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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Diane Kruger im Gespräch „Ich liebe simple, einfache Sachen“

 ·  Seit sie die Helena im Film Troja spielte, ist Schauspielerin Diane Kruger ein gefragter Star. Im Interview spricht sie über deutschen Humor, Klischees und ihr misslungenes erstes Date mit Freund Joshua Jackson.

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© Gilboa/Cinetext Diane Kruger lacht gerne und manchmal auch über sich selbst.

Vom 8000-Seelen-Dörfchen Algermissen in Niedersachsen über Paris hat es Diane Kruger bis nach Hollywood geschafft. Die als Diane Heidkrüger Geborene zählt zu den seltenen deutschen Exemplaren ihrer Zunft, deren Namen sogar Kinobesucher in Amerika schon einmal gehört haben. Dass Kruger auch lustig kann, bewies sie schon in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“. Jetzt macht sie als Komödiantin richtig Ernst: In „Der Nächste, bitte“ spielen sie und Frankreichs Star-Spaßmacher Danny Boon ein ungleiches Paar, das, wie es in Komödien nun einmal so ist, erst einmal aneinandergerät, um dann am Ende doch ungeahnte Qualitäten im Partner zu entdecken. Ist das alles nur gespielt, oder ist Diane Kruger etwa wirklich witzig? Im „Hotel de Rome“ in Berlin erscheint sie in einem eleganten, schwarzen Kleid mit ebenso schwarzen High Heels. Das ist keine Überraschung. Denn Sinn für Stil hatten wir eigentlich erwartet.

Als Deutsche mit Hauptwohnsitz Paris kennen Sie sich ja in beiden Kulturen aus. Was unterscheidet den deutschen vom französischen Humor?

Ich bin nun schon zwanzig Jahre aus Deutschland weg, so viele deutsche Komödien sehe ich nicht mehr. Früher war das anders, ich bin ja mit Komikern wie Otto Waalkes aufgewachsen. Andererseits war aber auch der Franzose Louis de Funès damals bei uns in Deutschland sehr bekannt. Vielleicht unterscheidet sich der Humor in beiden Ländern gar nicht so sehr. Auch die Komödie meines französischen Filmpartners Danny Boon, „Willkommen bei den Sch’tis“, ist in Deutschland sehr gut angekommen.

Worüber lachen Sie persönlich?

Die Liste ist zu lang, um alles aufzuzählen. Aber manchmal lache ich über mich selbst, über das Leben und manchmal auch über Politik. Ich mag Komödien mit krassem Humor, wie zum Beispiel „Bridesmaids“.

Apropos krasser Humor. Blondinen sind oft Thema von Witzen. Welche kennen Sie denn als Blondine?

(Lacht) Ein Witz über Blondinen? Da gab es doch einen, warten Sie mal. Ich glaube, ich weiß noch, wie der anfängt: Macht eine Blondine Licht an und die Autotür auf. So ähnlich geht der doch, oder?

So ähnlich. „Wie macht eine Blondine nach dem Sex das Licht an? Sie öffnet die Autotür.“ Den Deutschen wird nachgesagt, dass sie gern beim Bier zusammensitzen und sich Witze erzählen. Bei welchen Gelegenheiten spüren Sie diese genetische Anlage?

Ich im Biergarten? Wenn wir in Los Angeles sind, gehen wir ganz selten aus. In dieser Stadt muss man ständig fahren, da passiert fast alles bei Leuten zu Hause. Wir haben ständig Gäste; ich liebe es zu kochen und Leute um mich zu haben.

Auch dieser Film suggeriert wieder einmal, dass Humor Männer sexy macht. Ist das ein Klischee?

Danny ist so süß in dem Film. Wir Frauen stellen uns immer tausend Fragen über alles, wir diskutieren hin und her und sehen alles ein bisschen zu kompliziert. Deswegen finden wir die Leichtigkeit, mit der ein Mann an eine Sache herangeht, vielleicht so interessant.

Wie viel Humor hat Ihr Partner?

Er hat sehr viel Humor.

Was ist Ihnen letztendlich wichtiger: Humor oder Intellekt?

Das eine schließt das andere nicht aus. Aber wenn er nur witzig wäre, fände ich das auch nicht so super. Doch, ein Mann sollte auf jeden Fall Humor haben, das gehört für mich dazu.

Ihr Freund Joshua Jackson, ebenfalls Schauspieler und vor allem aus den Fernsehserien „Dawson’s Creek“ und „Fringe“ bekannt, hat in einem Interview ausgeplaudert, Ihr erstes gemeinsames Date soll die reinste Katastrophe gewesen sein, inklusive einer allergischen Reaktion Ihrerseits. Das hört sich eigentlich ziemlich komisch an.

(Lacht) Es war eine komische Situation. Ich habe gedacht, er kommt nur auf einen Drink vorbei, ich habe damals in einem Hotel gewohnt. Und ich hatte gar nicht vor, mit ihm zum Essen zu gehen, weil ich ihn eigentlich auch gar nicht so mochte. Ich wollte nicht mit ihm ausgehen. Wir saßen also unten in der Hotelbar, ich habe schon auf die Uhr geguckt, weil ich etwas anderes vorhatte. Aber ich wollte ihm auch nicht das Herz brechen, als er mir sagte, dass er für uns in einem super Restaurant einen Tisch reserviert hat.

Das klingt nicht gut.

Es war der schlechteste Abend, den wir jemals zusammen verbracht haben (lacht). Unser erstes Date war wirklich eine Katastrophe. Das Schlimmste war, dass er dann sogar noch versucht hat, mich zu küssen, als er mich nach Hause gebracht hat. Ich zu ihm: Willst du mich verarschen? Ich bin dann aus dem Auto gerannt.

Worauf haben Sie denn allergisch reagiert?

Ich habe Allergien. In dem Fall waren es wahrscheinlich die Blumen in dem Restaurant.

Womit hat Ihr Freund Sie das erste Mal zum Lachen gebracht?

Damals war er noch nicht mein Freund. Aber es war die Kleenex-Box, die er mir mit den Blumen nach unserem Date geschickt hat. Er hat mich von Anfang an zum Lachen gebracht.

Im Film verlieben Sie sich auf den dritten Blick, privat war es also auch nicht der erste, sondern der zweite Blick?

Ich weiß nicht, ob es der zweite Blick war. Manche Leute sitzen sich irgendwo gegenüber und sagen, das ist die Person für mich. Aber bis jetzt ist es bei mir immer so gewesen, dass ich jemanden erst einmal kennenlernen musste. Wer weiß, ob es in der Zukunft noch etwas anderes gibt?

Womit zieht Ihr Freund Sie auf?

Manchmal damit, dass ich so deutsch und immer so pünktlich bin. Die Liste ist lang (lacht).

Es ist ein Spiel mit Klischees?

Ja. Aber es ist ja auch witzig. Wenn ich richtig sauer bin, was eigentlich nicht oft vorkommt, dann werde ich normalerweise ganz leise und sage gar nichts mehr. Aber wenn ich dann doch wirklich wütend und sehr in Rage bin, kommt mein deutscher Akzent raus. Dann weiß er eigentlich, jetzt sollte er besser die Klappe halten, aber weil er das so komisch findet, provoziert er mich weiter, um sich auf meine Kosten zu amüsieren. Das ist dann nicht unbedingt toll.

Missverständnisse zwischen Männern und Frauen sind ein weiteres Thema Ihrer Komödie. Was ist das größte Vorurteil, das Männer über Sie haben?

Was weiß ich, was die Männer über mich denken? Das kann ich nicht beurteilen. Aber der Unterschied zwischen Mann und Frau ist schon unglaublich. Je länger man mit jemandem zusammen ist, umso mehr sieht man es. Wir sind fast sieben Jahre zusammen, es gibt echt so ein paar Sachen. Wenn er eine Geschichte erzählt, hört sie sich ganz anders an, als ich sie erlebt habe. Oder wenn wir uns über etwas streiten, hat er eine ganz andere Version davon als ich. Das ist doch unglaublich. Manchmal denke ich, er macht das mit Absicht. Aber Männer und Frauen sind nun einmal verschieden.

Manchmal werden Sie als kühl und unnahbar beschrieben. Ist das ein Missverständnis oder eine Schutzhülle?

Dazu kann ich nichts sagen. Da müssten Sie diejenigen fragen, die das über mich geschrieben haben. Ich selbst fühle mich weder kühl noch unnahbar.

Es heißt ja, Frauen würden im Filmgeschäft auf ihr Äußeres reduziert. Können Sie das bestätigen?

In Amerika ist es so. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist. Aber in Frankreich ist es auch noch einmal ganz anders. Der erste Schauspieler, der in einem amerikanischen Film engagiert wird, ist grundsätzlich ein Mann, bis auf ein paar Ausnahmen. Und diese männlichen Hollywood-Stars dürfen sich meistens aussuchen, wer ihre weiblichen Kollegen sind. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien das läuft und ob das tatsächlich mit dem Aussehen zu tun hat. Aber ich finde schon, in Amerika ist es immer noch sehr ein „boys’ club“. Es macht dort einen großen Unterschied, ob man ein Mann oder eine Frau ist.

In Deutschland hatten wir gerade eine Sexismus-Debatte, verursacht durch Äußerungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle. Es ging auch um die Frage, wie sich Männer in Führungspositionen Frauen gegenüber verhalten. Im Model- und Filmbusiness sind die meisten Entscheidungsträger Männer. Was für Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Je erfolgreicher man als Frau wird, desto mehr wird man respektiert. Man sollte zwar nichts verallgemeinern, aber diese Strukturen existieren. Aber jede Frau macht da ihre eigenen Erfahrungen. In Hollywood ist es zum Beispiel so: Wenn ein Schauspieler mit irgendetwas nicht einverstanden ist, was seine Rolle oder das Projekt betrifft, wenn er das Drehbuch kritisiert, dann ist er ein „guter Geschäftsmann“. Oder er gilt als leidenschaftlich, was seine Arbeit angeht. Er ist eben ein Charakterschauspieler. Aber wenn eine Frau etwas sagt, dann ist sie „schwierig“ oder eine Zicke. Das kann man manchmal nur schwer schlucken. Aber auf der anderen Seite weiß man das als Schauspielerin und versucht, damit zurechtzukommen. Aber manchmal finde ich das schon ein bisschen unverschämt.

Welche Strategie haben Sie entwickelt, um damit zu leben?

Ich habe nicht unbedingt eine Strategie. Aber irgendwann, wenn man erwachsen wird, muss man gerade als Frau dazu stehen, dass man nicht allen Leuten gefallen kann. Und wenn manche Leute mich zickig oder schwierig finden, dann muss ich ganz ehrlich sagen, akzeptiere ich das. Weil ich lieber widerspreche, als zu allem „ja“ zu sagen. Außerdem bin ich diejenige, die dann am Ende auf der Leinwand zu sehen ist und nicht irgendein Typ.

Wie reagieren Sie auf blöde Anmache?

Ich sage es mittlerweile, wenn mich etwas stört. Anfangs habe ich geschwiegen und es runtergeschluckt. Aber ich bin jetzt erwachsener und habe gelernt, mich in solchen Situationen nicht zu verbiegen und den Mund aufzumachen. Das ist therapeutisch. Ich lasse mir nichts gefallen. Und ich lasse mich auch nicht mehr in dem Maße verunsichern, dass ich mich darüber aufrege. Ich weiß inzwischen, wie ich mir Respekt verschaffe.

Sie haben Ihre Karriere als Model gestartet. Wo wird mehr gebaggert, im Mode- oder im Filmgeschäft?

Mir gegenüber hat noch nie jemand in der Branche sexuelle Andeutungen gemacht, auch nicht beim Modeln. Ich war sechzehn, als ich angefangen habe, damals war ich ja noch ein Kind, das sich in einer Erwachsenenwelt zurechtfinden musste. Ich glaube, als junge Frau oder als junges Mädchen weiß man auch noch gar nicht, warum auf einmal jemand sagt, dass du schön bist. Das war eine besondere Erfahrung. Und dadurch habe ich auch gelernt, wie sehr man als Frau aus diesem Grund Macht über Männer haben kann. Und das ist die Kehrseite dieser Geschichte.

Und heute?

Als Erwachsene in meiner Branche finde ich es heute eigentlich sehr schön, wenn mir jemand sagt: Ich finde dich sehr hübsch. Oder: Ich finde dich schön. Und das würde ich nicht als unverschämt oder als Erniedrigung empfinden. Aber wenn mich jemand behandelt, als sei ich dumm oder würde etwas nicht verstehen, das regt mich mehr auf, als wenn jemand einen blöden Witz über mich macht und sagt: Dein Rock könnte aber auch ein bisschen länger sein. Ein Typ, der so einen Spruch macht, tut mir sowieso leid (lacht).

Sie sind viel unterwegs, arbeiten in verschiedenen Ländern. Was ist Ihr Rezept gegen die Einsamkeit?

Am allerliebsten ist es mir, jemanden mitzunehmen, entweder einen Freund oder eine Freundin. Das habe ich auch schon ein paarmal gemacht, meine Freunde haben dann als meine Assistenten gearbeitet. Aber das ist gar nicht so einfach, denn sie haben ihr eigenes Leben und ihre eigenen Jobs. Bei den Dreharbeiten zu „Inglourious Basterds“ habe ich eine Deutsche aus dem Produktionsteam kennengelernt. Die habe ich dann als Assistentin eingestellt. Und mittlerweile ist sie eine meiner besten Freundinnen geworden. Aber jetzt arbeitet sie leider für jemand anderen. Es tut mir jetzt fast ein bisschen leid, weil wir uns so gut verstanden haben.

Wie ist es, wenn Sie in Paris essen gehen, der Stadt mit den leckeren Menüs: Tragen Sie da ständig diesen Kampf mit sich aus, nehme ich noch den Nachtisch, oder ist nach dem Hauptgericht Schluss?

(Lacht) Mmh, ich habe noch nie gesagt, das kann ich jetzt nicht essen. Wenn ich wirklich Appetit auf etwas habe, dann esse ich das auch. Ich versuche es auszubalancieren.

Hinter Ihrem Erfolg steckt auch viel Disziplin. Wann können Sie sich gehenlassen?

Wenn ich mich ins Auto setze und nach Hause fahre. Ich habe mittlerweile gelernt, den Job auch Job sein zu lassen. Und ich bin sofort privat, praktisch sofort nach dem Dreh lege ich den Schalter um. Das ist für uns Schauspieler auch wichtig. Ich weiß, dass viele Schauspieler das nicht schaffen. Ich habe es auch lange Zeit nicht gerafft. Vielleicht kam es dadurch, dass ich meinen Partner kennengelernt habe. Aber irgendwann habe ich verstanden, dass ich nie so eine schöne Rolle spielen werde wie mein eigenes Leben.

Funktioniert das immer, den Schalter umzulegen?

Das ist manchmal schwierig. Und manchmal muss ich dann eben auch alleine sein. Das hat nichts mit dem anderen zu tun, wenn es mir schlechtgeht. Und manchmal verbringt man dann eben auch ein Wochenende nicht zusammen.

Sie sagten, dass Sie gern kochen. Wir hätten Sie jetzt nicht zwingend in der Küche vermutet. Was fühlen Sie, wenn Sie am Herd stehen?

Es ist wie Wandern. Ich liebe solche simplen, einfachen Sachen. Manchmal, wenn ich mit Freunden Ärger habe oder mit Josh - so kleine Reibereien gibt es ja immer mal wieder -, dann sage ich: Lass uns einen Kuchen backen. Und dann sitzen wir beide in der Küche, und dann ist alles wieder gut.

Haben Sie ein Spezial-Kuchen-Rezept zur Konfliktbewältigung?

Nein, ich bin eigentlich schlecht im Kuchenbacken, Josh kann es besser. Ich bin mehr Köchin, Lamm und solche Sachen, und auch Soßen liegen mir.

Und auch da ist Kalorienzählen dann kein Thema?

(Lacht) Nein. Also, wenn man kocht, kann man nicht auf Kalorien gucken.

Wenn Sie an „Troja“ zurückdenken - wie mutig mussten Sie sein, um „Helena“, die schönste Frau der Welt, zu spielen?

Dazu brauchte ich keinen Mut. Damals hatte ich keinen Agenten in Amerika, die haben mich für „Troja“ einfach aus dem Heuhaufen gepickt. Ich wusste ganz genau, es war ein super Sprungbrett für mich. Auf der anderen Seite war es auch sehr gefährlich, weil jeder mitredet bei solchen großen historischen Figuren. Alle haben eine Meinung darüber, wie sie aussieht, wie sie war und so weiter. Ich war so grün und unerfahren.

Das war vielleicht ganz gut.

Wahrscheinlich, ja. Ich gucke darauf zurück mit einem schmunzelnden Auge, und auf der anderen Seite denke ich ein bisschen, oh je ... (lacht).

Die Fragen stellte Bettina Aust.

„Der Nächste, bitte“ startet am Donnerstag in den Kinos.

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