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Die Cordhose Breit, lang, konservativ

29.10.2011 ·  Lange Zeit war die Cordhose die ungeliebte Schwester der Jeans. Mit ihren auffällig gerippten Beinen läuft sie ihr nun den Rang ab

Von Jennifer Wiebking
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Eine Party zum 11.11.'11? Für einen Stoff? Was für Außenstehende nach einem schlechtem Facebook-Witz oder einer Verschwörungstheorie klingt, ist tatsächlich ernst gemeint. In der Welt des längs gerippten Cordstoffes wird der kommende 11. November groß gefeiert. Für die Anhänger des New Yorker "Corduroy Appreciation Clubs", einer Mischung aus Verein und Geheimbund, ist dieser Tag etwa so, als würden totale Mondfinsternis und Silvester auf einen Tag fallen - ein großes Fest, das es in hundert Jahren noch nicht gegeben hat. Denn dann, so erklären Bekenner, wird sich das Stoffgerippe bildlich eins zu eins in der Optik der Datums-Zahlenfolge des 11.11.'11 widerspiegeln.

Und auch hierzulande scheint es, als fiebere alles dem "Corduroy Appreciation Day" entgegen. Ob fein oder grob, sieht man die gerippte Cordhose momentan in allen Farben des Herbstlaubes an den Beinen von Menschen, die ansonsten nicht im Geringsten an gesetzte Herren erinnern, jene, die mit den Hosen in alten englischen Clubs ein- und ausgehen würden.

Uniform der früheren Club-Kultur

Aber genau dort, hinter den ursprünglich holzvertäfelten Türen und Wänden von früher, die heute teilweise nicht mehr als eine Passwort-Schranke im Internet sind, könnte der Ursprung des jüngsten Cord-Comebacks liegen. Denn während Club-Modelle mit Netzwerken jeder Art in völlig überholter Form schwach an die ehemaligen Gentlemen-Clubs aus dem 19. Jahrhundert erinnern und in unsicheren Zeiten wie diesen Konjunktur haben, so zeigt sich auch die Cordhose, Uniform der früheren Club-Kultur, wieder verstärkt und in neuem Beinkleid.

Christoph Tophinke, Besitzer des "Chelsea Farmer's Club" mit Stützpunkten in Berlin und Düsseldorf, produziert seit sechs Jahren Cordhosen, die sich mit der Zeit je bunter desto schneller verkauft haben. In Simon Urbans kürzlich erschienenem Roman "Plan D", der die DDR im Jahr 2011 beschreibt, hängt die Zukunft des Landes erheblich von dem Fahndungserfolg des Kommissars Wegener ab, der wiederum von Anfang bis Ende Cord trägt. Und Charlotte Gainsbourg wartet als Claire in Lars von Triers Endzeitfilm "Melancholia" auf den Weltuntergang in Gummistiefeln, grauem Kaschmir-Pulli und einer orangefarbenen Cordhose, die farblich an Mamas Kürbiscremesuppe erinnert.

Wie durch den Hipstamaten gezogen

Eine noch bessere Versicherung als die Mitgliedskarte ist in unsicheren Zeiten schließlich die eigene Familie. Selbst wenn sich die, wie in der Werbewelt, nur zufällig für das Anzeigenfoto zusammensetzt. Tommy Hilfiger präsentiert dazu in diesem Herbst "The Hilfigers" als gleichermaßen modesüchtigen und traditionsbewussten Clan, dessen schöne Tochter zu Tweed und Nadelstreifen fein gerippten weinroten Cord trägt.

Optisch muten die aktuellen Cordhosen dabei an, als hätte man sie durch den Hipstamaten gezogen. Mit Hipstamatic und Instagram, zwei Apps für das iPhone, hält man seit einiger Zeit das eigene Leben nicht mehr in fotografisch hochaufgelöster Form fest, sondern in grobkörnigen, gelbstichigen Bildern - die man natürlich innerhalb von Sekunden mit seinem weitreichenden Netzwerk teilt. Atmosphärisch und farblich erinnern diese Fotos an die siebziger Jahre, als die Cordhose die zweite Haut war. Ihr historischer Ursprung ist dabei nicht ganz eindeutig überliefert, liegt aber wahrscheinlich im Manchester des 18. Jahrhunderts, als England zur industriellen Revolution ausholte.

Auch Jeans sind nicht mehr nur blau

Modisch ist die Lage klarer. Die Cord-Bewegung in diesem Herbst folgt auch einem Trend, der schon im Gange war. So ist die klassische Jeans seit dem vergangenen Frühjahr nicht mehr nur blau, sondern verstärkt rot, grün, gelb oder kaugummipink. Im April berichtete Cathy Horyn, Modekritikerin der "New York Times", von dem reißenden Absatz, den farbige Jeansmodelle der Marke J Brand fänden. Nun, einige Monate später, schreibt Horyn, sei die Cordhose für Frauen gedacht, die Jeans mögen, aber auf der Suche nach etwas Neuem in derselben Nachbarschaft seien. Eine bunte Cordhose trägt man in diesem Herbst mit ebenjener Selbstverständlichkeit.

Passenderweise ist sie Teil vieler Denim-Kollektionen geworden. Ob in den Passformen straight, skinny oder boyfriend, mit Schlag an der Wade, tailliert oder auf der Hüfte sitzend, in Sonnenblumengelb oder einem Zwiebelton von Current Elliott, in Apfelrot von Rag & Bone, schließlich von J Brand in grünen und braunen Jagdtönen und in einer Farbe, die an reife Auberginen erinnert, die Mode feiert momentan ihr eigenes Erntedankfest um den robusten Cordstoff herum.

Längst nicht mehr nur für CSU-Wähler

Selbst der ehemals spießige Grobcord ist längst nicht mehr nur etwas für CSU-Wähler. Bent Angelo Jensen, Designer und Gründer des Hamburger Labels Herr von Eden, bekannt für traditionelle Mode mit einem schrägen Einschlag, hat beobachtet, dass besonders schwere Cordstoffe wie Breit- oder Wollcord Einzug in unsere Wintergarderobe halten. Für diesen Herbst schneiderte er daraus Hosen in Taubengrau und Mintgrün. Das englische Modehaus Mulberry ließ sich währenddessen von Roald Dahls Kinderbuch "Der fantastische Mr. Fox" inspirieren. Die grob gerippten Cordjacken in Bordeaux und Gravy-Saucen-Braun der Marke erinnern dabei auch an den Blazer, den der rote Fuchs in dem Animationsfilm der Geschichte aus dem Jahr 2009 trägt. Sein Regisseur Wes Anderson ist neben Woody Allen einer der größten Cordverfechter unserer Zeit.

Als Animationsgenre unter den traditionellen Cordhosen könnte man derweil die horizontal gekippten Cordarounds verstehen. Eine Start-up-Firma aus Kalifornien fragte sich vor sechs Jahren, warum das Cordmuster eigentlich vertikal verlaufen musste, und drehte es kurzerhand um 90 Grad. Obwohl die Marke ihren Sitz in dem momentan wirtschaftlich unpässlichen Amerika hat, "verdoppeln sich die Verkäufe jährlich", sagt Chris Lindland, der Kopf hinter Cordarounds.

Anlässlich des "Corduroy Appreciation Day" bastelte Cordarounds übrigens gemeinsam mit dem New Yorker Corduroy Club an einem Sondermodell. Es ist auf 111 Paar limitiert, und auf der Seitentasche ist eine weiße Elf eingestickt. Klingt schon wieder nach Verschwörung? Weit gefehlt, anlässlich des 11. November verläuft selbst das Cordmuster von Cordarounds ausnahmsweise in geordneten Bahnen, von oben nach unten.

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