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Die „Berliner Straße“ in den Babelsberg-Filmstudios „Sonnenallee“ und Warschauer Getto in einem

17.08.2009 ·  Die Berliner Straße in den Babelsberg-Studios erscheint in vielen Filmen und unterschiedlichen Rollen. Ob Paris, Warschau, New York oder San Francisco: Michael Düwel und sein Team können den Straßenzug beliebig wandeln.

Von Marguerite Seidel
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Es gibt den Billy-Wilder-Platz, die Josef-von-Sternberg-Straße und seit kurzem die Quentin-Tarantino-Straße. Nur die berühmteste Straße von Babelsberg existiert genaugenommen gar nicht. Wer an den Verwaltungsgebäuden, Werkstätten und Hallen des Filmstudios vorbeiläuft, der erfährt dank klingender Straßennamen zwar viel über die bald hundertjährige Vergangenheit des Geländes.

Das Schild mit der Aufschrift „Berliner Straße“ sucht man jedoch vergebens – obwohl gerade dieser Ort es zum Filmstar gebracht hat. 1998 debütierte die Straße als Schauplatz in Leander Haußmanns „Sonnenallee“, 2000 trat sie in „Der Tunnel“ erstmals im Fernsehen auf, 2001 spielte sie das Warschauer Ghetto im oscarprämierten „Der Pianist“ von Roman Polanski. Und jetzt mimt sie Paris – in Tarantinos Kriegsfilm „Inglorious Basterds“, der am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft.

Die Wandlung einer Straße

Dass die Berliner Straße auf keinem Stadtplan zu finden ist, liegt nicht etwa daran, dass Tarantino sie in „Inglorious Basterds“ in die Luft jagt. Es ist vielmehr ihr Job. Sie ist Illusion und wechselt ihren Namen fast so häufig wie Michael Düwel das Filmprojekt. Düwel, Mitte vierzig und gelernter Tischler, gestaltet für das Studio Babelsberg seit fast 15 Jahren Filmsets – künstliche Außen- oder Innenräume, die für Dreharbeiten genutzt und danach meistens wieder eingerissen werden. Vor fünf Jahren übernahm Düwel zudem die Leitung des Art Department. Mit 32 Mitarbeitern betreut er auch die Berliner Straße, eine der wenigen Kulissen, die für den dauerhaften Gebrauch ausgerichtet sind.

Mal verwandelt Düwels Team, das bei Großprojekten auf bis zu 250 Mitarbeiter anwachsen kann, die Straße in San Francisco, mal in Paris, New York oder eben in Berlin – Ost oder West, historisch oder zeitgenössisch, ganz nach Wunsch. „Im Sinne unserer Kunden finde ich Lösungen“, sagt Düwel bescheiden und biegt am Nordzipfel des Studiogeländes in die Marlene-Dietrich-Allee ein. Nur fünf Minuten Fußmarsch vom Haupteingang entfernt bleibt er vor einem Bauzaun stehen. Auf der anderen Seite wuchern Brennnesseln, dann versperren mit Holzplatten beplankte Stahlgerüste die Sicht. Von hinten ist die Berliner Straße kaum zu erkennen. Sie sieht so unspektakulär aus wie die Rückseite einer Jahrmarktattraktion.

„Wir bauen jedes Mal zurück“

Ein paar Schritte weiter führt der schmale Zufahrtsweg aber schon mitten hinein in eine andere Welt. Der erste Blick bietet ein unheimliches Bild: Die in der Sonne ruhende Straße wirkt mit ihren leeren Schaufenstern und ohne ein einziges Schild an Kreuzungen, Haustüren oder Ladengeschäften wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm. Menschen gibt es nicht, durch das Kopfsteinpflaster brechen Unkrautbüschel, über denen ein einsamer Schmetterling flattert. Die gräulich verputzten Holzfronten, die Stuckornamente, Fensterscheiben und Gardinen geben täuschend echte Berliner Hausfassaden im Stil des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts ab.

Insgesamt 26 solcher Fassaden, bis zu 14 Meter hoch, stehen hier in Reih und Glied auf einer Fläche von rund 7000 Quadratmetern. Ein reales Vorbild hat die Berliner Straße aber nicht. Sie erinnert auch nur mäßig an die Filme, die hier gedreht wurden. Der Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin aus „Sonnenallee“ zum Beispiel ist schon lange weg. Vom Pariser Kino, in dem Tarantino Hitler, Goebbels und weitere Nazigrößen erst vor ein paar Monaten ins Fegefeuer schickte, ist ebenfalls nichts mehr zu sehen. „Wir bauen jedes Mal zurück, damit sich neue Kunden in einem neutralen Ambiente stilsicher einrichten können“, sagt Düwel und läuft den Bürgersteig hinab. Wie ein Stadtführer zeigt er hierhin oder dorthin, denn Spuren haben viele Filme trotzdem hinterlassen.

Bestimmte Stilelemente finden sich immer wieder

„An dieser Stelle haben wir die Fassade für Margarethe von Trottas ‚Rosenstraße‘ unterbrochen und Schutt abgeladen, als wäre das Haus von einer Bombe getroffen worden“, erzählt Düwel und weist auf eine Häuserlücke. „Für ‚Beyond the Sea‘ von Kevin Spacey wurde daraus ein englischer Hinterhof, der bis heute als solcher genutzt wird – zuletzt mit neuem Anstrich als Ostberliner Hinterhof für die Verfilmung von ‚Boxhagener Platz’. Das funktioniert, weil die Stilelemente der Straße in vielen europäischen Städten wiederzufinden sind.“ Der Rest sei eine Frage der Patina, der dekorativen Details und der Requisite. Sechs bis acht Wochen braucht Düwels Team normalerweise für größere Umbauten. Häufig mieten sich aber auch weniger aufwendige Projekte ein – etwa für den Dreh zum Musikvideo „Key to the City“ mit Jimi Blue Ochsenknecht oder für Fotoaufnahmen von Modezeitschriften.

Dass die Berliner Straße seit mittlerweile elf Jahren rege genutzt wird, liege vor allem an der richtigen Zukunftsprognose seines einstigen Vorgesetzten Rainer Schaper, unter dessen Regie die Kulisse 1998 gebaut wurde: „Nach der Wende wollte man sich profilieren und hatte die Idee, ein kontinuierliches Set zu bauen, weil es schwieriger wurde, historische Stoffe an Originalschauplätzen zu drehen.“ Ähnliche Ideen habe es zwar schon zu DDR-Zeiten gegeben, als das Filmstudio noch von der volkseigenen Defa geführt wurde.

Straßenkulisse wird zum „Running Gag“

Doch weil eine große Außenkulisse teuer sei, ruhten die Pläne nach Mauerfall und Privatisierung durch die Treuhand weiter, bis mit der Romanadaptation „Sonnenallee“ das passende Projekt und zahlungswillige Partner kamen. „Bei uns in der Straße spart man sich das Abmontieren sämtlicher Satellitenschüsseln“, sagt Düwel zu den Vorteilen. „Auch muss man sich nicht mit den Anwohnern absprechen, wann sie zum Beispiel das Licht einschalten können und wann nicht.“ Ausschlaggebend für den Bau der Kulisse war aber, dass man keine für die „Sonnenallee“ geeignete Straße fand, geschweige denn ein erhaltenes Stück Berliner Mauer inklusive Grenzübergang.

Inzwischen genießt die Berliner Straße nicht nur internationales Renommee. Sie wird von aufmerksamen Film- und Fernsehzuschauern auch schon als leidiger „Running Gag“ wahrgenommen – besonders in Filmen, in denen die Straße historisch korrekt im Stil der Nazi-Zeit dekoriert ist. In einer Ferrero-Küsschen-Werbung, in der ein Mann durch eine Schuttrutsche auf eine heutige Berliner Straße plumpst, muss man sich hingegen gut an Details erinnern, um sie wiederzuerkennen. Wenn Geschichte und Dekor stimmen, meint Düwel, gibt es kein Déjà-vu.

„Ich stand plötzlich vor Hitler“

Einmal hat der Anblick der Berliner Straße selbst ihren langjährigen Begleiter überrascht: Vor ein paar Jahren wollte Düwel einem Bühnenbildner das Bauprinzip erläutern. Er habe aber nicht daran gedacht, dass Dani Levy dort gerade „Mein Führer“ mit Helge Schneider drehte. „Ich stand plötzlich vor Hitler. Überall waren Hakenkreuzflaggen und Wehrmachtsoldaten. Die Szene sah so original aus, dass ich mich kurz erschrocken habe.“

Düwel bleibt stehen und blickt die Straße hinauf. Weiter geht es jetzt nicht mehr. Die Illusion findet in einem Stück Brachland ein jähes Ende. Von hier sieht man die haushohen Containerstapel, die die Kulisse gegen starke Winde schützen. Düwel geht unter einem stützenden Gerüst durch und betritt unvermittelt eine leer stehende Eckkneipe. „Das ist einer der wenigen realen Räume hier.“ Der Linoleumboden ist dreckverschmiert. „Patina“, erklärt Düwel und geht durch eine Tür zurück auf die Berliner Straße. Sein Blackberry blinkt, er muss schnell wieder ins Büro. Welchen Umbau der Berliner Straße er dort gerade plant, kann er noch nicht verraten.

Das Studio führt zudem Gespräche über die Pachtverträge des Landstücks, man hofft auf Verlängerung über das Jahr 2010 hinaus. Im Kino wird die Berliner Straße nach „Inglorious Bastards“ schon bald wieder zu sehen sein: Im September gibt sie den Hintergrund für den Film „Berlin ’36“ von Kaspar Heidelbach – mal wieder dekoriert wie zu Hitlers Zeiten.

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