Auf Krücken humpelt der Vorsitzende des Männergesangvereins Eintracht 1880 auf den Hof. Ausgerechnet Stefan Wachendörfer, den mit 50 Jahren jüngsten Zeilsheimer Sänger, zwingt eine Operation an den Stock. Ungestützt könnte er das Ständchen für die Besucher einer Gärtnerei nicht durchstehen. Viele seiner Sangesbrüder haben den Krieg erlebt. Auch sein Vater, der selbst einmal Vorsitzender des MGV war, singt noch mit. Die Witwer in der Gruppe tauschen ihre häusliche Einsamkeit gegen gesellige Chorproben.
Vor hundert Jahren bot sich noch ein anderes Bild. Damals blühten die Männergesangvereine. Weilte ein Musikbeflissener einige Tage am „goldenen Rhein“, gründete er prompt einen Chor mit dem Namen „Loreley“ oder „Stolzenfels“. Raue Männerkehlen fanden sich in der „Eintracht“, oder nannten ihren Verein „Concordia“. Die Gefühle der Sangesfreudigen waren patriotisch und naturverbunden. Das Singen im Verein, vor allem in den Arbeitergesangvereinen, lenkte von der oft harten Tagesarbeit ab. Man besang das Heimatland, den Wald, den goldenen Rebensaft und die Liebe. In den Liedern zog man als „Spielmann“ oder „Jäger“ umher - und fühlte sich frei wie ein „Zigeuner“.
Nur noch 141 Mitglieder
Heute ist der Quell von Jugend und Gemeinsamkeit ausgetrocknet. Lag die Mitgliederzahl der Eintracht im Jahr 2000 noch bei 235, sind es heute nur noch 141. 36 singen im Chor, an diesem Nachmittag gerade mal 25. Trotzdem: Als der weißbärtige Chorleiter, der sein dirigierendes Handwerk schon im dritten Jahrzehnt verrichtet, mit einem energischen Händeklatschen den Beginn des Konzertes ankündigt, rückt die Seniorentruppe zusammen. Notenmappen schnellen in die Höhe, die Stimmgabel gibt den Ton an. Eichendorffs „Abendlich schon rauscht der Wald“ erklingt. Manchmal zitternd, doch das stört niemanden. Stefan Wachendörfers Krücken verschwinden im Halbrund der einträchtigen Männer.
Eichendorffs Romantik ist der kleinste gemeinsame Nenner deutscher Männerchormusik. Vom Sänger verlangt sie Einfühlungsvermögen. Manchen Zuhörer wiegt sie in einen Tagtraum. Aber es ist womöglich genau dieses Einfühlungsvermögen, das dem in die Jahre gekommenen MGV abgeht. Denn wahre Gefühle im Kollektiv zu vermitteln ist schwierig. Und ein Hang zur Gefühlsduselei „in diesem Alter“, so urteilt der Musikpädagoge Friedhelm Brusniak von der Universität Würzburg, „darf zumindest bezweifelt werden“. Das nehme einem 70 Jahre alten Mann niemand mehr ab. Romantik auf Krücken trägt nur bedingt. Die Romantiker gehörten schließlich einer Generation an, die um 1800 zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt war.
„Leben, Liebe, Lust, Leid“
Männerchöre sind ein Kind des 19. Jahrhunderts. Gesangvereine galten seinerzeit als politische Vereine: Liedtexten drohte die Zensur, unliebsamen Chorleitern - oft waren es Volksschullehrer - die Versetzung. Frauen hingegen hatten noch keine politischen Rechte. Sie durften zwar in einem Chor singen, sich aber nicht mit gleichgesinnten Sängerinnen in einem Verein zusammen tun. Bis heute sei das ein wesentlicher Grund für die Flut an Männerchor-Produktionen, erklärt Brusniak. Anfänglich war die Männerchor-Literatur vor allem durch die nationalen Bestrebungen des Vormärz inspiriert. Die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs 1871 führte deshalb zu einer Identitätskrise. Welche Werte sollte man nun, da der Kaiser gekrönt war, noch besingen? Der Versuch des Sängerbundes, analog zu dem Turner-Wahlspruch („Frisch, fromm, fröhlich, frei“), ein eigenes Signum in Gestalt der vier L zu installieren („Leben, Liebe, Lust, Leid“), schlug jedenfalls fehl.
Und ihr Anspruch heute? In Zeilsheim setzt man klare Schwerpunkte: Goldene Hochzeiten, runde Geburtstage, Vereinsjubiläen. Wer zur Dorfgemeinschaft gehört, bekommt ein Ständchen zum Achtzigsten. Auch habe der Benefizgedanke von Anfang an eine bedeutende Rolle gespielt, sagt Friedhelm Brusniak. Männergesangvereine singen für Witwen, Waisen und Senioren. „Viele sind froh, dass es uns gibt“, meint Josef Wachendörfer. Zwischen Wald und Wiesen ist der soziale Anspruch genauso wichtig wie der musische. Mendelssohn weicht bisweilen der Gaststätte „Nassauer Hof“, wo man bis spätabends am Stammtisch zusammensitzt. Vor 40 Jahren hatte der MGV Eintracht noch einen Ruf zu verlieren: 1972 sang er in der fast ausverkauften Jahrhunderthalle. Regelmäßig traten die Frankfurter Männer mit Sinfonieorchestern auf und konnten Solisten wie die Operettensängerin Margit Schramm verpflichten.
Neue Anreize werden gebraucht
Immer noch scheint der musikalische Erfolg ein wichtiges Motiv für junge Menschen zu sein, sich in einem Chor zu engagieren. Der Männerchor „Cäcilia“ aus dem Limburger Stadtteil Lindenholzhausen ist dafür ein Beispiel. Seit 2004 darf er sich Chor-Olympiasieger nennen. Bei den „Choir Olympics“ in Bremen erreichten die knapp 90 Männer die höchste Punktzahl aller 360 teilnehmenden europäischen Chöre. Konzertreisen haben sie bereits in den Petersdom nach Rom oder die Shanghai Concert Hall geführt. „Man muss Anreize setzen“, sagt der Cäcilia-Vorsitzende Johannes Otto. Den zweiten Männerchor des Ortes, die „Harmonie“, betrachte man als „gesunde Konkurrenz, die beflügelt“, sagt der 48 Jahre alte „Cäcilianer“ Thomas Ewert, der seit 33 Jahren bei den Limburgern mitsingt.
Doch selbst einem Ausnahme-Chor wie der „Cäcilia“ fliegen die Erfolge nicht einfach zu. Er muss sich in einem schwierigen soziokulturellen Umfeld behaupten: Der demografische Wandel spiegele sich bei ihnen wider, erklärt Ewert. Zudem erschwere in Hessen eine verkürzte Schulzeit („G8“) die Nachwuchsarbeit. Die Jugendlichen seien dadurch zeitlich stärker beansprucht. Trotzdem: Zurzeit zähle der Chor sechs junge Sänger zwischen 14 und 18 Jahren, die im Jugendchor groß geworden seien, erzählt Kassenwart Ewert. Einer von ihnen, der mit 14 Jahren jüngste, singt nun an der Seite seines 85 Jahre alten Großvaters. Überhaupt sieht die globale Entwicklung bei den Jüngsten vielversprechend aus: Während der Deutsche Chorverband (DCV) ein „altershomogenes“ Sterben vieler Männerchöre beklagt, freut sich DCV-Präsident Henning Scherf über eine seit 2008 positive Mitgliederentwicklung bei Kindern und Jugendlichen.
Konkurrenz von den Projektchören
Konkurrenz bekommen die stehenden Chorvereine immer häufiger auch von bloß temporär agierenden Gruppen, den sogenannten Projektchören. Was die Bürgerinitiativen für die Politik sind, das sind die Projektchöre für die deutsche Chormusik. Ihre Sänger finden sich meist nur für ein Konzert zusammen und lösen sich dann auf oder organisieren sich um. Viele Jugendliche und junge Erwachsener möchten eben nicht ihre Mobilität verlieren, sagt Professor Brusniak. Dabei böte der Verein als Organisationsform doch manche Chance. Viele Kommunen haben Richtlinien zur Förderung ihrer Chöre und Gesangvereine erlassen. Sie gewähren einen jährlichen Zuschuss, fördern öffentliche Auftritte und die Jugendarbeit. Brusniak plädiert dafür, solches Engagement auch im Hinblick auf Ausbildung und Studium anzuerkennen. Wer in einem Leistungschor gesungen habe, solle sich das bescheinigen lassen und davon im Studium profitieren können.
Vereine gewährleisten schließlich auch musische Kontinuität: „Bei einem Projektchor besteht die Gefahr, dass gesangs- und atemtechnisches Training nicht nachhaltig gefördert wird.“ Vor allem in ländlichen Regionen sei außerdem eine flächendeckende Grundversorgung mit Chorleitern, geeigneten Musikpädagogen und Kirchenmusikern nicht mehr vorhanden, sorgt sich der frühere Bremer Bürgermeister Scherf. So treibt Stefan Wachendörfer, den „Eintracht“-Vorsitzenden, die Frage um, wer denn in ein paar Jahren die Zeilsheimer Männer dirigieren wird. Immerhin bekleidet Chorleiter Hans Peter Jung das Amt schon seit 1977.
Neben musikalischen Fertigkeiten sollte ein Chorleiter auch die Fähigkeit mitbringen, auf seinen Chor zu hören. „Demokratisierung in der Meinungsbildung“ nennt Brusniak das. Die Sänger sollten gemeinsam Entscheidungen treffen. Er regt an, „Chorsprecher“ einzusetzen. Sie könnten die Meinung der Chormitglieder gegenüber dem Chorleiter artikulieren. Er selbst hat Chöre geleitet. Es sei wichtig, gewachsene Strukturen zu respektieren. Bei einem Männerchor oblag die Gestaltung einer Probenhälfte ganz dem Chor. In der anderen Hälfte habe er dann neues Repertoire einführen können.
Reine Männersache
Auch die Sänger sollten aufeinander hören. Die Älteren, so Brusniak, seien gut beraten, darauf zu achten, wie die Jüngeren sich artikulierten. „Für mich wäre es ein Motivationsproblem gewesen, nur Chorliteratur aus den Fünfzigern und Sechzigern zu singen“, erklärt beispielsweise der 29 Jahre alte Michael Becker, der seit 2007 im Männerchor „Cäcilia“ singt. Heute singe man sogar schwedische und ungarische Stücke.
„Chormusik steht in historischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhängen. Deren Kenntnis ist für die Erarbeitung, Aufführung und Vermittlung von Chorwerken unabdingbar. Dabei muss die Interpretation sprachgebundener Chorwerke die enge Verflechtung von Text und Musik berücksichtigen.“ Das ist eine der 2002 von einer Forschergruppe aufgestellten „Essener Thesen zum Chorsingen im 21. Jahrhundert“. Brusniak hat diese Verflechtung in der Praxis erprobt. Der Sängerkreis Erlangen bat ihn einmal um Hilfe bei der Entwicklung eines neuen Konzertprogramms. Er verband seine Einwilligung mit der vagen Auflage, die Sänger müssten eine „Bereitschaft zu Neuem“ mitbringen: „Wir machen ein Konzert, in dem die Texte im Vordergrund stehen.“ Dazu nahm er einen Text und zeigte den Sängern, auf welch unterschiedliche Weise Komponisten ihn interpretiert haben. Die Sänger fanden so heraus, welche Version ihnen lag. Es ging darum, die Aufmerksamkeit des Sängers und des Hörers zu steigern.
Freilich ist eine solche Experimentierfreude selten. In der Regel gehen Eintracht und Frohsinn ihren gewohnten Trott. Der Nachwuchs bleibt aus. So verändere sich die Männerchor-Szene stark, sagt Henning Scherf, der als Junge in einem Knabenchor sang und selbst noch im Bremer „RathsChor“ singt. Damit meint er vor allem die Darbietungsform. Denn dem Sterben vieler Männerchöre stünden viele neue Vokalensembles, kleine A-Cappella-Gruppen und „Vocal Bands“ gegenüber. Von Monteverdi bis Moderne hätten die alles drauf. Dieser Wandel lässt den DCV nicht kalt: Der Fokus des Deutschen Chorfestes, das zurzeit in Frankfurt stattfindet, liegt auf den Männerchören. Passend dazu hat der Deutsche Chorverband mit dem Hessischen Sängerbund ein Männerchorliederbuch erarbeitet. Titel: „Reine Männersache“.
Am Deutschen Chorfest 2012, das am Donnerstag in Frankfurt begann, nehmen etwa 500 Chöre mit fast 20.000 Sängerinnen und Sängern teil. Das sind doppelt so viele Ensembles wie beim letzten Chorfest im Jahr 2008 in Bremen. Bei den gut 600 Konzerten kommen die unterschiedlichsten Musikrichtungen zur Geltung, von Gregorianik bis Gospel, von traditioneller bis experimenteller Musik, von Bach bis zu den Beatles.
Gesungen wird zum Beispiel am Römerberg, dem Mainufer, in den Innenstadtkirchen, der Alten Oper und in sozialen Einrichtungen. An diesem Samstag besucht Bundespräsident Joachim Gauck um 19 Uhr das Festkonzert in der Jahrhunderthalle.