11.05.2007 · Die Möhneseeschule ist die „beste Hauptschule Deutschlands“. Mit Brief und Siegel: Der Bundespräsident überreichte den Preis. Höflichkeit sei selbstverständlich, das Klima angstfrei, die Lehrer ließen ihre Schüler nicht allein. Mal sehen. Rainer Schulze war zu Besuch.
Von Rainer Schulze, Möhnesee-Körbecke8.00 Uhr, erste Stunde, Projektunterricht „Starke Seiten“. Woher die kleine Schramme auf Julias Stirn stammt, lässt sich leicht erraten. Die Elfjährige klemmt sich ein Einrad unter den Hintern und dreht im Klassenraum ein paar Runden. Der dunkelblonde Pferdeschwanz baumelt wie ein Wimpel im Wind. Applaus. Fragen prasseln wie Pfeile auf sie ein. Wie lange übst du schon? Kann ich das auch lernen? Hast du dir schon mal wehgetan? Wie hältst du die Balance? „Wie ein Flugzeug“, sagt Julia und breitet die Arme aus.
Rütli ist überall? Am Rand des Sauerlands nicht. Die Möhneseeschule ist die beste Hauptschule Deutschlands. Mit Brief und Siegel: Der Bundespräsident überreichte am Donnerstag den Preis. Gut ein Jahr nach dem dramatischen Hilferuf der Lehrer der Rütli-Hauptschule im Berliner Bezirk Neukölln bietet sich dem Stiefkind unter den Schulformen die Gelegenheit zu einer Runderneuerung.
Schon vor dem Brandbrief aus Neukölln, der Kapitulationserklärung der Berliner Lehrer vor ihren aufsässigen, undisziplinierten und unmotivierten Schülern, wurde die Abschaffung der Hauptschule gefordert. Anstoß waren die schlechten Pisa-Ergebnisse. Nur noch knapp ein Zehntel der Schüler besucht die Hauptschule. Ein Auslaufmodell? Jetzt haben die Juroren der Robert-Bosch-Stiftung, der Hertie-Stiftung und der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände den 250 Schülern und 17 Lehrern der Möhneseeschule ein Zeugnis geschrieben, das sich anders anhört. Höflichkeit sei selbstverständlich, das Klima angstfrei, die Lehrer ließen ihre Schüler nicht allein. Mal sehen.
In Eishockeymontur zum Unterricht
Anderswo werden Hamster, Kaninchen und Meerschweinchen mit in den Naturkundeunterricht gebracht. An der Möhneseeschule sind die Utensilien Eishockeyschläger, Rollerblades oder ein Einrad. Wer sich mit Paul auf dem Schulhof anlegen würde, zöge bei einer Rauferei den Kürzeren. Der Elfjährige ist in seiner Eishockeymontur zum Unterricht erschienen. Er schiebt den Puck mit dem Schläger hin und her. 15 Tore hat er in dieser Saison schon für seine Mannschaft, die Börde-Indianer, geschossen. Eishockeyprofi bei den Kölner Haien - da sieht er sich in zehn Jahren.
Andere Kinder präsentieren ihre Kunstwerke, drei Mädchen trällern mutig, wenn auch etwas schief, „I'm walking on sunshine“. Wladislaw, ein Aussiedlerjunge mit dicker Brille auf der Nase, erklärt die Rochade auf dem Schachbrett und ist auf Nachfrage gerne bereit, eine kleine Schachgruppe zu leiten.
Schulfach „Starke Seiten“
„Was sind Ihre Stärken?“ In Bewerbungsgesprächen ist diese Frage ein Dauerbrenner. Die Schüler der Möhneseeschule sind anderen Bewerbern voraus. Sie können gleich eine ganze Mappe auf den Tisch legen, in der ihre Neigungen und Interessen dokumentiert sind, vom Einradfahren bis zum Tapezieren oder Rollstuhlschieben. Vom fünften Schuljahr an sammeln die Kinder zunächst in spielerischer Form ihre Arbeitsproben.
Die Möhneseeschule hat sich ein eigenes Schulfach ausgedacht. „Starke Seiten“, heißt es. Man könnte „Schwächen lindern“ in Klammern hinterherschicken. Denn wer anderen demonstriert, was er besonders gut kann, baut Minderwertigkeitsgefühle ab. „Toll, ihr habt euch gesteigert, habt nicht aufgegeben“, sagt Projektlehrer Meinolf Padberg. Es gongt, und niemand rührt sich.
„You'll never walk alone“
8.35 Uhr, zweite Unterrichtsstunde, Schulcenter für Berufs- und Arbeitsweltorientierung. Meinolf Padberg ist stolz auf seine Schule. Er schließt die Tür zum „MCB“ auf. Am Eingang zum „Möhnesee Schulcenter für Berufsorientierung“ klebt ein Schild: „You'll never walk alone“. An vier Computern schreibt Padberg mit seinen Schülern Bewerbungen, gibt Ratschläge zu Mappen, Anschreiben, Lebenslauf.
Der Raum steht den Schülern auch außerhalb des Unterrichts offen. Nicht selten geben ehemalige Schüler dort Lebens- und Berufserfahrung an Jüngere weiter. Regelmäßig gelingt es der Möhneseeschule, 70 Prozent der Absolventen in Ausbildungsverhältnisse zu vermitteln. Die anderen besuchen das Berufskolleg oder wechseln auf eine weiterführende Schule. Dass hier jemand ohne Abschluss abgeht, kommt schlicht und einfach nicht vor.
Jeder hat einen Zukunftsplan
Auf dem Tisch liegt ein Stapel Papier, auf den Seitenköpfen das Wort „Zertifikat“: „Konstantin König für seinen Aquarien-Dienst“, „Als Busguide sorgte Dennis für mehr Sicherheit“. Andere Schüler helfen im Altersheim oder geben Nachhilfe. „Die Unternehmen sind richtig verrückt nach diesen Zeugnissen. Es zeigt ihnen, welche Persönlichkeit hinter dem Bewerber steckt. Es zeigt, dass sie Verantwortung übernehmen.“ Spätestens am Ende der neunten Klasse hat die Möhneseeschule für jeden ihrer Schüler, ausgehend von seinen Stärken, einen Zukunftsplan.
Mit freiwilligen Projekten will die Schule ihre Schüler an die Arbeitswelt heranführen. Der Unterricht endet in der Regel nach der sechsten Stunde. Mit den Eltern haben sich die Lehrer darauf geeinigt, dass die Möhneseeschule eine Halbtagsschule bleibt. Nachmittags werden Arbeitsgemeinschaften angeboten. „Manchmal sind freiwillige Projekte hilfreicher als zwanghafte“, glaubt Padberg.
Ein Mechaniker brauche keinen Realschulabschluss
Cölestin Ohrmann führt einen mittelständischen Betrieb in der Gemeinde Möhnesee. Ohrmann Montagetechnik beschäftigt 130 Mitarbeiter in Deutschland und zwölf in Kanada. Zwei Stunden in der Woche unterrichtet der Geschäftsführer die Schüler in technischem Zeichnen oder baut mit ihnen im Betrieb eine automatische Sortieranlage. Die unbürokratische Art, wie die Schule „auf dem kurzen Dienstweg“ Absprachen treffe, liegt ihm.
Ganz uneigennützig ist sein Engagement allerdings nicht. An der Hauptschule rekrutiert er seinen Nachwuchs. Für einige Schüler war Ohrmanns Projektunterricht das Sprungbrett ins Berufsleben. Sie fanden in seiner Firma einen Ausbildungsplatz. Ein bis zwei Schüler kommen jedes Jahr in Ohrmanns Betrieb unter.
Bisher konnte der Unternehmer, der in wenigen Jahren mit einem Fachkräftemangel rechnet, alle Auszubildenden übernehmen. Mit der Qualität der schulischen Ausbildung ist er zufrieden. Ein Mechaniker brauche keinen Realschulabschluss. „Die Kinder hier wissen, was der Satz des Pythagoras ist.“ Auch der Architekt Ulrich Hartung, der ebenfalls in seiner Freizeit unterrichtet, findet die Anforderungen mancher Betriebe an ihre Azubis „nur noch lächerlich“. Neulich habe er die Stellenanzeige eines Bestatters gelesen. Anforderung: „Überdurchschnittliches Abitur“.
„Auch wir leben nicht im Paradies“
9.20 Uhr, große Pause: Denise und Bianca werden die Käsebrötchen fast aus der Hand gerissen. „Möhnecafé“ nennt sich der kleine Laden auf dem asphaltierten Schulhof, in dem Schüler und Lehrer für 60 Cent ihr Frühstück kaufen. Zwei Stockwerke höher führen Mitschüler den Laden „School works“. Auf einem Treppenabsatz sind Radiergummis, Blöcke und Bleistifte zu haben.
Auf dem Schulhof geht es ausgelassen, aber friedlich zu. Die Möhneseeschule ist in ihrer ländlichen Umgebung keine Brennpunktschule. Drei Viertel der Schüler kommen aus der 11.000 Einwohner großen Gemeinde Möhnesee. Der Migrantenanteil liegt bei etwa zehn Prozent. Manchmal nimmt Birgit Berendes einen Schüler an die Hand und führt ihn ans Fenster der Aula. Die Schulleiterin lässt den Blick über den Möhnesee schweifen. „Schau, wie schön es hier ist.“ Ohne Zweifel: Wer an einem Frühlingstag am Möhnesee steht und sieht, wie sich die Wellen kräuseln, der vergisst, dass vor weniger als drei Wochen ein Hauptschüler in Kreuzberg seinem Lehrer die Nase mit einem Kopfstoß blutig gestoßen hat. Dass ein Lehrer mit Angst in den Unterricht geht, ist am Rande des Sauerlands undenkbar.
Eine Insel der Seligen? Nicht ganz. „Auch wir leben nicht im Paradies“, sagt Birgit Berendes. Das Kollegium will sich seine Verdienste nicht schmälern lassen. „Wir haben hier unter den gegebenen Voraussetzungen etwas Gutes geschaffen. Etliches lässt sich übertragen.“ Das Preisgeld - 15.000 Euro - will die Schule in ihr „Haus des Lernens“ stecken, das für die Kanugruppe, Kurse in Landschaftsmalerei und Wasseranalysen am Seeufer entstehen soll. Bauherren und Architekten sind die Schüler.
„Diese Schule darf nicht untergehen“
Dass manche Bildungspolitiker und Pädagogen nur noch von „Restschule“ und „Verliererschule“ sprechen und den Grabgesang auf die Hauptschule anstimmen, macht Birgit Berendes wütend. „Wir lassen uns unsere Schüler nicht ins Abseits stellen.“ Es belaste die Kinder, wenn sie hörten, dass ihre Schule „tot“ sei. Von der einseitigen Abschaffung der Hauptschule hält sie nichts. Wenn eine Säule des dreigliedrigen Schulsystems wegbräche, stürze das ganze Haus ein. „Die Stigmatisierung der Hauptschule muss ein Ende haben. Was wir brauchen, ist eine große Rundumdebatte über unser Bildungssystem.“
Dass die Hauptschule ein schlechtes Image hat, bekommen auch die Lehrer in Möhnesee zu spüren. Zwar sind die Zukunftsaussichten für Hauptschüler auf dem Land weitaus besser als in Großstädten. Etliche Eltern versuchten aber, ihre Kinder um jeden Preis zur Realschule zu schicken. Ein Drittel der Hauptschüler sind Rückläufer. Nicht selten staunen deren Eltern: „Was haben Sie gemacht? Unser Sohn geht auf einmal wieder gern zur Schule.“
Der stellvertretende Bürgermeister Hans Dicke ist stolz auf die Schule, das Aushängeschild seiner Gemeinde. Gemeinsam mit dem Kollegium und den Eltern bereitet er sich aber auf einen Kampf vor. Denn die Existenz der Möhneseeschule steht auf dem Spiel. Deutschlands beste Hauptschule könnte wegen Schülermangels geschlossen werden. „Wir müssen der Landesregierung die Augen öffnen. Diese Schule darf nicht untergehen.“
Deutschland sollte sich schaemen!
Thorsten Pattberg (PhillipPaux)
- 11.05.2007, 07:28 Uhr
Ein toller Artikel
Rene Meyer (matrix1329)
- 11.05.2007, 10:41 Uhr
@Herr Pattberg
Rene Meyer (matrix1329)
- 11.05.2007, 20:36 Uhr