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Die Babymorde von Brandenburg „Zu so etwas hat die DDR doch nicht geführt“

04.08.2005 ·  In Brieskow-Finkenheerd stoßen Schönbohms Äußerungen auf Unverständnis. Sabine H.s Heimatgemeinde sei ein Industrieort gewesen und kein typisch ländlicher. Auch die Tatverdächtige selbst scheint nicht sonderlich proletarisch geprägt.

Von Florentine Fritzen, Frankfurt/Oder
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In Eisenhüttenstadt lebte Sabine H. im „Fünften“. Die ältere Frau mit dem pflaumenrot gefärbten Kurzhaarschnitt lacht. „Der Ausdruck stammt noch aus DDR-Zeiten“, erzählt sie und stellt den Schrubber beiseite, mit dem sie gerade ihren Balkon im Erdgeschoß geputzt hat. „Eigentlich heißt es: im fünften Wohnkomplex. Aber wir Hüttenstädter sagen immer nur: im Fünften.“

An der Rosenstraße gibt es, wie überall im fünften Wohnkomplex, renovierte Häuser und heruntergekommene. „Die schönen sind meist die von der EWG.“ Noch so eine Abkürzung. „Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft“, erklärt die Anwohnerin und deutet zufrieden auf die blaßgelb gestrichene Fassade hinter sich. Schon 1961 sind sie und ihr Mann in die EWG eingetreten. „Die nicht renovierten Häuser sind meist staatlich.“ Sie waren schon vor der Wende weniger angesehen als die genossenschaftlichen: „Wir haben sie immer die Arbeiterwohnungen genannt.“

„Im Griff gehabt“

Zu diesen Wohnungen, für deren Renovierung kein Geld da ist, gehört auch das längliche Haus am Anfang der Rosenstraße. Die Jahrzehnte in der Industriestadt ganz im Osten Brandenburgs haben seine braungrauen Mauern noch dunkler gefärbt. Dort lebte die 39 Jahre alte Sabine H., die jetzt wegen der Tötung von neun ihrer Neugeborenen angeklagt ist, einige Zeit mit ihrer jüngsten Tochter Elisabeth. Davor und danach hatte sie Wohnungen im 25 Kilometer entfernten Frankfurt (Oder). „Bis Anfang dieses Jahres hat sie hier gewohnt“, erzählt eine Nachbarin, die gerade mit ihrer Tochter vom Einkaufen zurückkommt. Sie sprach immer mal wieder von Balkon zu Balkon mit Sabine H.

Video: Mutter bestreitet Tötung von Neugeborenen

Viel mehr als „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ habe man sich aber nicht gesagt. „Wenn man einen Blick dafür hat, konnte man erkennen, daß da was war“, sagt die Nachbarin und präzisiert: „Daß sie alkoholabhängig war.“ Sabine H. habe das aber „im Griff gehabt“ und sich auch gut um ihre kleine Tochter gekümmert. „Als sie einzog, war das Kind vielleicht zwei Monate alt.“ Zu klein noch für die Rutsche, den Sandkasten, die hölzernen Kühe auf dem kargen Spielplatz hinter dem Haus, erst recht für die Tischtennisplatte.

Schönbohms Äußerung „total unsinnig“

Ein Wohnblock, der an denselben Hinterhof angrenzt, steht leer. Manche Fensterscheiben sind kaputt. Im Hof liegen die Scherben. Viele Möglichkeiten gebe es nicht im „Fünften“, erzählt die Frau aus dem Genossenschaftshaus, bloß die „Kaufhalle“ und die Begegnungsstätte. „Da kann man auch mal einen Kaffee trinken.“ Für alles andere müsse man in die Innenstadt fahren.

Das sei in Brieskow-Finkenheerd anders, sagt Peter Lehmann entschieden. In der Heimatgemeinde von Sabine H. zwischen Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) wurden am Sonntag auf dem Grundstück der Mutter und der Schwester der Tatverdächtigen die Behälter gefunden, in denen Sabine H. die Leichname ihrer Kinder vergraben haben soll. Lehmann, Vertreter des Amtsdirektors, verweist besonders auf die Sportvereine des knapp 2700 Einwohner zählenden Ortes. Die Äußerung des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU), daß die besonders in ländlichen Gebieten der DDR „von der SED erzwungene Proletarisierung eine der wesentlichen Ursachen ist für die Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft“, hält Lehmann für total unsinnig. „Natürlich hat die DDR zu einer Veränderung von Denkstrukturen geführt, aber doch nicht zu so etwas.“

„Die Geschichten sind hier nicht passiert“

Brieskow-Finkenheerd, erzählt Peter Lehmann, sei nach der Jahrhundertwende durch die Braunkohle groß geworden. Noch heute gibt es einen Tagebau-Lehrpfad, und am Kreisel in der Ortsmitte erinnert das schwarze Modell einer Grubenbahn an die Bergbau-Geschichte des Ortes. Die nahen Seen, der Helene-See und der Katja-See, sind nach den Kohlegruben benannt, die sie seit Ende der fünfziger Jahre mit Wasser auffüllen. Damals wurde der Tagebau eingestellt. Doch die Braunkohle hatte schon andere Industriezweige nachgezogen, etwa ein Kohlekraftwerk. Es schloß nach der Wende. „Brieskow-Finkenheerd war ein Industrieort, nicht ein typisch ländlicher Ort“, sagt Lehmann. Auch deshalb sei die Rede von Proletarisierung oder Zwangskollektivierung im ländlichen Raum mit Blick auf seine Gemeinde unzutreffend. „Es gab hier noch nicht mal eine LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft).“

Es ließe sich ergänzen, daß auch die Splitter, die über die Familie der Tatverdächtigen nach außen gedrungen sind, nicht auf eine sonderlich proletarische Prägung hindeuten. Sabine H. ging nicht in den staatlichen Kindergarten, sondern wuchs bei der Mutter auf. Später war sie eine gute Schülerin, ihr Vater betätigte sich im evangelischen Kirchenrat der Gemeinde. Überhaupt steht der Ort jetzt in Lehmanns Worten zu Unrecht im Zentrum des Interesses: „Die Geschichten sind nicht hier passiert, nur wurden die Kästen irgendwann hierher gebracht.“

Die „übliche Fusselarbeit“

„Warum?“ fragt am Grundstück an der Bahnhofstraße ein selbstgemaltes Schild - mit gleich elf Fragezeichen. In dem Haus hinter dem Holzzaun wuchs Sabine H. auf. Dorthin ließ sie, wohl 2003, die Blumentöpfe bringen, in denen sie ihre toten Neugeborenen verbarg und die sie auf dem Balkon ihrer Frankfurter Wohnung gelagert hatte. „Wir trauern“, steht über ausgebrannten kleinen Grablichten, einem Bärchen und einem Herz aus Plüsch. Vor dem Grundstück steht ein Polizeibus, hinten im Garten ein zweiter.

Die Polizeiangaben hatte das Grundstück in Brieskow-Finkenheerd sowie Wohnungen der Tatverdächtigen in Frankfurt (Oder) und Eisenhüttenstadt durchsucht. Auch die Staatsanwaltschaft war zunächst mit der „üblichen Fusselarbeit“ beschäftigt. Der ehemalige Ehemann von Sabine H. wurde vernommen. Seine Aussage deckt sich insofern mit der von Sabine H., als beide bestreiten, daß er etwas von den Schwangerschaften gewußt haben will.

Ein forensisch-psychiatrisches Gutachten der mutmaßlichen Täterin wurde erstellt. „Das macht man grundsätzlich bei Tötungsdelikten - immer“, sagt der Oberstaatsanwalt Ulrich Scherding aus Frankfurt (Oder). „Im Fall einer Frau, die ihre Kinder umbringt und sie zu sich auf den Balkon stellt, um bei ihnen zu sein, drängt es sich natürlich besonders auf.“ Die externen Gutachter bekommen auszugsweise Akten der Staatsanwaltschaft.

Außerdem wurden Tests gemacht, etwa, um den Intelligenzquotienten der Tatverdächtigen zu bestimmen. Mit der Anklageerhebung wartet die Staatsanwaltschaft in der Regel, bis das Gutachten vorliegt. Das dauerte einige Monate. Auch die Ergebnisse der DNS-Analyse der Kinderleichname liegen inzwischen vor.

Quelle: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 7
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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