http://www.faz.net/-gum-71cyo

Die besten Brettspiele : Mensch, langweile dich nicht!

  • -Aktualisiert am

Bild: Dieter Rüchel

Vergangene Woche wurde das „Spiel des Jahres“ gekürt. Udo Bartsch, Fachautor und Mitglied der Jury, beschreibt den zeitlosen Reiz des Brettspiels, den Sieger 2012 - und empfiehlt sieben weitere Abenteuer, die sich rund um einen Tisch erleben lassen.

          Spielen? Macht man das echt noch?“ - Wer sich als Brettspieler zu erkennen gibt, begegnet dem immer gleichen Vorurteil. Freundlich-ironisch machen Nichtspieler einen darauf aufmerksam, dass bereits vor geraumer Zeit das Computerzeitalter angebrochen ist. Mit Figürchen über Felder zu hüpfen sei anachronistisch, und das Brettspiel habe allenfalls eine glorreiche Zukunft als Dekoelement auf Retropartys.

          Solche Schmähreden sorgen für manchen Lacher, die Zahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Der Brettspielmarkt in Deutschland nämlich schrumpft nicht. In den achtziger und neunziger Jahren schossen die jährlichen Umsätze im Segment „Spiele und Puzzles“ in die Höhe und erreichten etwa 360 Millionen Euro; seitdem klettern sie langsamer und nur noch in Höhe der Inflationsrate. Nach Angaben der Hersteller pendeln sie aktuell um 400 Millionen Euro. Das ist sicherlich kein Boom. Aber eben auch kein Niedergang. Und nebenbei bemerkt: Die Umsätze mit Computer- und Videospielen (sie sind etwa vier Mal so hoch) sinken seit einigen Jahren.

          „Das Online-Angebot ersetzt das Brettspiel nicht“

          Warum sich das Brettspiel auch im digitalen Zeitalter gut behaupten kann, ist eigentlich leicht zu erklären: Computer ermöglichen vieles - aber eben nicht alles. Manche Erlebnisse lassen sich am Monitor nicht simulieren. Google Earth führt uns an alle schönen Orte dieser Erde. Einen Spaziergang ersetzt es aber nicht. Gerade das Analoge des Brettspiels ist einer seiner entscheidenden Reize. Holzfiguren lassen sich angenehm greifen, Karten werden schwungvoll gemischt, Münzen gleiten durch die Finger, Würfel poltern im Becher. Die Vorbereitungen zu einem Brettspiel ähneln dem festlichen Eindecken einer Tafel. Das Brett wird ausgeklappt, Figuren aufgestellt, Materialien fein säuberlich bereitgelegt. Das Spiel mit all seinen Komponenten bildet den gemeinsamen Mittelpunkt, es versammelt die Menschen um sich herum.

          Einer, der Brettspiel- und Computerwelt gleichermaßen kennt, ist Klaus Teuber, Autor der „Siedler von Catan“. Damit jeder rund um die Uhr Spielpartner findet, hat er sein Erfolgsspiel auf der „Catan Online Welt“ ins Internet gebracht. Ein Eigentor? Mitnichten. Teuber beobachtet: „Das Online-Angebot ersetzt das Brettspiel nicht. Bei den Usern entsteht vielmehr das Bedürfnis, auch im direkten Kontakt miteinander zu spielen. Es kommt zu Verabredungen und Offline-Treffen.“

          Das Zwischenmenschliche ist beim Brettspiel der entscheidende Faktor. Dass andere mit am Tisch sitzen und dasselbe Spiel erleben, lässt das Erlebnis reicher werden. Spieler benötigen ein Gegenüber: um zu bluffen oder zu verhandeln, um subtil zu taktieren oder Spielzüge zu kommentieren. Und natürlich auch, um zu gewinnen oder zu verlieren. All das löst Emotionen aus. Triumph und Wut, Respekt und Schadenfreude. Das gemeinsame Spielen öffnet die Menschen und holt neue Charakterzüge aus ihnen heraus - aber ohne den Ernst der Realität und Furcht vor Konsequenzen. Schließlich bleibt alles nur ein Spiel.

          Die hohe Kunst der Spielentwicklung

          Zweifellos besitzen Computerspiele mehr Möglichkeiten, um Spielreiz zu erzeugen: mit Effekten und Geräuschen, aber auch mit Rechentiefe und Komplexität. Gespielt werden kann in Echtzeit und in unendlich langen Kampagnen. Das Brettspiel dagegen muss auf Einfachheit setzen. Die hohe Kunst der Spielentwicklung besteht darin, mit geringem Regelaufwand einen großen Effekt zu erreichen.

          In vielen Aspekten verhalten sich Brettspiel und Computerspiel zueinander wie Buch und Film. Eine Bewertung, welches das wertvollere Medium ist, wäre müßig. Beide existieren nebeneinander, sie erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse und werden unterschiedlich rezipiert. Ein Film liefert Ton, Bild und Handlung gleichzeitig. Der Zuschauer erhält viele Informationen auf mehreren Kanälen. Ein Buch lässt demgegenüber zahlreiche Leerstellen, die der Leser mit seiner Phantasie füllen muss. Und genau das passiert beim Spiel: Die Regeln bieten nur einen Rahmen, innerhalb dessen viel passieren kann. Es sind die Spieler, die die Leerstellen auskleiden, indem sie Strategien erforschen, zocken, jubeln oder lachen. So wie ein Roman erst zum Leben erwacht, indem ihn jemand liest, erwächst aus Regelwerk und Material erst durch die Spieler eine gemeinsame Handlung. Eine Welt tut sich auf mit Freiheiten und Zwängen. Der Mensch ist Bestandteil dieser Welt und kann ihren Verlauf beeinflussen.

          Innovative Ideen kommen derzeit vor allem aus Amerika

          Lange galten Brettspiele als deutsche Spezialität, mittlerweile wächst auch in anderen Ländern eine bemerkenswerte Autorenszene. Deutlich zeigen dies die Zahlen der weltweit größten Spielemesse „Spiel“, die jährlich in Essen stattfindet. Präsentierten dort Mitte der Neunziger noch rund 400 Aussteller etwa 200 Spieleneuheiten, waren es im Jahr 2011 bereits 810 Aussteller mit geschätzt 750 Neuheiten. Der Anteil der ausländischen Anbieter verdoppelte sich von 24 auf 48 Prozent. Für Spiele aus Deutschland bedeutet das mehr Konkurrenz - aber auch neue Märkte. In den Vereinigten Staaten und Frankreich und sogar in Japan und Südkorea ist das Brettspiel bereits seit einem Jahrzehnt auf dem Vormarsch. Vor allem aus Amerika kommen derzeit viele innovative Ideen. Drei der letzten vier in Deutschland zum „Spiel des Jahres“ gekrönten Spiele stammen von amerikanischen Autoren.

          Im Brettspiel steckt zukünftig noch jede Menge Potential, weil die Entwicklung nicht stehenbleibt. Spiele, wie sie in den achtziger Jahren als herausragend galten, kommen uns heute öde und angestaubt vor. Sämtliche Gattungen von den Party- bis zu den Strategiespielen haben in der jüngsten Vergangenheit ungeheure Fortschritte gemacht, sind eleganter, ausgetüftelter und professioneller geworden. Moderne Fertigungstechniken erweitern die Möglichkeiten. Die weltweite Vernetzung potenziert den Ideenaustausch. Das Brettspiel ist beileibe nicht bei „Mensch ärgere dich nicht“ stehengeblieben. Auf eine spielerische Entdeckungstour zu gehen lohnt sich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.