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Deutschland : Der Wolf am Schafspelz

Geknipst, nicht geschossen: Wolfsrudel im Revier Göritz, im Februar nachts vom Licht der Fotofalle getroffen. Bild: ZB

Längst ist der Wolf wieder heimisch in Deutschland. Während der Hüte-Saison stellt das die Schäfer vor große Schwierigkeiten. Ein Besuch in der Sächsischen Schweiz.

          Den 13. März 2012 wird Manfred Horn so schnell nicht vergessen. Am Tag zuvor hatte der Schäfer aus Berthelsdorf am Rande der Sächsischen Schweiz seine im Vorjahr geborenen Jungschafe auf die Weide gebracht. Der Schnee war weg, die Luft aber noch kalt, für die Tiere gab es einen Unterstand. Als er morgens um halb fünf nach der Herde sehen wollte, kamen ihm die ersten Schafe schon entgegen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Sie waren paralysiert“, erinnert sich der 47 Jahre alte Mann, dessen Stimme sich beim Schildern der Ereignisse überschlägt. Einige Tiere hatten sich im Zaun verheddert, andere waren in den Unterstand geflüchtet. Dort fand Horn vier am Boden liegende Schafe mit durchgebissenen Kehlen, ein weiteres Tier war schwer verletzt und verendete später. „Ein furchtbarer Anblick!“ Dem Schäfer war sofort klar, wem er das zu verdanken hatte: „Warum müssen wir Wölfe wieder zulassen?“

          Das ist die Frage, die vor allem die Schäfer beschäftigt, seit der Wolf hierzulande wieder heimisch wird. Er gilt als Symbol einer wieder intakten Natur. Aber er stellt ausgerechnet Landwirte vor Probleme, die nicht für Massentierhaltung, sondern für ökologische Landwirtschaft und Landschaftspflege stehen - wie Schaf- und Ziegenhalter. Horn ist Schäfer in fünfter Generation, mit 200 Tieren und 65 Hektar Land. Vom Frühjahr bis zum Herbst sind die Schafe draußen auf der Weide, nebenbei baut er Futter für die Stallzeit im Winter an. „Mein Kleinbetrieb reicht mir völlig“, sagt er. „Eigentlich bin ich sehr glücklich damit.“ Seit jedoch der Wolf bei ihm war, kämpft Horn gegen ihn. In großen Lettern heißt es am Zaun seines Gehöfts: „Wir brauchen keinen Wolf.“

          Der Wolf ist nicht vom Aussterben bedroht, aber in Deutschland streng geschützt. Ihn zu jagen ist verboten. „Wir können mit dem Wolf leben, wir müssen uns nur an ihn gewöhnen“, sagt Vanessa Ludwig, die Leiterin des „Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz“. Die Biologin will vor allem aufklären. Wölfe würden heute immer noch wie im Märchen mystifiziert.

          Sieht sich bedroht: Schäfer Eberhard Klose mag Wölfe nicht.
          Sieht sich bedroht: Schäfer Eberhard Klose mag Wölfe nicht. : Bild: Stefan Locke

          Seit im Jahr 2000 zum ersten Mal ein Wolfspaar wieder Welpen hierzulande aufzog, verbreiten sich die Raubtiere. Heute leben acht Rudel in Sachsen und sieben in Brandenburg. In Mecklenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Schleswig-Holstein wurde je eines gesichtet. „Ein Rudel ist ein Elternpaar mit im Schnitt sechs Jungtieren“, erklärt Ludwig. Nach ein bis zwei Jahren suchten sich die Jungtiere dann eigene Reviere und Partner.

          Die Schäfer fordern, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. „Wölfe gehören nicht in unsere Kulturlandschaft.“ Und „Wölfe wurden früher nicht umsonst bekämpft und ausgerottet.“ So heißt es in einer Petition mit 9000 Unterschriften, die sie an den Sächsischen Landtag übergaben. Ein Schäfer plädiert dafür, klare Grenzen zu setzen, zum Beispiel an Siedlungen: „Wenn der Wolf die übertritt, wird er erschossen.“

          Schäfer Eberhard Klose aus dem benachbarten Oberottendorf sagt: „Unsere Existenz ist bedroht.“ Noch seien die Verluste zu verschmerzen. Unzumutbar sei jedoch schon jetzt der Aufwand, mit dem die Herden vor Angriffen geschützt werden müssen. Früher spannte Klose zwei Elektrodrähte in 30 und 60 Zentimeter Höhe um die Weide, damit die Schafe beieinander blieben. Gut vier Stunden dauerte es mit zwei Mann, zehn Hektar einzuzäunen. Heute braucht er für die halbe Fläche einen Tag. Mindestens 90 Zentimeter hohe Elektronetze muss er spannen und tief im Boden verankern. „Im Sommer wechseln wir jeden zweiten Tag die Weide“, sagt er. „Da können Sie sich ausrechnen, dass wir mit der Arbeit nicht mehr fertig werden.“

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