: Frauen berichten gerührt über die Mühe und Gedanken, die Männer sich gemacht haben. Männer bekennen ihre Aufregung, wie die Frauen wohl reagieren. Der Ort. Die Accessoires. Die Worte. Das Internet serviert eine Überdosis an Tipps für die angeblich perfekte Form. Im Idealfall aber sagen beide: Es hat zu uns gepasst.

Der Fernsehredakteur, der auf der Geburtstagsparty seiner Freundin vor fünfzig Gästen ein Gedicht vortrug, geht sogar noch weiter. Er hatte den Text einer Liebeserklärung, die seine Freundin aus dem Kino kannte und ergreifend fand, umformuliert, aufgeschrieben und gerahmt. Eigentlich wollte er damit nur sie allein überraschen. Öffentliche Anträge, etwa vom Mittelkreis eines Fußballstadions aus, setzen die Auserwählte unter Druck, fand er.

Dann änderte er seinen Plan spontan. Die Terrasse im Garten seiner künftigen Schwiegereltern wurde zur Bühne, plötzlich kniete er da. Und erst als Jubel aufbrandete, wurde ihm bewusst, was es hieß, so einen verantwortungsvollen Schritt in Richtung Familie und Erwachsensein vor Zeugen zu begehen. „Es hat mehr Gewicht dadurch“, sagt der Redakteur. Gerade, weil er seinen inneren Schweinehund überwinden musste und sich nicht darum scherte, was andere von ihm dachten. Heute weiß er, wie sehr er den Nerv seiner Freundin getroffen hat. Intuitiv hatte er getan, was ihr gefiel. Ein Ausdruck gefühlter Gemeinsamkeit.

„Moment von Männlichkeit“

So wird ein Ritual, das seine gesellschaftliche Funktion zu weiten Teilen verloren hat, individuell mit Bedeutung gefüllt. Wer weiß schon noch, dass das Verlöbnis einstmals wichtiger war als die Hochzeit? „Heirat war ein Rechtsgeschäft“, sagt die Volkskundlerin Christel Köhle-Hezinger. Es ging darum, Familien und Besitz zusammenzufügen, und die entscheidenden Verhandlungen wurden während der Anbahnung des Eheversprechens geführt. Der Rest war Vollzug.

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Knieend in den Fluten: Gina Lollobrigida und Marcello Mastrioianni in „Wo der heiße Wind weht“ © INTERFOTO Knieend in den Fluten: Gina Lollobrigida und Marcello Mastrioianni in „Wo der heiße Wind weht“

Erst vom 18. Jahrhundert an, als traditionale Bindungen an Einfluss verloren und die Kleinfamilie als unabhängige Einheit entstand, ersetzte das Ideal der romantischen Liebe nach und nach die familiären Arrangements. Um den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schließlich etablierte sich der Heiratsantrag als Liebeserklärung zwischen Mann und Frau: Bis dahin galt, so die Soziologin Rosemarie Nave-Herz, dass der Bräutigam als künftiger Ernährer bei den Eltern seiner Auserwählten vorstellig wurde.

Geblieben ist von diesen Konventionen vor allem die aktive Rolle des Mannes. Bestens ausgebildete, gut verdienende Frauen, die als Single den Männern ihrer Träume Avancen machten, beharren darauf, dass sie gefragt werden wollen. Männer, die selbstbewusste Frauen und eine gleichberechtigte Partnerschaft schätzen, gehen wie selbstverständlich davon aus, der Antrag sei ihre Sache. Ein Kameramann, der einen Freund daheim im Erkerzimmer Kerzen und ein Herz aus Rosenköpfen arrangieren ließ, spricht von einem „Moment von Männlichkeit“. Das Klischee verlangt Männerbiographien, in denen Häuser gebaut, Söhne gezeugt, Bäume gepflanzt würden. Ganz oben auf seiner persönlichen Liste steht: der Antrag. „Wenn du das schaffst, dann ist das ein wichtiger Meilenstein“, sagt der Kameramann.

Wer eine Abfuhr scheut, schließt Risiken besser aus

Zeitverschwendung, schimpft hingegen die Marketingfrau, die am Fuße der Alhambra ihren Verlobungsring bekam: Sie hätte ihrem Freund am liebsten schon zwei Jahre früher einen Antrag gemacht. Das Studium, der Beruf, das erste eigene Auto - wichtige Entscheidungen für ihre Zukunft traf sie gewöhnlich selbst. Nur beim Heiraten hatte der angehende Politikwissenschaftler signalisiert, dass er den ersten Schritt für sich beanspruchte. „Das ist dann schon schwierig, sich zurückzunehmen“, sagt sie. Sie wohnten schon zusammen, sie waren knappe dreißig. Vielleicht, tröstete sie sich, war er noch nicht so weit. Wer eine Abfuhr scheut, schließt Risiken besser aus.

Aber dann verbrachten sie die Tage zwischen Weihnachten und Silvester in Lyon. Sie schlenderten durch die romantisch beleuchtete Stadt und bestellten grässliches Essen in hübschen Bistros, weil sie die französische Speisekarte nicht verstanden. Lustig war das, und unglaublich nah, die ideale Gelegenheit - fand jedenfalls sie. Und begann sich zu sorgen, weil nichts geschah. War etwas nicht in Ordnung? Was war nur los mit ihrem Freund? Zwei Wochen nach der Reise, als der Zweifel noch immer nagte, sprach sie das Thema an. Und erfuhr zum Glück, dass er wenigstens über einen Antrag nachgedacht hatte. Allein, es fehlte der Ring.

Heute, wenige Wochen vor der Hochzeit, schwärmt die Marketingfrau wie beseelt von einem idealen Abend in Andalusien. Auch die Diplompädagogin, die ein Ostseewochenende zum Zehnjährigen vergeblich auf einen Antrag wartete, stellt rückblickend fest, die Episode sei typisch für ihre Beziehung: Das Wetter war Mist, die Oma krank, die Kinder nervten. Erst als das Paar dann Sonntagabend erschöpft und unglücklich wieder zu Hause saß, stellte er die Frage, nach der sie sich so gesehnt hatte. „Im Chaos zueinanderfinden“, nennt sie das. Wie immer bei ihnen.

Kennenlernen, erster Kuss, erstes Kind

Wenn Paare von ihren Heiratsanträgen berichten, erzählen sie Geschichten darüber, wer und wie sie sind - der Außenwelt, aber auch sich selbst. Das Kennenlernen. Der erste Kuss. Der Antrag. Später die Hochzeit, vielleicht das erste Kind: Aus den Eckpunkten einer Beziehung erwächst ein Bild, in dem Mann und Frau sich wiederfinden. Vielleicht auch in Krisenzeiten. Dann wird die Erinnerung zum Halt.

Heute hält der kleine Sohn sie auf Trab. Die Baustelle für das gemeinsame Haus, auf der es nicht vorangeht, verschlingt seine freie Zeit. Der Alltagsstress hat jeglicher Harmonie den Garaus gemacht; manchmal sorgt sich die Verlagskauffrau, wo das alles enden soll. Dann blättert sie in den Fotos von früher. Oder sie erinnert sich an diese Silvesternacht, als er mitten im Großfeuerwerk verschwunden schien, weil er sich hingekniet und einen Strauß Blumen hervorgezaubert hatte. „Es hilft mir, an diesen Tag zurückzudenken, weil wir lieben uns ja irgendwo“, sagt sie. „Es hat sich so richtig angefühlt und so schön. Und so perfekt.“

Wer einen Moment schaffen will, der für die Ewigkeit taugt, hält am besten die Videokamera parat: um den Chor zu filmen, den er verpflichtet hat, damit er in der Londoner U-Bahn scheinbar spontan ein Lied anstimmt. Um, wie „lip dubber“ Isaac Lamb, die Choreographie zu dokumentieren, die Nachbarn und Freunde extra für seine Liebste einstudiert haben. Mag sein, dass er auf diese Weise Unsicherheit überspielt, drohende Peinlichkeit bannt und im Wettbewerb um den sympathischsten Heiratsantrag in Führung geht. Er kann aber auch einem Ritual vertrauen, das es noch immer vermag, aus sich selbst heraus Wucht zu entwickeln: Heiratsantrag unplugged.

Mehr Rock’n’Roll als Schnulze

Wie der Kliniksprecher, der auf keinen Fall eine zweite Heirat wollte. Ein Paar Anfang Vierzig, drei Kinder von Verflossenen, man war zusammengezogen, sie hatte die Stadt gewechselt, er schon vor einem Jahr Ringe besorgt. Eines Abends saßen sie auf dem Sofa, er mit einem Eisbeutel auf einem schmerzenden Knie, und stritten, mal wieder. Um den Einfluss seiner Ex auf das gemeinsame neue Leben und ihr Gefühl, dass er ihr den angemessenen Status verweigerte.

Er ist ein spontaner Typ, mehr Rock’n’Roll als Schnulze, und plötzlich fragt er, wie im Scherz: Wollen wir heiraten? Und weil sie nicht reagiert, lässt er den Eisbeutel los, hinkt zu ihr hinüber, kniet sich vor sie und legt ihr die Hand auf die Schulter: Willst du mich heiraten? Ein Schauer durchzuckt sie. Er meint es ernst. Er spürt den Ernst. Die Tragweite einer Entscheidung, die ihr gemeinsames Leben auf eine neue Grundlage stellt. Später wird er bei ihren Eltern um ihre Hand anhalten, eine ernste Sache verlange nach einer ernsthaften Form, sagt er. Sie streiten sich heute weniger.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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